19.06.2018 - 11:53 Uhr
Oberpfalz

im Gespräch mit Klara hammer „Sebastian Kneipp begeistert mich“

Ein tuberkulosekranker Student stößt in der Klosterbibliothek auf Bücher, in denen von Wasser- und Kräuterkuren geschrieben steht. Dem Tode geweiht, hüpft der junge Mann fortan in die Donau, betreibt allerlei Eigentherapien und ist geheilt. Fast 200 Jahre ist das her – und doch zeugen etliche Kneippanlagen von diesen Ereignissen. Was ist dran an dem „Kräuterpfarrer“ und „Wasserdoktor“ Sebastian Kneipp? Wir haben uns mit Klara Hammer unterhalten, der Vorsitzenden des Kneipp-Verein Weiden.

von Gesund & VitalProfil

Frau Hammer, warum ist Sebastian Kneipp mit etlichen Wasseranlagen, die seinen Namen tragen, noch immer so allgegenwärtig? Der ganzheitliche Ansatz von Sebastian Kneipp zielt in Richtung „Erhaltung der Gesundheit“. Damals wie heute ist dies ein wichtiges Gut. Er hat mit seinem Tun bewiesen, dass jeder etwas aktiv für den Erhalt der Gesundheit unternehmen kann. Da er vielen Leuten geholfen hat, verbreitete sich seine Lehre weiter und ist bis in die heutige Zeit aktuell. Lange bevor Wellness oder Bournout zu Schlagworten geworden sind, warnte Kneipp schon, dass ein unruhiger und bewegungsarmer Lebensstil die Menschen krank mache, und suchte einen Weg in Richtung Wohlbefinden zu gehen.

Was bedeutet das nun eigentlich, dieses „Kneippen“? Bekannt sind vor allem die Kaltwasseranwendungen, speziell der Kneipp-Allrounder: das Wassertreten. Man geht hier etwa eine Minute im Storchengang durch unterschenkelhohes, kaltes Wasser; zudem das Armbad, auch der Muntermacher genannt, oder die Wechselgüssse. Dabei werden die Beine mit sanftem strahl abwechselnd warm und kalt nach dem Kneipp-Verfahren begossen. Der Ausdruck „Gefäßjogging“ weist schon auf die durchblutungsfördernde Wirkung hin. Auf gut gesetzte Reize reagiert der Körper mit gesundheitsfördernden Reaktionen. Das Immunsystem wird positiv stimuliert, die Arterien aktiviert, die Venen gekräftigt. Auch das Herz-Kreislaufsystem profitiert von den Anwendungen.

Was hat es mit der 5-Säulen-Therapie des Sebastian Kneipp auf sich? Wie schon erwähnt, hatte Kneipp einen ganzheitlichen Ansatz. Kneipp benennt fünf Säulen für die Erhaltung der Gesundheit. Wasser: Das berühmteste Element. Die Hydro- und Balneo-Therapie sind ein hochentwickeltes Wasserheilverfahren. Bewegung: Es gibt viele Möglichkeiten, je nach individuellen Bedürfnissen, mehr Beweglichkeit, Ausdauer, Entspannung und Freude ins Leben einzuladen. Ernährung: Schon Kneipp legte Wert auf eine vollwertige, vielseitige Ernährung. Heilpflanzen: Als Kräuterexperte und Phytotherapeuth setzte Kneipp auf die gesunde Wirkung der Natur. Tees, Gewürze, Bade- oder Wickelzusätze empfahl er seinen Patienten, um wieder zu gesunden. Lebensordnung: Das seelische Wohlbefinden, ein Leben im Einklang mit sich und der Natur, Ausgeglichenheit, soziale Zugehörigkeit waren für Kneipp das Bindeglied der Elemente untereinander.

Welche Beschwerden oder Erkrankungen können mit Kneipp gelindet oder sogar geheilt werden? Und umgekehrt: Wo treten Kneipp-Anwendungen ins Leere? Die Anwendungen sind immer individuell anzusprechen und in Verbindung mit allen Säulen zu sehen. Eine konkrete Auswahl dazu kann ich nicht pauschal treffen. Die klassische Kneipp-Kur wirkt gegen verschiedenste akute und chronische Krankheiten. Sie hilft, die Selbstheilungskräfte des Menschen wieder zu aktivieren. Das Wassertreten ist beispielsweise ein bewährtes Mittel, um die Venentätigkeit zu unterstützen. Ein kalter Unterschenkelguss kann auch als Einschlafhilfe angewandt werden, wenn man die Füße nur kurz abstreift und mit den feuchten Beinen ins Bett geht. Generell gilt es, verschiedene Beschwerden mit dem behandelnden Arzt oder Heilpraktiker abzusprechen.

Kritiker könnten dem Wassertreten nach Kneipp jeglichen gesundheitlichen Nutzen absprechen – was entgegnen Sie? Am besten über einen längeren Zeitraum selber ausprobieren. Es ist oft schwierig, eine neue – wenn auch gesundheitsförderliche Gewohnheit – zu etablieren. Das eigene Erleben ist der beste Lehrmeister. Ich jedenfalls bin begeistert. Obwohl viele Menschen von der Wirkung überzeugt sind, gibt es wenige Studien, die sich wissenschaftlich mit der Kneipp`schen Lehre beschäftigt haben. 2010 wurde an der Berliner Charité eine Stiftungsprofessur eingerichtet, welche im Rahmen für Komplementärmedizin auch zur Kneipp-Gesundheitslehre forscht. Sicherlich werden hier wichtige, wissenschaftlich untermauerte Erkenntnisse gewonnen. Übrigens erfolgte 2015 die Anerkennung als Kulturerbe durch die UNESCO.

Sebastian Kneipp hat vor fast 200 Jahren gelebt, was können wir von dem Pfarrer heute lernen? Sein Ansatz ist heute noch modern. Gesundheit und Wohlbefinden sind für Jeden elementar, und es liegt in unserer eigenen Verantwortung, etwas dafür zu tun. Ob wir uns mit unserer Ernährung oder unserem Bewegungsverhalten auseinandersetzen – es ist letztendlich zu unserem Wohl. Wenn ich das massive Artensterben und die zunehmende Umweltverschmutzung betrachte, wünschte ich, seine Idee, im Einklang mit der Natur zu leben, hätte mehr Aufmerksamkeit gefunden.

Nun war Sebastian Kneipp ja auch und gerade Pfarrer: Wirken die Kneipp-Anwendungen besser, wenn man auch daran glaubt? Ich bin der Überzeugung, die Anwendungen wirken unabhängig von persönlichen Glaubensvorstellungen. Eine natürliche Offenheit sollte man aber mitbringen. Wenn man sich von Anfang an gezwungen fühlt, etwas zu tun, wird es kaum möglich sein, dem Ganzen etwas Positives abzugewinnen. Und man muss akzeptieren, dass es Menschen gibt, die dem kalten Wasser nicht viel abgewinnen können. Die Kneipp-Lehre bietet verschiedene Ansatzpunkte, sein Wohlbefinden zu erhöhen. Auf den Weg machen, muss man sich schon selbst.

Das Interview führte Norbert Eimer

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