30.07.2019 - 12:14 Uhr
SpeinshartOberpfalz

„Abschiedssinfonie“ einer Tragödie

Wolftraud de Concini schreibt, soweit sie zurückdenken kann. Gerne geht sie ihren böhmischen Wurzeln nach. Daraus entsteht ihr neuestes Buch "Klaras Schuhe". Es ist eine spannende Lebensgeschichte mit tödlichem Ausgang.

Im Gespräch mit Thomas Englberger, dem Leiter der Internationalen Begegnungsstätte Kloster Speinshart, schildert Autorin Wolftraud de Concini die Beweggründe für ihr Buch "Klaras Schuhe".
von Robert DotzauerProfil

1940 in Trautenau (Trutnov) im nordöstlichen Böhmen geboren und mit ihrer Familie zwangsausgesiedelt, lebt Wolfraud de Concini seit 1964 als Autorin und Fotografin in Italien. Neben zahlreichen Reiseführern zu italienischen Regionen verwirklichte sie Publikationen und Ausstellungen über Sprachminderheiten wie Deutsche, Sinti und Roma.

Mit dem Buch „Böhmen hin und zurück“ ging sie auf die Suche nach ihrer böhmischen Heimat und wirbt für Versöhnung. 2015 vom Deutschen Kulturforum östliches Europa zur „Stadtschreiberin“ der damaligen Kulturhauptstadt Pilsen ernannt, entdeckte sie das Schicksal der böhmischen Jüdin Klara Beck (1904 bis 1942), die Opfer des Holocaust wurde. Daraus entstand das Buch „Klaras Schuhe“, zuerst auf Italienisch als „Le scarpe die Klara“ veröffentlicht.

In dem ihr eigenen knappen und unrhetorischen Stil zeichnete die Südtirolerin am Sonntag im Musiksaal des Klosters Speinshart die Lebensgeschichte von Klara Beck, einer Tochter aus wohlhabender jüdischer Familie, nach. Zwischen historisch dokumentierten Fakten und narrativer Vorstellungskraft gibt die Autorin in ihrem Buch einem Drama Raum, der dem Leser viele Visionen lässt.

Klara, die Protagonistin, ist leidenschaftlich an „Mary-Jane“-Schuhen interessiert, an Schuhen mit einem Riemen am Spann und einem Knopf als Verschluss. Es sind Schuhe, die sie in ihrem ganzen kurzen Leben begleiten: von den ruhigen Jugendjahren in Pilsen, über die Fotografie-Schule in Wien bis zur Heirat mit dem Architekten Adolf Loos. Die kurzen Kapitel handeln von den Schwierigkeiten nach der deutschen Besetzung der Tschechoslowakei und zu Beginn des Zweiten Weltkriegs über die Verfolgung als Jüdin bis zum Tod Anfang 1942 irgendwo bei Riga, vielleicht im Wald von Bickern, wo 5000 Granitblöcke an 20 000 verscharrte Juden erinnern.

Ausgehend von einem Paar Schuhen, schmutzig und abgenutzt, reist die Autorin durch die wichtigsten Lebensabschnitte von Klara Beck, erzählt die realen Fakten und gibt zudem in theatralischen Szenen und kleinen Geschichten, in denen die „große“ Geschichte widerhallt, der Vorstellungskraft Raum. Concini zeichnet das Schicksal einer normalen Familie mit all den Facetten an Misstrauen, Verfolgung und Gewalt nach. Ihre Triebfeder ist die stete Mahnung, diese Gräueltaten nicht zu vergessen. Gleichzeitig erinnert sie an aktuelle Zusammenhänge mit ähnlichem Ausmaß in manchem Terrorstaat.

Die Buchvorstellung war in ein Gespräch mit Thomas Englberger, dem Leiter der Internationalen Begegnungsstätte Kloster Speinshart, eingebettet. Die Beweggründe zu „Klaras Schuhe“ sah die Schriftstellerin in Zusammenhang mit ihrer Tätigkeit für das Deutsche Kulturforum in Pilsen. Die während dieses Aufenthalts gewonnenen Erkenntnisse über das Schicksal von Klara Beck seien nach umfangreichen Nachforschungen in Museen bis hin zum Besuch des Familiengrabes die Grundlage für die Geschichte gewesen, erzählte Concini. Als besondere Überraschung wertete sie die Entscheidung von Hitler-Deutschland, die Rassengesetze in der Tschechoslowakei ebenfalls anzuwenden. Ab 1939 sei für die Juden auch in der Tschechei das Leben zur Qual geworden.

Die Schriftstellerin verwies in diesem Zusammenhang auf die vielen Briefe von Klara Beck mit tragischen Schilderungen der Lebensumstände bis hin zur ahnungslosen Reise ins Verderben. Im Rattern eines fensterlosen und versiegelten Zuges entstehen schwermütige Melodien über Volk, Religion, Kultur, Hunger und Elend. Das Buch wird zur „Abschiedssinfonie“ einer Tragödie. Die Autorin erinnerte mit Blick darauf an ein Werk von Joseph Haydn mit immer leiser werdenden Instrumenten, bis auch die letzten Violinen verstummen.

„Ähnliches hätte auch uns Südtirolern passieren können“, stellte sie fest und verwies auf die Aussiedlung unbequemer deutsch- und ladinischsprachiger Südtiroler ab 1939. Im Unterschied zum Todesschicksal der Juden seien viele Südtiroler „nur“ heimatlos geworden. Dass das Buch zunächst in italienischer Sprache erschienen sei, begründete de Concini mit Nachforschungen einer Schülergruppe aus Trento über das Musikleben in Theresienstadt. Das daraus entstandene Schauspiel führte zu einer Deutsch-Übersetzung und zu weiteren Nachforschungen.

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.