04.05.2020 - 12:46 Uhr
SpeichersdorfOberpfalz

Bürgermeister-Amt bleibt in der Familie

Nach 36-jähriger Zugehörigkeit zum Gemeinderat, davon 24 Jahre als Bürgermeister von Speichersdorf, übergibt Manfred Porsch sein Amt an seinen Nachfolger. Vielleicht bayernweit einmalig und ungewöhnlich – ihm folgt sein Sohn.

von Arnold KochProfil

Mit großer Freunde, aber gleichzeitig etwas Wehmut absolvierte Erster Bürgermeister Manfred Porsch seinen letzten Arbeitstag im Chefzimmer des Rathauses. Seit 16. März und intensiv in der vergangenen Woche begleitete ihn bei den Amtsgeschäften sein gewählter Nachfolger und Sohn Christian Porsch. Beide stellten sich einem gemeinsamen Gespräch mit NT-Berichterstatter Arnold Koch.

ONETZ: Wie kamen Sie zur Politik und ins Bürgermeisteramt?

Manfred Porsch: Seit der Jugend war ich am kommunalen Geschehen interessiert und in vielen Vereinen aktiv dabei. 1983 fragten mich Siegfried Höhner und Hubert Brendel, ob ich mich auf der Liste der neu gegründeten Unabhängigen Bürgervereinigung (UBV) um ein Ratsmandat bewerben möchte. Die UBV wollte die von den beiden großen Parteien dominierte politische Landschaft mit einer unabhängigen politischen Kraft ergänzen. 1984 zog ich als erster und einziger UBV-Vertreter mit acht CSU-, sechs SPD-Räten und einem FWG-Rat in den 16-köpfigen Gemeinderat ein. Mein Amtsvorgänger Franz Scherm starb am 11. September 1995. Die Zeit bis zur Kommunalwahl im März 1996 überbrückte Zweiter Bürgermeister Georg Höreth. Auf Wunsch der UBV und mit Zustimmung meiner Ehefrau kandidierte ich als Bürgermeister. Gegen zwei weitere Kandidaten setzte ich mich in der Stichwahl gegen Wolfgang Hübner (CSU) durch. 2002 und 2014 hatte ich keinen Gegenkandidaten und bewarb mich dann auch nicht als Gemeinderat.

ONETZ: Wie war Ihr Start 1996?

Manfred Porsch: Nicht wie üblich zum 1. Mai, sondern bereits einen Tag nach der Wahl übernahm ich am 25. März ohne Einarbeitung und Übergabe die Amtsgeschäfte. Ich wurde herzlich aufgenommen. Nach und nach fand ich mich mit Unterstützung der Rathausbediensteten zurecht. Der Start war holprig, aber mit breiter Zustimmung vieler Bürger positiv. Nach zwölf Jahren Gemeinderat war mir das Rathaus nicht unbekannt. Mir half auch meine Ausbildung und Erfahrung im öffentlichen Dienst.

ONETZ: Was war zu Beginn die größte Aufgabe und Herausforderung?

Manfred Porsch: Die 90er Jahre waren die Zeit des Zuzugs von Spätaussiedlern. Anmeldung, Registrierung der neuen Bürger, Unterstützung, Integration forderten uns sehr. Wohnheime mussten her, Schule und Kindergärten platzten aus allen Nähten. Es gab dazu viele Maßnahmen im Bereich der Infrastruktur (Wasserversorgung, Kanalisation, Straßen) umzusetzen. Wichtig, um diese Aufgaben zu bewältigen, war ein gutes Verhältnis im Rathaus, Bauhof und im Gemeinderat.

ONETZ: Bedauern Sie, etwas noch nicht zu Ende gebracht zu haben?

Manfred Porsch: Beim Umbau der Kläranlage, der Erneuerung der beiden Bahnbrücken samt Umnutzung und Umbau des Bahnhofes, Fertigstellung der Kindergärten-Erweiterungen hätte ich mich noch gerne persönlich weiter eingebracht. Aber bei meinem Nachfolger sind diese Projekte in guten Händen.

ONETZ: Was waren die größten Investitionen in Ihrer Amtszeit und worauf sind Sie besonders stolz?

Manfred Porsch: Während der 24 Jahre wurden alle Ortsteile an die zentrale Abwasseranlage mit staatlicher Förderung angeschlossen, das Wasserleitungsnetz samt Gewinnungsanlagen erweitert und saniert, Straßen gebaut. Wir erweiterten Kindergärten und Schule, bauten das neue Rathaus und die Sportarena als Schmuckstücke. Wir alle können stolz darauf sein, in dieser Zeit mit vielen Baugebieten für die Ansiedlung von jungen Familien gesorgt zu haben. Mir ist es gelungen, das Wir-Gefühl der Bürger zu heben und das Ortsteildenken runterzuschrauben.

ONETZ: Was war in Ihrer Amtszeit Ihr emotionalstes Erlebnis?

Manfred Porsch: Jede Einweihung einer abgeschlossenen Baumaßnahme war für mich ein freudiges Ereignis. Ich freute mich mit rund 230 jungen Ehepaaren als Hochzeitsstandesbeamter und trauerte um viele verstorbene Mitbürger, Bedienstete und Gemeinderäte. Ein großer Stein fiel mir vom Herzen, als ein neuer Investor für die insolvente Rosenthal AG das Porzellanunternehmen übernahm und weiterführte. Bürgerfeste zählten wie auch die Wahl meines Sohnes zum Ersten Bürgermeister dazu.

ONETZ: Welche begonnenen Vorhaben übergeben Sie an Ihren Amtsnachfolger?

Manfred Porsch: Dies ist die Erweiterung und Sanierung der Kläranlage, die Erweiterung der Kindergärten, Suche nach neuen Baugebieten.

ONETZ: Wie ist Ihre Bilanz der 24 Jahre als Gemeindeoberhaupt?

Manfred Porsch: Es war eine sehr intensive Zeit mit laufenden Herausforderungen. Ich habe sie immer mit viel Herzblut und Nachhaltigkeit angepackt und zu lösen versucht. Ich gehe gerne auf Menschen zu, deshalb trifft mich die aktuelle Corona-Pandemie sehr heftig. Abstand halten ist nicht meins. Die Nähe zum Bürger und möglichst viele Gemeinsamkeiten im Gemeinderat zu erreichen, waren mir wie auch gute Zusammenarbeit und Kameradschaft im Unternehmen Gemeinde immer wichtig. Man ist immer nur gemeinsam erfolgreich, denn nur so entsteht notwendiges Zusammengehörigkeitsgefühl und nur so kann man sich als Gemeinschaft weiterentwickeln.

ONETZ: Warum bewarben Sie sich nicht mehr um ein Gemeinderatsmandat?

Manfred Porsch: Ich habe meine UBV-Verantwortlichen gefragt, ob sie mich auf der Liste brauchen. Ihre klare Antwort war: Das schaffen wir selber mit jungen Leuten. Es hat sich gezeigt, dass diese Entscheidung auch erfolgreich war. Ein UBV-Mandat mehr wurde erreicht.

ONETZ: Welche neuen Ziele haben Sie sich in Ihrer neu gewonnenen Freizeit gesteckt?

Manfred Porsch: Das erste Ziel, Städte- und Wellness-Reisen zu machen, muss zunächst wegen der Coronakrise nach hinten geschoben werden. Vereinsmäßig lasse ich alles mal ruhig angehen. Als Vorsitzender des TSV-Sportvereins werde ich bei den anstehenden Investitionsmaßnahmen und den erwarteten schwierigen finanziellen Zeiten gefordert sein und das Meine für eine gute Zukunft des Vereins tun. Ich muss mit meinen bald 66 Jahren an meiner Gesundheit arbeiten und werde als erstes E-Bike fahren. Jetzt steht auch meine Familie samt Enkel an erster Stelle.
Ich bin sehr froh, das Bürgermeisteramt an meinen Sohn Christian übergeben zu können. Er freut sich darauf und auf ihn warten große Aufgaben, denen er aber auch aufgrund seiner Ausbildung, Berufs- und Ehrenamtserfahrung gewachsen ist. Er wird nicht in meine Fußstapfen treten, sondern seine eigenen Abdrücke hinterlassen.

ONETZ: Gibt es für Sie einen klaren Schnitt, oder stehen Sie weiter mit Rat und Tat zur Verfügung?

Manfred Porsch: Ich werde ab sofort als Ratgeber nur dann zur Verfügung stehen, wenn ich danach gefragt werde. Es wird kein Einmischen für mich geben. Es fällt mir schon eine Last von den Schultern, das Alter lügt dazu auch nicht. Leider werden die Verwaltungsarbeit und Vorschriften immer mehr.

Hintergrund:

Zur Person

Geboren ist Manfred Porsch am 10. Juni 1954 in Frankenberg, damals Gemeinde Prebitz, heute Gemeinde Speichersdorf. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Seit 1963 wohnt er in Speichersdorf. Porsch besuchte die Realschule Kemnath und die FOS Bayreuth und studierte anschließen an der Fachhochschule Nürnberg Bauingenieur. Von 1977 bis 1982 war er Bauleiter der Firma Meister-Bau Erbendorf, ab 1982 Beamtenanwärter beim Straßenbauamt Bayreuth, zuletzt als Beamter (Amtsrat) auf Lebenszeit Sachgebietsleiter für den Landkreis Wunsiedel. Im Gemeinderat war er von 1984 bis 1996 für die UBV, von 1996 bis 2020 Erster Bürgermeister

Der neue Erste Bürgermeister, Christian Porsch, stellte sich ebenfalls den Fragen zum neuen Amt.

ONETZ: Wie ist Ihre erste Einschätzung als neuer Erster Bürgermeister?

Christian Porsch: Zunächst sage ich Dank für das gut bestellte Haus, das ich übernehmen darf. Wir haben eine gut funktionierende Verwaltung und Bauhof. Die Gemeinde steht in Sachen Infrastruktur und Haushalt gut da, obwohl durch die Pandemie finanziell dunkle Wolken aufziehen. Unsere Verschuldung ist moderat und lässt Spielräume für zukünftige Investitionen zu. Wir werden das Haushaltsjahr deshalb mit Vorsicht angehen und uns eventuell mit einem notwendigen Nachtragshaushalt an die Entwicklung anpassen.

ONETZ: Ab wann und wie waren Sie politisch engagiert?

Christian Porsch: Ich bin mit meiner drei Jahre jüngeren Schwester und meinen Eltern im vom Opa in Speichersdorf erbauten Wohnhaus aufgewachsen. Ich war 13 Jahre, als mein Vater Bürgermeister wurde. Da bekommt man viele politische Entscheidungen mit. Ich erinnere mich an den Spatenstich der Ortsumgehung der B 22 und bin dabei mit Abgeordneten und Räten ins Gespräch gekommen. Zu kommunalpolitischen Themen haben wir uns öfters mal gefetzt. 2003 begann ich, in Bamberg Politikwissenschaften zu studieren und war bereits vorher in Vereinen aktiv. Mit 25 Jahren war ich jüngster Gemeinderat. Die Freiheit von politischen Parteizwängen zog mich zur UBV. Hier konnte ich meine politischen Vorstellungen einbringen, denn Kommunalpolitik ist Sachpolitik.

ONETZ: Wer dachte sich die flippige UBV-Wahlkampfstrategie mit Bus aus?

Christian Porsch: Im Oktober hatte sich mein Vater entschlossen, nicht mehr zu kandidieren. Unter Abstimmung mit meiner Ehefrau und der UBV war ich bereit, mich für das Bürgermeisteramt zu bewerben. Wir sind ein junges UBV-Team und wollten was anderes machen, andere Zielgruppen wie Jugend, junge Familien, Zugezogene ansprechen, die sonst in den typischen Wahlveranstaltungen nicht so präsent sind. In der UBV-Kreativgruppe entstand die Strategie „UBV on Tour“ mit dem umgebauten Stadtbus. Die Aktion schlug voll ein und wurde bestens angenommen.

ONETZ: Im ersten Wahlgang gleich mehr als 50 Prozent - mit was hätten Sie gerechnet?

Christian Porsch: Dass ich bereits im ersten Wahlgang mit 50,39 Prozent die Bürgermeisterwahl gewann, damit habe ich echt nicht gerechnet. Bei vier Kandidaten hatten wir uns schon auf eine Stichwahl eingestellt. Das ist für mich ein Zeichen des von den Wählern entgegengebrachten Vertrauens, der Wertschätzung und geleisteter Arbeit, die ich als Gemeinderat, Jugend- und Klimaschutzbeauftragter und Vereinsaktiver bislang erbrachte. 1612 Stimmen als neuer Bürgermeister und 3827 Stimmen als Gemeinderat sind ein Pfund und ein großer Vertrauensbeweis.

ONETZ: Gab`s einen Porsch-Familienbonus bei der Wahl?

Christian Porsch: Natürlich steht der Name Porsch durch Werner Porsch, meinen Vater Manfred aber auch zwölf Jahre lang durch mich für gute Kommunalpolitik in Speichersdorf.

ONETZ: Welche Vor- und Nachteile sehen Sie für die Amtsübergabe vom Vater zum Sohn?

Christian Porsch: Aktuell wohnen wir im gleichen Haus und haben dadurch auch einen kurzen Kommunikationsweg, der genaue und zeitsparende Info bedeutet. Ich werde sicher einiges anders machen, das er akzeptieren muss, aber auch wird. Die Konstellation ist sicher mehr als selten und sie funktioniert.

ONETZ: Wie und wann findet die Amtsübergabe im Bezirk und der Gemeinde statt?

Christian Porsch: Ich bin seit 16. März sporadisch, seit zwei Wochen überwiegend und in der letzten Aprilwoche ganztags mit meinem Amtsvorgänger im Rathaus und dienstlich unterwegs. Durch meine Gemeinderatstätigkeit bin ich in viele Themen eingeweiht und auf aktuellem Stand. Ich kenne Verwaltungsabläufe durch meine Arbeit beim Bezirk. Aber auch die Unterstützung durch die Verwaltung und Geschäftsleiter Thorsten Leusenrink ist mir gewiss. Meine Tätigkeit beim Bezirk habe ich abgeschlossen, meine Aufgaben übergeben. Das Amt beim Kreisjugendring kann erst im Herbst übergeben werden.

ONETZ: Was sind die größten Herausforderungen in der Amtszeit?

Christian Porsch: Zunächst müssen wir gemeinsam die Coronakrise bewältigen; da spielen vor allem die wahrscheinlich sinkenden Steuereinnahmen haushaltsmäßig eine wichtige Rolle. Darauf müssen wir eventuell mit einem Nachtragshaushalt reagieren. Ich will die Gemeinde im Sozialbereich neu aufstellen. Dazu zählen die Ganztagsbetreuung, Kindergartenerweiterungen, Forcierung der Senioren. Ein Sozialausschuss und Jugendpfleger ist angedacht. Großes Ziel ist die Überplanung der Ortsmitte vom Bahnhof bis zur Sportarena, Sanierung oder Neubau der Festhalle und Schule, Überarbeitung des Flächennutzungsplanes.

ONETZ: Was wollen Sie im direkten Umfeld ändern?

Christian Porsch: Ich muss mir alles erstmal anschauen und habe schon die ersten Gespräche mit den Mitarbeitern geführt. Dies geht weiter, um mir eine Meinung zu bilden. Es läuft vieles richtig, da braucht es nicht allzu große Veränderungen. Ich habe aber einen anderen Führungsstil und generationsbedingt andere Kommunikationsformen.

ONETZ: Greifen Sie auf den beruflichen Rat des Vaters zurück oder stehen Sie auf dem Standpunkt „Ich kann das allein"?

Christian Porsch: Ja gerne, das Angebot meines Vaters dazu steht. Aber ich kann vieles aufgrund meiner Erfahrung allein. Aber ein väterlicher Rat eines erfahrenen Kommunalpolitikers ist immer gut und den werde ich mir auch einholen.

ONETZ: Wie sieht Ihre Zusammenarbeit mit dem Gemeinderat aus?

Christian Porsch: Ich bin ein Mensch, der vereint und nicht spaltet. Ich möchte alle Fraktionen auf unserem gemeinsamen Weg mitnehmen. Ich hoffe, dass das tolle Miteinander der letzten sechs Jahre fortgesetzt wird. Meine Hand ist ausgestreckt. In der nächsten Woche werden mit allen Fraktionen künftige gemeinsame Themen besprochen; dazu zählt auch die Wahl meiner beiden Stellvertreter aus vier Fraktionen.

ONETZ: Was war Ihr erster offizieller Termin als Gemeindeoberhaupt?

Christian Porsch: Am Montag hatte ich eine Aussprache um 7 Uhr mit den Bauhofmitarbeitern. Die Geburtstagsbesuche zum 1. Mai fielen leider aus.

Info:

Zur Person

Christian Porsch ist 37 Jahre alt, wohnt in Speichersdorf und ist verheiratet. Nach dem Abitur studierte er Geschichte sowie Kommunikations- und Politikwissenschaft (M.A.). Er war Pressesprecher des Bezirks Oberfranken und Büroleiter des Bezirkstagspräsidenten Henry Schramm. Seine Ehrenämter: Gemeinderat (seit 2008), Jugendbeauftragter der Gemeinde Speichersdorf (seit 2008), Kommunaler Klimaschutzbeauftragter (seit 2015), Vorsitzender des Kreisjugendrings Bayreuth (seit 2012), stellvertretender Vorsitzender des Bezirksjugendrings Oberfranken (seit 2018), Mitglied des Vorstands des TSV Kirchenlaibach/Speichersdorf.

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