07.07.2020 - 17:31 Uhr
SpeichersdorfOberpfalz

Jugendarbeit als Pflichtaufgabe

Startet man mit dem Einzelprojekt Jugendpflege oder betrachtet man den Gesamtbereich Soziales? Eine konkrete Entscheidung beim Start des Sozialausschusses in Speichersdorf ist noch nicht gefallen.

Sozialausschuss Rainer Nürnberger
von Arnold KochProfil

In seiner ersten Sitzung befasste sich der neu gegründete Sozialausschuss mit der kommunalen Jugendpflege. Bürgermeister Christian Porsch begrüßte dazu Kreisjugendpfleger Rainer Nürnberger, der ein Konzept dazu vorstellte. „Die Gemeinde ist unser eigener Sozialraum von der Kindertagesstätte bis zum Altenheim. Um diesen Bereich soll sich das neu geschaffene Gremium beratender Sozialausschuss kümmern und dem Gemeinderat Empfehlungen für Entscheidungen geben“, erläuterte Porsch.

Er sah den Ausschuss als Diskussionsplattform für alle Altersschichten zum Abarbeiten von Schwerpunktthemen. Das erste davon ist die Jugend. Er erinnerte an die 2017 stattgefundene Zukunftswerkstatt mit 160 Jugendlichen, die zur Hälfte den Gemeindenachwuchses repräsentierten.

Es wurde damit begonnen die dabei gesammelte Wunschliste abzuarbeiten. Unter anderem schlug die Jugend vor, das Konzept des Jugendtreffs anhand einer neuen Bedarfsermittlung insbesondere bei den Öffnungszeiten und Angebot zu aktualisieren. Anstatt fester Öffnungszeiten sollten Projekte, Events und Einzelveranstaltungen stattfinden. Eine Bank für die Jugend muss vor allem die Nachwuchsarbeit in den Vereinen, Kirchen und Verbänden bleiben. Klar sei auch, dass man nicht jeden Jugendlichen erreichen kann. Für die Forcierung der aus Haftungsgründen immer schwieriger werdenden Jugendarbeit sind Haushaltsmittel für einen Gemeindejugendpfleger eingeplant.

In der anschließenden Diskussion nach dem Vortrag von Nürnberger (Hintergrund) meinte Gemeinderätin Melanie Herrmann (CSU), dass die Zukunftswerkstatt bereits 2017 stattfand und neue Erkenntnisse vorteilhaft wären. Porsch erklärte dazu, dass auch kleinere Zusammenkünfte zur Bedarfsermittlung denkbar sind. Zur Frage der Jugendbeauftragten Ursula Hörath (UBV) bezüglich der Umsetzung des bereits 2014 aufgelegten Konzepts zur kommunalen Jugendarbeit erklärte Nürnberger, dass aus politischen Gründen nur sehr wenige Kommunen bisher einen Jugendpfleger anstellten. Dies begründet sich darin, dass immer noch Jugendarbeit als freiwillige anstatt als Pflichtaufgabe gesehen wird.

Gemeinderat Wolfgang Hübner (CSU) hinterfragte zunächst das Aufgabenspektrum des Sozialausschusses, das genauer definiert werden sollte. Jugendarbeit sei nur ein Segment des Sozialen in einer Gemeinde. Dazu würden auch Familien, Klein- und Schulkinder sowie Senioren gehören. Wesentliches Ziel sollte Mehrwert und Nachhaltigkeit für die Gesellschaft sein. Er plädierte für kleine Arbeitskreise, um nach einer Bestandsaufnahme Einzelbausteine für Alters- und Zielgruppen zu bilden. Er sah für kommunale Jugendarbeit die Zielgruppe im Alter von 14 bis 21 Jahren. Gemeinderätin Claudia Fischer (SPD) wünschte sich zunächst einen Austausch, um gemeinsame Ziele definieren zu können ohne vorher ins Detail zu gehen. Zum Personalbedarf erklärte Porsch, dass im Haushalt 15.000 Euro eingestellt sind, egal ob die Gemeinde oder ein sonstiger Träger in der Jugendarbeit als Dienstherr aktiv wird. Für die Basisarbeit steht im Rathaus kein Personal zur Verfügung. Für Gemeinderat Rudi Kirchberger (UBV) ist es an der Zeit die Pflichtaufgabe zu erfüllen und präventiv tätig zu werden. Er plädierte bis zum Herbst Ideen und Aufgaben in allen sozialen Bereichen zu sammeln und den Wirkungskreis eines Jugendpflegers zu definieren. Für Gemeinderätin Annke Gräbner (SPD) war die richtige Vorgehensweise sich punktuell um Aufgabengebiete zu kümmern. Gemeinderat Matthias Busch (CSU) schlug vor sich erneut mit der Jugend und Vereinen zu treffen, um den Bedarf neu zu ermitteln und eine Zeit- und Haushaltsmittelschiene zu definieren.

Zum Tagesordnungspunkt Bekanntgaben berichtete das Gemeindeoberhaupt von der neu geschaffenen Fördermöglichkeit zur Ferienbetreuung. Sie erfordert aber ein von Montag bis Freitag für den gleichen Personenkreis zur Verfügung stehende neue Ganztagsbetreuung für Kinder der ersten bis sechsten Klasse in einer Gruppe von zwölf Kindern mit zwei Betreuern in der Zeit von acht bis 16 Uhr. Diese Betreuung kann nur von Eltern in Anspruch genommen werden, die zu Ferienbeginn keinen Urlaubsanspruch mehr haben. Das kann jedoch nicht mit dem kommunalen Ferienprogramm abgedeckt werden. Die Nachfrage dazu ist gegenüber 2019 gesunken. Für die 25 Plätze liegen derzeit nur 16 Anmeldungen vor. Der Aufwand für die notwendigen Hygienekonzepte ist für die Veranstalter sehr groß.

Er berichtete, dass der Reitclub am Kulm beantragt für die Sanierungsmaßnahme eine Ausfallbürgschaft zu übernehmen.

Der neue Gemeinderat unternimmt am kommenden Samstag von neun bis 13 Uhr eine Informationsfahrt durch das gesamte Gemeindegebiet mit anschließender Einkehr in der Tauritzmühle.

In der nächsten Sitzung des Sozialausschusses am 23. November wird der Behindertenbeauftragte Markus Vogel über die aktuelle Situation und notwendige Maßnahmen berichten.

Sozialausschuss untere Reihe v.l. Ursula Hörath, Melanie Herrmann, Annke Gräbner, Claudia Fischer obere Reihe v.l. Matthias Busch, Rudi Kirchberger, Christian Bäß, 1. Bgm. Christian Porsch, Karl-Heinz Sehnke, Thorsten Neugirg, Dr. Wolfgang Hübner
Hintergrund:

In seinem Referat zum Thema „Gemeindliches Jugendpflegekonzept“ sah Nürnberger die Kommune gut aufgestellt. „Jugendarbeit ist eine Pflichtaufgabe der Gemeinde, keine freiwillige Leistung. Sie ist eine Querschnittsaufgabe für alle Gemeinden und Parteien und reicht bis 27 Jahre. Die kommunale Familien- und Jugendpolitik wird immer wichtiger und Teil der Jugendhilfe. Diese ist jedoch in der Hand des Landkreises“, verdeutlichte der Kreisjugendpfleger.

Offen Jugendarbeit bietet Hilfen zur allgemeinen Lebensbewältigung und wirkt an der Integration junger Menschen in der Gesellschaft mit. Verbandliche Jugendarbeit übernehmen Vereine, Kirchen und sonstige Träger. Die Gesamtverantwortung trägt das Jugendamt des Landkreises, der einen Teil davon dem Kreisjugendring übertragen hat. Gemeindejugendpfleger sind pädagogische Fachkräfte, die planerische, koordinierende, initiierende und unterstützenden Tätigkeiten im Zuständigkeitsbereich der Gemeinde übernehmen. Deren Hauptziel ist es darin Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen Jugendarbeit in vielfältigen Formen und unter optimalen Bedingungen möglich ist. Die demographische Entwicklung macht eine eigenständige kommunale Kinder-, Jugend- und Familienpolitik notwendig. Davon hängt die Zukunftsfähigkeit des Gemeinwesens ab. Kommunale Bildungs- und Betreuungsleistungen und eine gute soziale Infrastruktur sind weiche Standortfaktoren und erhöhen die Zuzugsattraktivität. Das Aufgabenfeld der kommunalen Jugendarbeit umfasst die fachliche und beraterische Unterstützung aller, Begleitung örtlicher Jugendtreffs, die Analyse der aktuellen Situation der Kinder und Jugend sowie die darauf aufbauenden Planung und Konzeptbildung. Sie fördert die Zusammenarbeit mit Vereinen und Verbänden, berät und unterstützt deren Mitarbeiter und hat eine Koordinierungs-, Anregungs- und Impulsfunktion. Sie bietet in Zusammenarbeit mit Schulen und Institutionen eigene Maßnahmen und Angebote, koordiniert die Ferienbetreuung und schafft eine Plattform zur Beteiligung der Gemeindejugend an der alterspezifischen Entscheidungsfindung. Dazu gehört auch die Dokumentierung und Berichterstattung an die Gemeinde, Öffentlichkeitsarbeit und Einsatz in Konflikt- und Brennpunkten.

Bei der Aufgabenkonkretisierung, Sozialraumanalyse, Bedarfsermittlung und Lösung spezieller Jugendprobleme (Alkohol, Gewalt, mangelnde Integration) ist das Jugendamt der Gemeinde behilflich.

Nürnberger riet zunächst eine Bestandsanalyse unter einbeziehen der Ergebnisse des Jugendwerkstatt 2017 zu erstellen. Daraus soll ein Konzept erarbeitet werden, dass Arbeitsziele und –methoden, Zielgruppen, Arbeitsschwerpunkte und Erledigungszeiträume umfasst. Gemeinderat und Bürgermeister bestätigen dieses Konzept, um die erkannten Defizite zu beheben. Sie beschreiben die Rahmenbedingungen des Personal- und Mitteleinsatzes samt den Tätigkeitsprofilen der pädagogischen Fachkräfte für die Arbeitsschwerpunkte. Diese können bei der Gemeinde angestellt werden und unterliegen deren Dienstaufsicht und der Fachaufsicht des Landratsamtes. Die Arbeit und Kosten eines kommunalen Jugendpflegers können sich auf mehrere Gemeinden teilen. Sie erhalten generell 25 Prozent der Personalkosten auf Dauer als Landkreiszuschuss und ein kommunales Budget. Fördervoraussetzung ist die Einstellung eines Sozialpädagogen oder Diplomsozialarbeiters. Alle Sachkosten trägt die Kommune.

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