11.01.2019 - 16:02 Uhr
SpeinshartOberpfalz

Ihre Spuren sind weltweit sichtbar

Physiker und Literaten, Mathematiker und Komponisten - alle von Weltruf - hat die Stadt Brünn hervorgebracht. Mit einer Ausstellung erinnert die Internationale Begegnungsstätte Kloster Speinshart an ihr Wirken.

Den Eröffnungsvortrag im Musiksaal des Klosters hält Dr. Rudolf Landrock aus Bonn, Bundesvorsitzender des Heimatverbandes der Brünner.
von Robert DotzauerProfil

Die mährische Metropole Brünn wirkte über Jahrhunderte als Brennglas für das Leben und Wirken herausragender Persönlichkeiten, die das wirtschaftliche, wissenschaftliche und kulturelle Leben ihrer Zeit bereicherten. Die Ausstellung zeigt Lebensläufe großer Brünner, die auch stets Brückenbauer zwischen Deutschen und Slawen waren. Für Thomas Englberger, den Leiter der Begegnungsstätte, Anlass, 2019 das Augenmerk auf mährische Siedlungsgebiete zu richten.

Die Lebensbilder berühmter Brünner wurden zusammengestellt von der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen in Bonn im Auftrag der "Bruna", des Heimatverbandes der Brünner in Deutschland. Seine Aufgabe sieht er in der Erhaltung heimatlichen Kulturguts, der Überlieferung der besonderen gesellschaftlichen und strukturellen Eigenarten des Brünner Deutschtums sowie der Förderung des Europagedankens.

Ein erlesener Kreis an Besuchern lauschte dem spannenden Eröffnungsvortrag des Bundesvorsitzenden Dr. Rudolf Landrock aus Bonn über Brünn als Heimstatt und Wirkungsstätte der Deutschen in Mähren. Er begann zunächst mit einer geografischen Verortung der tschechischen Großstadt, verwies auf die keltischen Ursprünge sowie das Großmährische Reich im 12. Jahrhundert und erinnerte an das anschließende prägende Wirken Deutscher in Mähren. Die Privilegien und Grundrechte Brünns erinnerten an so namhafte Kaisersitze wie Wien und Nürnberg, erklärte der Redner. Landrock ging auch auf die Hussitenkriege ein, erinnerte an den rasanten kulturellen und wirtschaftlichen Aufschwung - etwa mit der ersten Dampfeisenbahn Österreichs von Wien nach Brünn - und an eine Stadt der Lehre und Forschung.

Den geschichtlichen Abriss setzte der Referent mit der Staatsgründung der Tschechoslowakei 1918 fort. Mit der Eingemeindung von Vororten habe Brünn damals seine deutsche Mehrheit und die Stadtregierung verloren, stellte er fest. Es folgten die Schließung deutscher Schulen, die Entlassung deutscher Beamter aus der Stadtverwaltung und bei staatlichen Dienststellen sowie Sprachprüfungen für Deutsche. Die systematische Beeinträchtigung ihres Kulturlebens habe die deutsche Volksgruppe als diskriminierende nationale Katastrophe empfunden, sagte Landrock. Die Folge seien Abschottung und Wagenburg-Mentalität gewesen.

Deutlich sprach er auch die für Tschechen demütigenden Jahre während des Protektorats Böhmen und Mähren an. Nach Ende der Naziherrschaft seien dann auch über die Brünner Deutschen Verzweiflung, Hungertod und Massenmorde hereingebrochen. Der Redner verwies beispielhaft auf die "Brünner Rede" von Staatspräsident Edvard Benea mit der Aufforderung an seine tschechischen Landsleute, die deutsche Frage und die "menschlichen Ungeheuer" zu liquidieren. Einige Wochen später sei es dann zum berüchtigten Brünner Todesmarsch gekommen.

Der geschichtliche Rückblick endete mit Informationen zur kommunistischen Machtergreifung, über den Prager Frühling, die "Wende" 1989 und die Meilensteine im deutsch-tschechischen Verhältnis nach der Demokratisierung Tschechiens und der EU-Osterweiterung ab 2004. Als bemerkenswertes Signal bezeichnete er die Versöhnungserklärung des Brünner Stadtrats 2015. Nunmehr symbolisiere eine "Wallfahrt der Versöhnung" von Pohrlitz nach Brünn die "Heimholung der Brünner Deutschen" dorthin.

Vor diesem Hintergrund lud der "Bruna"-Bundesvorsitzende zur Ausstellungseröffnung in den Oberen Kreuzgang des Klosters ein. Das Wirken und Schaffen der Deutschen in Brünn könne nur mit Blick auf die Geschichte der Stadt und die vielschichtigen Rahmenbedingungen in den vergangenen 600 Jahren verstanden werden, betonte Landrock.

Im Blickpunkt:

Frauenrechtlerin, „Tuchkönig“ und der „Mozart der Mathematik“

Die Ausstellung erzählt von berühmten Persönlichkeiten. Gewidmet ist sie unter anderem dem Missionar und Naturforscher Georg Josef Kamel (1691 – 1706), Johann Gregor Mendel (1822 – 1884/Vater der modernen Vererbungslehre), Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach (1830 – 1916), Leo Slezak (1837 – 1946/Kammersänger und Filmschauspieler), Dr. Ernst Mach (1838 – 1916/Mathematiker und Physiker, berühmt geworden mit der Mach-Zahl, welche die Schallgeschwindigkeit beschreibt), Adolf Loos (1870 – 1933/Architekt der Moderne), Anton Hanak (1875 – 1934/Professor und Bildhauer), Viktor Kaplan (1876 – 1934/Entwickler der Kaplan-Turbine), Lyrikerin Maria Hauska (1903 – 1977), Kurt Gödel (1906 – 1978)/ „Mozart der Mathematik“) und Hellmuth Karasek (1934 – 2015/Film- und Literaturkritiker).

Zu Ehren kommen auch Baumeister Anton Pilgram, Botaniker Heinrich Schott, der schon im 18. Jahrhundert am Amazonas forschte, dem Oscar-Preisträger und Filmkomponist Erich Korngold, Frauenrechtlerin Ottilie Bondy, die Drucker- und Verlegerdynastie Rohrer sowie Johann Leopold Köffiler, „Tuchkönig“ und Vater des „Mährischen Manchester“. Selbst diese Namen sind nur eine Auswahl der Lebensläufe und Erfolgsgeschichten, die bis 24. Februar im zweiten Stock der Internationalen Begegnungsstätte Kloster Speinshart zum Lesen, Betrachten und Erleben einladen. Zugänglich ist die Ausstellung an allen Sonn- und Feiertagen zwischen 13.30 und 17 Uhr. Außerhalb dieser Zeit ist eine Besichtigung auf Anfrage unter Telefon 09645/60193601 möglich.

Hintergrund:

Brünner Sprachinsel

Die ehemalige deutsche Sprachinsel mit einer Fläche von circa 70 Quadratkilometern lag am Südostrand des böhmisch-mährischen Höhenzuges, ziemlich genau in der Mitte Mährens. Heute ist sie die Mitte Europas. Die Brünner Sprachinsel zählte laut Volkszählung im Jahr 1921 rund 58 000 deutsche Bewohner.

Über berühmte Persönlichkeiten informiert eine Ausstellung der Internationalen Begegnungsstätte Kloster Speinshart unter dem Titel „Deutsche Brünner aus sechs Jahrhunderten“.

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