03.08.2019 - 20:48 Uhr
Deutschland und die WeltOberpfalz

Sparfüchse geben erst recht Gas

Die Technologie ist ausgereift, beruhigt das grüne Gewissen und schont den Geldbeutel: CNG. Und doch kommen Erdgas-Autos nicht so recht in die Gänge. Warum eigentlich? Eine Spurensuche mit dem Seat Leon.

Seat treibt die CNG-Technik für den gesamten Volkswagen-Konzern voran. Der Leon TGI ist ein besonders sparsamer Vertreter der Kompaktklasse.
von Berthold Zeitler Kontakt Profil

Der Fünftürer ist sozusagen der spanische Golf. Ein adretter Vertreter der Kompaktklasse mit all den Vorzügen, die dieser Modellfamilie zum weltweiten Erfolg verholfen haben. Und mit all den Goodies, die heute das Autofahren so angenehm und komfortabel machen: vom schlüssellosen Zugang über das LED-Licht bis zur Climatronic und Ambiente-Beleuchtung, von der Rückfahrkamera über das Navi mit Touchscreen und den Einparkhilfen bis hin zu den Sicherheitsassistenten und den vielen Möglichkeiten, die neudeutsch mit Connectivity beschrieben werden.

All das findet sich auch in der CNG-Version. Einzig das Kürzel "TGI" am Heck verrät, wessen Technik-Kind unter der Haube steckt. CNG steht für "Compressed Natural Gas" und beschreibt, dass hier Erdgas mit 200 bar in die drei Tanks gepresst wird. Keine Angst: Das Sicherheitspolster ist enorm und verträgt auch den dreifachen Druck.

Ein Leon wie jeder andere

Ansonsten ist der Leon CNG ein Leon wie jeder andere auch. Nur halt besonders umweltfreundlich. Im Vergleich zu anderen Verbrennungsmotoren spart er bis zu 25 Prozent Kohlendioxid, bis zu 95 Prozent Stickoxide und bis zu 99 Prozent Rußpartikel. Und weil Seat das Thema pusht, verzichten die Spanier momentan auf den Technik-Aufschlag von bis zu 2500 Euro und bieten den CNG zum Benzinerpreis an. Einen Nachteil gibt's auch: Der Kofferraum schmilzt um 105 auf 275 Liter. Das reicht allemal für zwei Trolleys und die Wanderausrüstung für mehrtägige Touren. Und auf dem Rückweg finden sogar noch eine Kiste mit Wachauer Marillen und ein paar Kartons Blauer Zweigelt ausreichend Platz.

Jede Menge Fahrspaß

Und in puncto Leistung und Fahrdynamik muss sich das CNG-Modell nicht hinter seinen Benzingeschwistern verstecken. Da geht ein 1,5-l-Vierzylinder recht frisch ans Werk. Die 130 PS in Kombination mit einem exakt arbeitenden 7-Gang-DSG und verpackt in der sportlichen FR-Ausstattung sorgen für jede Menge Fahrspaß. Egal ob auf kurvenreicher Landstraße, langen Autobahnfahrten oder im quirligen Stadtverkehr. Wer will, kann über die Schaltwippen am Lenkrad selbst eingreifen - nötig aber ist das beileibe nicht.

Dass er mit Gas unterwegs ist, bemerkt der Fahrer nicht. Und sollte es ausgehen, schaltet der Leon lückenlos auf den Benzinvorrat um. Lediglich das Kombiinstrument verrät den jeweiligen Modus. Der Bordcomputer informiert über Reichweite und Füllstand, das Navi, wo die nächsten Erdgastankstellen zu finden sind. Ein Knopfdruck und schon steuert der Seat die Zapfstelle an. Wer es noch genauer wissen will, lädt sich eine der unkomplizierten Apps von "Gib Gas" oder "Erdgas" runter, weil dort auch kurzfristig Daten zu Verfügbarkeit und Preisen aktualisiert werden.

Das Tanken selbst ist eigentlich ein Kinderspiel, hat man die erste Scheu vom Ungewohnten abgelegt. Zapfpistole auf den Einfüll-Nippel, warten bis sie sich angesaugt und das System die Dichtigkeit geprüft hat, grünen Knopf gedrückt - und schon kann's losgehen.

Bordeigene Reserve

Für Überraschung sorgt allerdings der Blick auf die Preisangabe. Erdgas wird nicht in Litern, sondern in Kilogramm abgegeben. 17,3 kg passen in den Leon. Reicht je nach Fahrweise für gut und gerne 440 Kilometer im reinen Gasbetrieb und kostet höchstens 20 Euro. Dazu kommen dann noch die neun Liter Super im bordeigenen "Reservekanister", was die Reichweite um bis zu 120 Kilometer verlängert. Die über 2000 Kilometer Testfahrten in Deutschland und Österreich kosteten uns nicht einmal einen Hunderter. Wer Gas gibt, spart also: etwa 30 Prozent im Vergleich zu einem Diesel, gar über 50 Prozent bei einem Benziner. Allerdings muss alle zwei Jahre eine Dichtigkeitsprüfung abgelegt werden. Die rund 30 Euro fallen jetzt aber auch nicht ins Gewicht.

Ein klares Jein

Bleiben zwei Fragen: Darf ein CNG-Auto in Parkhäuser und Tiefgaragen parken? Klare Antwort: Jein. Die früheren Einfahrtsverbote galten eigentlich den LPG-Fahrzeugen (Liquefied Petroleum Gas), landläufig auch als Flüssiggas oder Autogas bekannt. Letzteres ist schwerer als Luft, würde sich bei einem Leck im Tank am Boden der Tiefgarage sammeln, und ist leicht entflammbar. CNG ist leichter als Luft, verflüchtigt sich schnell und wird über die Entlüftung abgesaugt. Mittlerweile hat der Gesetzgeber auch für LPG-Fahrzeuge die Bestimmungen gelockert. Übrigens auch in Österreich. Im Grunde dürfen Gasfahrzeuge also in Tiefgaragen parken - es sei denn, der Betreiber macht von seinem Hausrecht Gebrauch. Wie etwa in der Tiefgarage unterm Museumsquartier in Wien, wo wir auf unsere freundliche Anfrage eine ebenso freundliche Absage erhalten haben. Ganz im Gegensatz zum Flughafen München, der dem grünen Gaser auch grünes Licht für die Tiefgarage gab.

Luft nach oben

Und wie schaut's mit den Tankstellen aus? 3300 gibt es in Europa, aber nur 850 im Bundesgebiet. Da ist also noch viel Luft nach oben. Immerhin hat sich der Volkswagen-Konzern, für den Seat das Thema CNG vorantreibt, das Ziel gesetzt, in den nächsten fünf Jahren das Netz auf 2000 Stationen auszubauen. Insofern ist das Erdgasthema keine Brückentechnologie, sondern auch langfristig eine Alternative und wird auch trotz des Elektro-Booms nicht auf der Strecke bleiben.

Tanken ist ein Kinderspiel.

Noch mehr Bilder zum Seat Leon TGI

Das Kofferraumvolumen des Erdgas-Leon schmilzt zwar um 105 auf 275 Liter, für die Urlaubsreise zu Zweit reicht es allemal.
560 Kilometer Reichweite errechnete der Bordcomputer anhandn unserer Fahrweise. Das stimmt sogar mit den Werksangaben überein.
Apps wie Beispiel von "Gib Gas" informieren den CNG-Fahrer aktuell über Tankstellen, Verfügbarkeit und Preise.
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