09.12.2019 - 11:38 Uhr
SpeinshartOberpfalz

Ein Geizhals voller guter Vorsätze

Der Advent ist die Zeit der frohen Herzen, in der man sich gern hat und das auch jedem sagt. Und er ist die Zeit, in der vom besseren Menschen geträumt wird. Bei einem Erzählkonzert im Kloster Speinshart wird dieser Traum lebendig.

Erzählerisch und musikalisch erlebbar wird in Speinshart ein Klassiker der Weltliteratur: Mit ihrem Erzählkonzert zu Charles Dickens "Weihnachtsgeschichte" laden Alexandra Eyrich (rechts) und Nadine Schuster das Publikum in die Welt der Märchen ein.
von Robert DotzauerProfil
Andächtig lauschen die Besucher im überfüllten Musiksaal des Klosters der Geschichte vom grantigen Geizhals Scrooge.

Der englische Schriftsteller Charles Dickens schrieb einen knapp 100 Seiten langen Roman, dessen Nachahmungen die Welt bis heute kennt: „A Christmas Carol“, zu Deutsch „Ein Weihnachtslied in Prosa“ oder einfach „Eine Weihnachtsgeschichte“. Dabei beginnt die Erzählung nicht mit einer Szenerie der Wärme und des fröhlichen und friedlichen Miteinanders. Im Gegenteil: Sie fängt kaltherzig und düster an.

Im überfüllten Musiksaal des Klosters gestalteten Alexandra Eyrich und Nadine Schuster dazu ein szenisches Erzählkonzert. Das temperamentvolle Duo lud die Besucher ein, in die Welt des Märchens einzutauchen und sich in das London der Mitte des 19. Jahrhunderts zurückzuversetzen. Nicht jeder freut sich dort auf Weihnachten - jedenfalls nicht ein kaltherziger und geiziger Geldverleiher.

Ebenezer Scrooge ist der Hauptcharakter von Dickens Weihnachtsgeschichte. Durch Habgier und Selbstsucht hat er sein Leben versäumt. Sogar an den Festtagen zeigt er kein Mitgefühl mit den Armen. Scrooge ist ein herzloser Mensch - bis zu der Nacht, als der Geist von Jacob Marley, seines verstorbenen Geschäftspartners, zu ihm kommt. Er konfrontiert Scrooge mit seiner Sterblichkeit und seinem gierigen Charakter. Die schaurige Erscheinung ist an eine lange schwere Eisenkette gefesselt: jene Kette, die er sich mit seiner Hartherzigkeit selbst geschmiedet hat.

Drei weitere Geister suchen Scrooge noch auf und prophezeien ihm: Wenn er sich nicht schlagartig ändere, müsse er sterben. Zunächst erscheint der Geist der vergangenen Weihnacht und nimmt ihn mit auf eine Reise in seine eigene Vergangenheit, wo er sich selbst als einsamen und verlassenen Knaben wiedersieht. Auch zeigt der Geist ihm seine große Liebe Belle, deren Gunst er durch seinen schon damals aufkommenden Geiz verloren hat.

Die Verwirrung wird immer größer, als Scrooge der zweite Geist erscheint. Der riesenhafte Geselle führt ihn durch den Weihnachtsalltag seiner direkten Mitmenschen: seines Angestellten Cratchit mit seinem kranken Sohn, seines Neffen Fred und seiner Familie sowie das in den Armenvierteln. Als er dann auf dem Friedhof mit seinem kargen, ungepflegten Grab konfrontiert wird, bricht der Geschäftsmann zusammen und gelobt Besserung.

Und plötzlich befindet sich der Geldverleiher am Morgen des 25. Dezember wieder in seinem Schlafzimmer, als wäre er nie weg gewesen. Erleichtert springt er durch das Zimmer, voller guter Vorsätze für sein „neues Leben“. Und Scrooge wird seinem Schwur vor den Geistern mehr als gerecht. Er verwandelt sich im Laufe des Stücks zu einem großzügigen Menschen.

Charles Dickens „Weihnachtsgeschichte“ wurde am zweiten Adventssonntag zur idealen Einstimmung auf die Weihnachtsbotschaft, Begegnungen zu schaffen, das Verstehen zu fördern und Herzen zu öffnen. Die berührende Märchenstunde mit Alexandra Eyrich, die mit viel Temperament die dunkle Seite des geschäftstüchtigen alten Einzelgängers wie schlussendlich auch die menschliche Seite verkörperte, und mit Nadine Schuster am Piano endete mit der ebenso zu Herzen gehenden Strophe aus dem Weihnachtslied „Leise rieselt der Schnee“: „In den Herzen ist's warm. Still schweigt Kummer und Harm. Sorge des Lebens verhallt. Freue Dich, s'Christkind kommt bald.“

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