02.01.2019 - 14:50 Uhr
SpeichersdorfOberpfalz

Von Gott getragen und begleitet

In einer vom Licht der Hoffnung und Zuversicht für das neue Jahr getragenen Abendmahlsfeier lassen die evangelischen Christen der Christusgemeinde in Speichersdorf das alte Jahr ausklingen.

Pfarrer Micha Boerschmann entzündet sieben Kerzen, jede von ihnen „für Vieles, was war, was hinter mir, hinter uns liegt“, wie der Geistliche erklärt.
von Autor HAIProfil

"Auch 2019 wird nicht das Paradies werden. Aber es wird auch nicht gottlos sein", so Pfarrer Micha Boerschmann. In einer vom Licht der Hoffnung und Zuversicht für das neue Jahr getragenen Abendmahlsfeier ließen die evangelischen Christen der Christusgemeinde das alte Jahr ausklingen.

Die zahlreichen Gläubigen, die das Abendmahl in beiderlei Gestalten empfingen, sollten ihr Kommen nicht bereuen. Denn nicht nur die Botschaft des Geistlichen zum Altjahresabend 2018 zum Gedenken an all das, was in diesem Jahr war, war unmißverständlich. Es war auch ein Gottesdienst, der Herz und Gemüt berührte. Es war eine von viel Gefühl und von vielen symbolischen Momenten getragene Feier. Eingebettet in viele Impressionen für Augen und Ohren. Als die Kirchenglocken zum Gottesdienst riefen, war das Kirchenschiff der Christuskirche unbeleuchtet. Ins weite Rund der Kirche ließ der Posaunenchor das Choralvorspiel von Traugott Fünfgeld zu Johann Sebastian Bachs „Nun danket alle Gott“ erklingen. Der prachtvolle geschmückte und beleuchtete Christbaum an der Seite des Altarraums zog alle Blicke auf sich. Daneben strahlte das Licht der Osterkerze und der Altarkerzen. Vor dem Altar standen auf einem kleinen Tisch sieben Kerzen, die noch nicht angezündet waren. Sie wurden zum Herzstück, zum Dreh- und Angelpunkt der Jahresabschlussfeier. Denn auf der Schwelle zum neuen Jahr zündete Boerschmann jede einzelne an "für vieles, was war, was hinter mir, hinter uns liegt". Die Botschaft zu jeder Kerze war begleitet von einem Moment des stillen Nachdenkens sowie vom Gemeindegesang zweier Strophen des für die Communauté de Taizé geschriebenen Kirchenlieds "Meine Hoffnung und meine Freude". Das erste Licht wurde entzündet für die Kinder, die in diesem Jahr geboren und getauft wurden. Es sollte dafür leuchten, dass alle Kinder liebevoll und geborgen aufwachsen können. Das zweite Licht galt denen, die Hochzeit oder Hochzeitsjubiläum gefeiert haben. Es sollte leuchten für die Freude aneinander, für den Mut, Gewohnheiten zu durchbrechen, für Stärke, auch Schweres miteinander auszuhalten. Wurde das dritte Licht für diejenigen, die in diesem Jahr gestorben sind, entzündet, so das vierte Licht für die vielen Menschen, die näher oder weiter entfernt in Kriegen gelebt, Gewalt und Angst erlitten haben, von Naturkatastrophen getroffen wurden und viel Leid erlebten. Es sollte leuchten zum Trost und zur Hoffnung. Das fünfte Licht galt allem Schönen im vergangenen Jahr, allen großen und kleinen Augenblicke des Glücks und der Freude. Das sechste Licht leuchtete für die Menschen, die vieles eingesetzt, sogar ihr Leben gewagt haben für Frieden und Versöhnung, für ein Miteinander ohne Gewalt und Hass. Es leuchtete für die, die gegen alle Erfahrung von Ohnmacht und Leid nicht aufgegeben haben. Schließlich wurde für jeden einzelnen unter den Christen, in seinen Stärken und Schwächen, Ängsten und Hoffnungen eine Kerze angezündet. Es sollte für die gegangenen und nicht gegangenen Wege des endenden Jahres leuchten, aber auch für die Wege im kommenden Jahr. Dass sie sich von Gott getragen und begleitet fühlen können brachten die Gläubigen durch die Lieder „Du schenkst uns Zeit“ und „Von guten Mächten treu und still umgeben“ zum Ausdruck. In den Fürbitten baten die Gläubigen schließlich darum, dabei immer auch Gottes Boten des Friedens, der Liebe, Wahrheit und Gerechtigkeit zu sein. Nach dem Sündenbekenntnis feierten sie schließlich gemeinsam Abendmahl.

Info:

2019 nicht das Paradies, aber auch nicht gottlos

In seiner Predigt zur Schwelle des Jahreswechsels ging Pfarrer Micha Boerschmann mit der konsumverwöhnten und glaubenskrisegeschüttelten Gesellschaft ins Gericht, die Jahreslosung 2018 im Blick. "Christus spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst" wirke nicht nur nach üppigen Weihnachtstagen merkwürdig fremd, meinte der Geistliche. Nicht nur , dass diese Tage von Essen und Trinken geprägt seien. Es habe nur das Beste, und das im Überfluss gegeben. Auch das ganz Jahr über gehe es der Gesellschaft so gut, wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. "Ich lebe im Frieden und im Reichtum. Ich muss nicht frieren und mir kein Dach über dem Kopf suchen. Ich kann mir im Laden kaufen, was ich zum Leben brauche", so Boerschmann. "Doch was brauchen wir wirklich für ein gutes und erfülltes Leben", fragte Boerschmann an die Adresse der Gläubigen. Und wo bekomme der Mensch es her? Und für wie lange? Durst sei Lebendigkeit, so der Geistliche. Wer diesen Durst und diese Sehnsucht nicht mehr spüren könne, lebe der noch, fragte er. Wenn die Sehnsucht ganz verschwunden und für immer gestillt sei - was dann? Boerschmann zitierte Oscar Wilde, der es als die wahre Tragödie bezeichnete, wenn man immer bekommt, was man sich wünscht.“

Doch niemand sei ein für allemal satt, so Boerschmann. Es würde immer Durst und Sehnsucht nach Leben und Freude geben, nicht zuletzt nach einem neuen Leben und eine neue Welt. Es gehe nicht um materielle, existentielle Not, die so viele in der Welt noch erleben müssten. Wenn das alte Jahr zu Ende gehe, würden die Menschen zwar vieles zurückgelassen. Aber viel mehr ins neue Jahr mit nehmen, was etwa 2018 nicht erreicht worden sei. "Durst und Hunger nach Leben und Sinn, Wünsche nach Veränderung", brachte es Boerschmann auf den Punkt. Selig, wer diesen Durst spüre. Und selig, wer die Quelle kenne, die den Menschen liebevoll speise und es gut mit ihm meine. Gott verspreche dem Menschen Leben und Lebendigkeit. Dazu gehöre Durst, und auch Kummer und Schmerz und Abschied. Deshalb werde 2019 nicht das Paradies werden. Aber es werde auch nicht gottlos sein. Umso mehr wünschte er den Gläubigen wie sich selbst, dass jeder zuversichtlich aus dieser Quelle schöpfen könne.

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