29.03.2019 - 19:59 Uhr
SchwarzenfeldOberpfalz

Trotz allem: Landarzt "ist ein schöner Beruf"

Alteingesessene Ärzte haben Probleme Nachfolger zu finden. Der Freistaat zahlt inzwischen "Kopfprämien", damit Ärzte aufs Land gehen. In Schwarzenfeld kann er das Geld stecken lassen.

33 Jahre betrieb Dr. Johannes Müller (rechts) seine Praxis in der Ortsmitte von Schwarzenfeld. Mit Dr. Philipp Gußmann hat er in Zeiten, in denen es schwer ist, junge Allgemeinmediziner aufs Land zu holen, einen Nachfolger gefunden.
von Claudia Völkl Kontakt Profil

Dr. Johannes Müller hat die Praxisschlüssel an Dr. Philipp Gußmann übergeben. Müller geht noch einmal durch "seine Räume", in denen er 33 Jahre praktizierte. Dem 68-Jährigen fiel ein Stein vom Herzen, als der nahtlose Übergang unter Dach und Fach war. Hausarzt ist im Ranking mittlerweile alles andere als ein Traumberuf. Junge Kollegen streben Facharztpraxen an. Die letzten Tage und Wochen hieß es Abschied nehmen von vielen Patienten. Bei manchen hätte Johannes Müller "fast mitgeweint", haben sich doch über Jahrzehnte enge Bindungen ergeben. Trotz Arbeitsbelastung und Bürokratiemonstern bei Abrechnungen oder Reha-Anträgen: "Ich habe meine Berufswahl nie bereut", fasst der Mediziner an seinem letzten Arbeitstag zusammen. Er war allerdings "vorbelastet": Mit Vater Paul, der in der Bergstraße eine eigene Praxis betrieb, waren die Fußstapfen vorgegeben. Johannes Müller kombinierte das Medizin- mit einem Psychologiestudium. 1985 dann die erste eigene Praxis. Nach einem kurzen Gastspiel im Deiselkühner Weg ergab sich gut ein Jahr später die Möglichkeit, zentral in der Ortsmitte eine Arztpraxis zu eröffnen. Die Zahl der Patienten blieb stets bei rund 900. Und das wurde von dem Mediziner "ganz bewusst so gesteuert". Das Pensum sollte nie zu viel werden. Medizin im Fünf-Minuten-Takt "war nie meine Sache, man muss sich für jeden Patienten eine gewisse Zeit nehmen". Es sei nicht der Regelfall, "doch bei Menschen in Notsituationen ist auch mal ein halbstündiges Gespräch nötig, obwohl der Arzt nur einige Euro dafür bekommt". Neben den Sprechstunden waren die täglichen Hausbesuche zu bewältigen, die Besuche im Pflegeheim.

"Richtig an die Substanz" sei die Zeit gegangen, in der es keine Trennung von Notarzt und diensthabenden Arzt gab: "Am Dienstwochenende wurde man auch mal nachts drei mal rausgeklingelt, am Montag ging es mit kleinen Augen wieder in die Praxis". Doch hier wartete noch eine Woche Hintergrunddienst, wurde der Arzt zum Bergmann mit Erstickungsanfällen oder zum Kleinkind mit Fieber gerufen. "Oft habe ich mich aus dem Haus geschlichen, um meine Frau und meine Kinder nicht zu wecken", erinnert sich der Mediziner. "Wenn sich hier nichts geändert hätte, wäre das auf Dauer nicht mehr zu schaffen gewesen", meint Müller mit Blick auf das nun veränderte Notarztwesen. Doch bei all dem überwiegt das Positive. "Auch wenn es abgedroschen klingt, doch das Gefühl jemanden helfen zu können, persönliche Beziehungen aufzubauen, das ist das Schöne an diesem Beruf".

Ab 1. April nimmt nun Dr. Philipp Gußmann im Sprechzimmer Platz. Eine andere Statur, eine andere Wesensart: Der 41-Jährige hat nicht nur die neuen Praxisräume angemietet, sondern auch gleich die Wohnung darüber. "Jetzt müssen wir uns erst mal beschnuppern", meint er mit Blick auf seine künftigen Patienten. Wenn er auf die Eckdaten für einen Allgemeinarzt blickt, sieht er den Beruf entzaubert. Überregulierungen im System, Budgetierung, Punkte- und Bezahlsystem, Zulassungshürden würden dazu beitragen. Doch Gußmann trägt auch das "Ärzte-Gen" in sich: Der 41-jährige praktizierte zuletzt in den Räumen seiner Mutter, der Allgemeinärztin Dr. Annemarie Gußmann. Sein Vater war im Landesuntersuchungsamt in Regensburg "der Mann" für Mikrobiologie. Philipp Gußmann hat in seiner Assistenzzeit am Burglengenfelder Krankenhaus auch in der geriatrischen Reha Erfahrungen gesammelt.

Nun zieht er von der Nabburger Straße 400 Meter weiter in die Hauptstraße, in größere Praxisräume mit neuen Patienten. Für ihn ist es "spannend, nun einen anderen Teil von Schwarzenfeld kennenzulernen". Auch Philipp Gußmann hat seine Berufsentscheidung nie bereut. Bei allen Veränderungen in der Medizin sei der Allgemeinarzt nach wie vor "der Arzt" geblieben, der das Gesamtbild von Körper und Seele des Patienten im Auge habe. Das unterscheide den Allgemeinmediziner von den Fachärzten, "den effizienten Spezialisten". Er wünscht sich von seinen Patienten Offenheit, "um gemeinsam etwas voranzubringen", um im Heilungsprozess oder Krankheitsverlauf "realistische Ziele zu setzen." "Dr. Google", der von jüngeren Patienten mit ins Boot geholt werde, sei da meist wenig hilfreich.

Noch einmal zurück zum Landarztprogramm: Dr. Müller und Dr. Gußmann glauben nicht, dass Programme mehr Ärzte aufs Land ziehen. Städter, die in der Region keine Wurzeln haben, würden den Landstrich als unattraktiv empfinden, auch wenn dem nicht so sei. Die beiden Mediziner beobachten aber einen ganz anderen Wandel: Frauen schneiden in Prüfungen besser ab: "Der Ärztenachwuchs ist weiblich."

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.