23.11.2018 - 12:49 Uhr
SpeichersdorfOberpfalz

Anlagengegner finden kein Gehör

Die Bürgerintitiative (BI) "Windparkfreie Heimat rund um den Rauhen Kulm (RudRK)" ist wütend. Beim Bürgerstammtisch hagelt es heftige Kritik an der Informationspolitik der Energiegenossenschaft Neue Energien West eG.

Dr. Berthold Bergner erläutert beim Bürgerstammtisch der Bürgerinitiative „Windparkfreie Heimat rund um den Rauhen Kulm“ die Auswirkungen von Infraschall auf den Menschen.

Der Steuerungskreis um Bettina Stickling hatte Interessierte zum ersten öffentlichen Bürgerdialog über das Windparkprojekt der Neue Energiegenossenschaft West eG (NEW) in Sichtweite zu den Natur- und Landschaftsdenkmälern Großer und Kleiner Rauher Kulm in den Landgasthof Imhof eingeladen. Die NEW plant einen Windpark mit sechs bis acht 246 Meter hohen Windrädern auf dem Höhenzug zwischen Speichersdorf und Speinshart (wir berichteten).

Neben deren Informationspolitik standen die mittlerweile anerkannten Gesundheitsgefahren durch den Infraschall (Infokasten) von Windrädern im Mittelpunkt. In einer Informationsveranstaltungen im Juni in der Speichersdorfer Sportarena hatten NEW-Geschäftsführer Bernhard Schmidt und Mariella Schubert vom Planungsbüro Plan BC aus Bayreuth versprochen, dass die Genossenschaft nach der Sommerpause in den betroffen Ortsteilen und den Gemeinden Vorbach, Speinshart und Neustadt am Kulm zu weiteren Informationsveranstaltungen und Gesprächen einladen werde. Auch wurde für Oktober ein Zwischenbericht der artenschutzrechtlichen Untersuchungen (SAP) angekündigt.

"In vier Wochen haben wir Weihnachten - nichts ist bis jetzt passiert", kritisierte Stickling. Andreas Hader vermutete Methode bei einer solchen "Hinterzimmerpolitik". Obwohl erste Überlegungen der NEW aufs Jahr 2016 zurückreichten, 2017 konkrete Schritte der Projektplanung unternommen und seit Februar 2018 das Büro Kaminsky Naturschutzplanung aus Münnerstadt mit Hubbühnen im Gebiet rund um den Speinsharter Forst die SAP vornehm, sei erst im Mai 2018 das Projekt im Gemeinderat und im Juni in der Sportarena vorgestellt worden.

Auf Schreiben und E-Mails an die Vorstände und Geschäftsführung werde nicht reagiert, monierte Stickling. Das von der NEW verkündete Genossenschaftsprinzip, "aus der Heimat für die Heimat da zu sein" und dass "die regionalen Partner und die Kommunen zusammen mit den Bürgern vor Ort das Heft des Handelns in der Hand behalten" werde mit Füßen getreten, schimpfte Gerhard Neubauer.

Kritisiert wurde auch das Vorgehen der NEW bei der Projektierung. Entscheidende Fragen seien nicht geklärt, meinte Karlheinz Schultes. Nicht ansatzweise sei eine Güterabwägung von harten und weichen Faktoren vorgenommen und die Verhältnismäßigkeit der materiellen und immateriellen Vor- und Nachteile des Standorts für Bürger, Gemeinde, Natur- und Kulturlandschaft geprüft worden. Die Vorbehalte und Bedenken der Gemeinde und der Träger öffentlicher Belange für dieses Gebiet lägen seit der Änderung des Wind-Regionalplans Oberfranken Ost 2013 auf dem Tisch, sagte er.

Auch fragte er, wie es mit Blick auf den Truppenübungsplatz und das Strößenreuther Rosenthal-Air-Field um die Flugsicherung stehe. Bei der Prüfung derart großer Bauwerke rede das Pentagon mit. Auch sei der Flugplatz Trainingsgelände für Fallschirmspringer. Auch kam die Frage auf, ob das Projekt dem Landesamt für Denkmalpflege in Regensburg vorgestellt und dieses um Stellungnahme gebeten worden sei.

Zur Diskussion standen an diesem Abend auch die Formulierungen zu Windkraftanlagen im Koalitionsvertrag von CSU und Freie Wähler. Mit Peter Steinkohl waren sich die Anwesenden einig, dass die BI noch lauter und präsenter sein müsse, um Bürger und Politiker auf die Probleme von Windparks aufmerksam zu machen. Wie Stickling erläuterte, gebe es aktuell 1100 BIs gegen diverse Windparks. Sie alle treibe die Sorge um, dass noch mehr Flächenausbau und "Re-Powering" mit Ausbau der Anlagen entstehen könnten. Dies gelte uneingeschränkt auch für den Windpark am Rauhen Kum.

Geplant ist deshalb unter anderem, ein eine Windradvorrichtung zu erstellen, mit der den Bürgern die "Lautstärke" der Windräder simuliert werden könne. Im Zuge der weiteren Aktivitäten denkt die BI an eine Podiumsdiskussion mit Befürwortern und Kritikern sowie Experten aus den verschiedenen Fachgebieten wie Technik, Medizin und Wirtschaft. Ausgeweitet werden sollen auch die Standorte der Unterschriftenaktion. Aktuell liegen Listen bei der Baywa Firkenhof, in der Bäckerei Kaußler Selbitz, Praxis Dr. Bergner Neustadt, Gärtnerei Bauer Windischenlaibach, auf der Tauritzmühle, bei Kühnet Neustadt, Ackermann Ramlesreuth, Wöhrl Speichersdorf, Dorfladen Vorbach und Reifen Beer Dobertshof auf. Ein zweiter Bürgerdialog ist im Januar in Vorbach geplant.

Hintergrund:

Erkrankungen durch Infraschall seien zwischenzeitlich medizinisch anerkannt. Mit „T 75.2“ gebe es bereits eine ICD-Nummer (Internationale Diagnoseschlüssel) für Schall-Kranke, berichtete Dr. Berthold Bergner. Zum Einstieg zeigte er die ZDF-Dokumentation „Infraschall – Unerhörter Lärm“ in Zusammenarbeit mit dem Gutachter- und Sachverständigen Sven Johannsen vom Zentrum Umweltmessungen. Bergner erläuterte anschließend die Arten von Schall wie Luft-, Wasser- und Körperschall. Die „wahrscheinlich evolutionsbedingte biologische Sinnesausstattung“ mache etwa bis zu 30 Prozent der Bevölkerung im höchsten Maße infraschallsensibel.

Bei Infraschall handle es sich um den nicht hörbaren Bereich von 1 bis 16 Hertz. Da er stets mit großen Naturereignissen (Gewitter, Lawinen, Sturm, Erdrutsch, Erdbeben) verbunden ist, signalisiere sein Auftreten akute Gefahr, erklärte der Mediziner. „Das Gefährliche gerade an Infraschall ist jedoch, dass er nicht wie die bekannten Naturgeräusche hörbar ist, sondern nur durch Druck, Vibration und Schwindel spürbar.“ Das Sinnessystem für Infraschallempfindung sei inzwischen beschreibbar. Tiere könnten durch den sogenannten Bodenschall schon Gefahren viel früher als der Mensch wahrnehmen.

Die Einwirkung von Infraschall sei nachweisbar mit Methoden der apparativen Neuroakustik und Grundlagenforschung am Herzmuskel, berichtete der Redner. Die Symptome stünden in Wechselbeziehung mit unserem festgelegten Stressprogramm: Schwindel, Sehstörungen, Blutdruck-, Pulsanstieg, Muskelanspannung, Atemfrequenz-, Blutzucker-, Blutfettanstieg sowie eingeschränkte Immun- und Sexualkompetenz. Bei dauerhafter Beeinflussung würden Schlafstörung, Angst, Konzentrationsdefizit, Leistungsabfall, Reizbarkeit, Müdigkeit, Hypertonie, Herzschwäche, Muskelverspannungen und Kreuzschmerzen chronisch. „Trotz der medizinischen Erkenntnislage messen die Behörden den Infraschall nicht“, kritisierte Bergner. Sie würden sich bei Genehmigungsverfahren auf das hörbare Spektrum (16 bis 20 000 Hertz) beschränken. „Inzwischen gibt es nachweislich tausende leidende Bundesbürger, die den Wirkungen der Windenergieanlagen nicht ausweichen können.“

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