Speichersdorf
24.08.2018 - 14:48 Uhr

Würdevolles Sterben mal Zwei

Wenn man sich ehrenamtlich engagieren will und nicht darf, ist das in einer Zeit, in der Beistand, Hilfs- und Pflegepersonal für Totkranke händeringend gesucht wird, ernüchternd und für manchen unverständlich. So ergeht es Karin Brilla.

Karin Brilla hat sich zur Hospizbegleiterin ausbilden lassen. Weil sie Mitglied in der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben ist, wird ihr die Tätigkeit in der Hospizarbeit vom Bayreuther Hospizverein versagt. Bild: ak
Karin Brilla hat sich zur Hospizbegleiterin ausbilden lassen. Weil sie Mitglied in der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben ist, wird ihr die Tätigkeit in der Hospizarbeit vom Bayreuther Hospizverein versagt.

(ak) „Als mein Ruhestand immer näher rückte, wollte ich ehrenamtlich in einem Altenheim arbeiten. Ich konnte schon immer gut mit älteren Menschen umgehen“, erklärt die frustrierte Speichersdorferin. Leider hat ihre misslungene Hüft-Operation 2012 ihre Pläne über den Haufen geworfen: Bei der OP wurde ein Nerv verletzt. Sie brauchte ein ganzes Jahr, um die bleibende Behinderung anzunehmen und nicht mehr mit ihrem Schicksal zu hadern. „Ich habe eingesehen, dass es keine Besserung geben kann, und versucht, das Beste daraus zu machen. Für mich wurde die Behinderung zum Alltag und es ging mir auch seelisch wieder gut“, sagt die 66-Jährige.

Ihren Plan, sich irgendwie ehrenamtlich sozial zu engagieren, gab sie dennoch nicht auf. Sie las in der Zeitung einen Artikel über den Hospizverein Bayreuth und der angebotenen Schulung zur Sterbebegleitung. Dies nahm sie als neue Idee auf und meldete sich an. Beim Vorstellungsgespräch erzählte Karin Brilla, dass sie Mitglied bei der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS) ist. „Ich wollte der Hospizdienst-Gesprächspartnerin Marita Wagner damit einfach nur zeigen, dass ich bereits ehrenamtlich engagiert und in Sachen Patientenverfügung gut informiert bin. Alles war bis dahin gut“, berichtet sie. Brilla absolvierte beide Lehrgänge und bezahlte diese aus eigener Tasche. Sie machte nach der Ausbildung auch das Praktikum in der Palliativstation und im Hospizhaus in Bayreuth. Nach einer kleinen Abschlussfeier Ende 2017 bekemen die Teilnehmer eine Urkunde. „ Ich war nun ausgebildet, einen sterbenden Menschen zu begleiten und freute mich auf dieses Ehrenamt“, sagt Brilla. Bei ihrer Anmeldung in der Geschäftsstelle des Hospizvereins wurde sie Anfang Januar 2018 zu einem persönlichen Gespräch einbestellt. „Ich bekam mitgeteilt, dass mich der Hospizverein nicht einsetzen kann und ich auch kein Mitglied in diesem Verein werden könne. Der Grund dafür ist: Ich sei Mitglied bei der DGHS. Ich war total geschockt“, berichtet die Speichersdorferin. Sie schrieb daraufhin einen Brief an den Vorsitzenden des Hospizvereins Dr. Stefan Sammet, da sie diese Entscheidung einfach nicht glauben wollte.

Nach einem Anruf der Geschäftsstelle des Vereins kam es Ende Januar 2018 im Büro nochmals zu einem Gespräch mit dem Vorsitzenden Sammet und seiner Stellvertreterin Sabine Baierlein. Sie konnten die ablehnende Entscheidung der Hospizfachkraft Marita Wagner nicht verstehen und werteten dies als rein persönliche Entscheidung, die in keiner Weise mit dem Vorstand abgesprochen war. Übereinstimmend erklärten ihr beide, dass sie ihrer künftigen Mitarbeit wohlwollend gegenüber stehen und diese Angelegenheit bei der nächsten Vorstandssitzung besprechen werden. Karin Brilla hoffte erneut, ehrenamtlich im Hospizdienst mitarbeiten zu dürfen.

Per Brief kam dann Anfang März 2018 die schriftliche Absage mit dem Hinweis, dass sie jedoch zahlendes Mitglied werden kann. „Ich war total geschockt. Was denkt sich der siebenköpfige Vorstand des Hospizvereins eigentlich? Dass ich vielleicht mit einer Hand die schwerstkranken Menschen streichle und in der anderen Hand die Todesspritze halte?“, fragt sie erbost. Sie ist der Meinung, dass die Entscheidung sicherlich anders ausgefallen wäre, wenn die Vereinsverantwortlichen sich besser über die DGHS informiert hätten.

Die Abgelehnte beschrieb: Das Ziel der DGHS ist es, dass auch hier in Deutschland eine Hilfe (durch einen Arzt) zum Suizid möglich ist, ohne dass sich der Arzt strafbar macht. Außerdem verfügt die DGHS immer über eine aktuelle Vorsorgemappe für ihre Mitglieder. Beim Ausfüllen ist sie den Menschen in der Gegend behilflich. Sollte ein Mensch sehr leiden und er vielleicht diesen langen Weg (Krankenhaus-Palliativstation-Hospiz) nicht gehen wollen, bekommt dieser einen Flyer in die Hand. Darin findet er Adressen in der Schweiz, die unter gewissen Umständen helfen können. Was in diesem Flyer steht, kann jederzeit auch im Internet abgerufen werden. Dies ist alles kein Geheimnis.

Da sie die Absage vom Hospizverein Bayreuth einfach nicht akzeptieren konnte, hat Brilla Ende März einen Brief an den Bayerischen Hospiz- und Palliativverband in Landshut geschrieben. „Auch da kam leider auch eine Absage“, berichtet sie. Karin Brilla hat schon mit vielen Personen, die in der Pflege tätig sind, über ihre Situation gesprochen. „Alle können die Ablehnung des Hospizvereins ebenfalls nicht verstehen. Ich werde als Gefahr für Menschen hingestellt und das will ich nicht auf mir sitzen lassen. Es geht mir auf keinen Fall um das bezahlte Geld. Das will ich nicht zurück haben“, betont sie.

Sie fühlt sich diskriminiert und erklärt, dass im Hospiz in Fürth auch Menschen begleitet werden, die sich für das Sterbefasten entschieden haben. Auch das ist eine Art Hilfe zum Suizid.

Was will sie erreichen? Sie wünscht sich, dass sich die beiden Führungskräfte Dr. Stefan Sammet vom Hospizverein Bayreuth und der Präsident der DGHS Dr. Dr. Dieter Birnbacher zusammen an einen Tisch setzen und miteinander sprechen. Da ist ihrer Meinung nach kein tiefer Graben, der diese beiden Organisationen trennt oder die Mitgliedschaft in beiden ausschließt. Beide wollen wie auch sie schwerstkranken und sterbenden Menschen helfen. Beide wollen ihnen ein würdevolles Sterben ermöglichen. Und sie möchte vom Hospizverein die Erlaubnis erhalten, sterbende Menschen begleiten zu dürfen, obwohl sie DGHS-Mitglied ist. „Ich hatte schon zweimal selbst Krebs. Ich weiß nicht, wie ich mich irgendwann entscheiden werde. Für mich ist diese Hintertüre in der Schweiz einfach eine Beruhigung, die ich vielleicht nie in Anspruch nehmen werde. Keiner weiß was die Zukunft bringt“, erklärt sie abschließend im Gespräch.

Der Hospizverein Bayreuth wurde über die Presseveröffentlichung informiert und gebeten, dazu Stellung zu nehmen.

Zurück kam eine E-Mail mit folgendem Inhalt, der mit dem Ablehnungsschreiben des Hospizdienstes im März 2018 an Brilla identisch ist

(Auszug): „Eine ehrenamtliche Mitarbeit in der Hospizbegleitung bei gleichzeitiger Mitgliedschaft im DGHS schließt sich für uns als Hospizverein Bayreuth aus. Hierzu haben wir uns auch bei anderen Hospizvereinen informiert. Diese Entscheidung hat nichts mit Ihrer Person zu tun, sondern mit den Zielen der DGHS. Bei einer Beendigung Ihrer Mitgliedschaft im DGHS stünde Ihrer Mitarbeit nichts im Wege. Im Rahmen der Kursausbildung wird immer wieder deutlich darauf hingewiesen, dass die Teilnahme am Ausbildungskurs nicht gleichzeitig auch eine automatische Mitarbeit bedeutet. Die Inhalte der Kurse sind in erster Linie auch ein persönlicher Gewinn für jeden einzelnen Teilnehmer."

 
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