18.06.2019 - 11:40 Uhr
SpeinshartOberpfalz

Mit der Kamera auf Spurensuche

Fotografin Yvonne Most ist die Enkelin von Sudetendeutschen. In der Heimat ihrer Großeltern hat sie nie gelebt. Dennoch ist das Interesse für die familiären Wurzeln, für die Menschen und die Landschaften des Sudetenlandes groß.

Spitzkragen und Tracht signalisieren Identität, Kultur und Volksgruppe. Doch die portraitierten Menschen haben ihre Heimat verloren, sagt Fotografin Yvonne Most.
von Robert DotzauerProfil
Menschen und Landschaften: Yvonne Most hat mit ihrer Kamera die alte Heimat ihrer Großeltern besucht.

Unter dem Titel "Die Erinnerungen der Anderen" spürte Most fotografisch ihren familiären Wurzeln nach. Bei einer Ausstellung in Speinshart zeigt sie eine Bilderserie von ihrer "Erforschung" der Region.

Die Ergebnisse eröffneten zweierlei. Zum einen stieß die Fotografin auf Spuren der Erinnerung mit kollektiven Erfahrungen von Flucht und Vertreibung. Zum anderen eröffnen die Bilder einen neuen Blick auf ein Land, das nicht stehen geblieben ist, sondern sich stetig weiterentwickelt. Darüber hinaus werfen "Die Erinnerungen der Anderen“ bei den Betrachtungen Fragen nach der eigenen Biografie auf und ermöglichen es, das Bedürfnis nach alter und neuer Heimat zu reflektieren.

Verortung, Heimat, Identität: Diesen Themen widmet sich Yvonne Most besonders. Ihre Bilder erzählen davon, und auch ihr Buch „Die Erinnerungen der Anderen“ enthält viele Geschichten darüber, zum Beispiel über ihre sudetendeutsche Großmutter. Lange Zeit war die Herkunft ihrer Oma in der Familie kein Thema. „Es wurde einfach nicht darüber gesprochen“, sagt Most.

Wurde die Aufarbeitung der Vertreibung einfach verdrängt? Über drei Millionen Sudetendeutsche sind nach dem Zweiten Weltkrieg aus ihrer Heimat vertrieben worden. Jedenfalls fragt die Enkelgeneration - oft erst nach dem Tod der Großeltern - nach ihrem Stammbaum und der Herkunft: "Ja, wo kommt denn Oma eigentlich her?" Für diese Frage der Enkelin war es höchste Zeit.

Deshalb näherte sich die Fotografin der Heimat ihrer Großmutter. Mit der Kamera als „Beweismittel“ baut die Künstlerin mit analog aufgenommenen Portraits, Stillleben und Landschaften eine Brücke in die Gegenwart und zeigt, wie allgegenwärtig das Thema Flucht ist – unabhängig von der eigenen Herkunft. Die Herausforderung habe darin bestanden, eine Mischform aus einer dokumentarischen fotografischen Erzählweise mit Fragmenten der Jetzt-Zeit inhaltlich zu kombinieren, erläutert Yvonne Most. Für sie ist das Unfertige von Interesse, die Fehlstellen, der Rand, die Grenzen und die Tiefe der Stille.

Mit dieser Zielsetzung entstanden Menschen mal in Tracht, mal in Alltagskleidung, oft abweisend oder in sich gekehrt. Aus den Details, die sie vorfand, setzte sie die Geschichte ihrer Familie zusammen, die geprägt ist von Flucht, Vertreibung und Vergessen. Mosts Bilder halten diese Bruchstücke fest und schaffen daraus etwas Neues.

Spitzenkragen und Tracht signalisieren: Hier geht es um Identität, um Kultur und um die Zugehörigkeit zu einer Volksgruppe. Doch die portraitierten Menschen haben ihre Heimat verloren und die Landschaften auf ihren Bildern ihre Bewohner. Menschen und Land haben sich in der Zwischenzeit ebenso verändert. Dem Betrachter eröffnet die Fotoserie einen Zugang zur eigenen Biografie. Der Blick soll sinnstiftend wirken, die Wurzeln stärken und eine Reflektion zum Bedürfnis nach neuer und alter Heimat anregen.

Yvonne Most kombiniert die Fotoausstellung mit der Vorstellung der im Kehrer-Verlag Heidelberg erschienenen Buchpublikation „Die Erinnerungen der Anderen“. Neben den eigenen Bildern enthält der Band Schwarz-Weiß-Aufnahmen des sudetendeutschen Amateurfotografen Josef Grossmann aus den 1920er und 1930er Jahren. Durch die historischen Aufnahmen entsteht erst die Auseinandersetzung mit dem, was verloren ging.

Die Ausstellung im Oberen Konventgang des Klosters ist bis 21. Juli an allen Sonn- und Feiertagen zwischen 13.30 und 17 Uhr zu besichtigen. Außerhalb dieser Zeiten ist ein Besuch auf Anfrage unter Telefon 09645/60193601, möglich.

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