10.05.2019 - 08:00 Uhr

"Unser Staat macht sich künstlich dumm"

Schillernd, polternd, polarisierend: Rainer Wendt (62), seit 2007 Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, bleibt sich im Interview mit Oberpfalz-Medien treu.

Rainer Wendt, Polizeihauptkommissar aus Duisburg, ist in dritter Ehe mit einer Niederbayerin verheiratet. Seit 2007 ist er Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft (94 000 Mitglieder) und bekannt durch polternde Talkshow-Austritte. Auf der Durchreise von seiner Wahlheimat München nach Berlin macht er einen Stopp in Weiden. Bild: Michael Ascherl [Michael Ascherl] (michael.ascherl@oberpfalzmedien.de, mascherl)
Rainer Wendt, Polizeihauptkommissar aus Duisburg, ist in dritter Ehe mit einer Niederbayerin verheiratet. Seit 2007 ist er Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft (94 000 Mitglieder) und bekannt durch polternde Talkshow-Austritte. Auf der Durchreise von seiner Wahlheimat München nach Berlin macht er einen Stopp in Weiden.

Schillernd, polternd, polarisierend. Rainer Wendt, seit 2007 Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, eilt ein gewisser Ruf voraus. Er hat Energie für Fünf. Beim Redaktionsgespräch mit Oberpfalz-Medien lässt der 62-Jährige aus Duisburg kein Konfliktthema aus.

ONETZ: Man nennt Sie „Die Posaune aus dem Pott“, „Deutschlands schillerndsten Gewerkschaftschef“. Zeit-Kolumnist Thomas Fischer titelt „Polizist am Abgrund“. Was trifft zu? Und trifft Sie das?

Rainer Wendt: : „Posaune aus dem Pott“ fand ich ganz witzig. Ja, ich bin laut und ich spreche Klartext. Aber treffen? Der Fischer schon gleich zweimal nicht.

ONETZ: Sie lassen aber auch nichts aus. Stehplatzverbot in Stadien, Gummigeschosse bei Demos, Grenzzaun zu Österreich, Burkaverbot... Ihnen ist schon klar, dass die AfD applaudiert?

Ich habe mit der AfD nichts am Hut. Man kann nichts dafür, wenn man Beifall von der falschen Seite kriegt. Ich habe die AfD mal erfolgreich verklagt, weil die mit meinem Konterfei Werbung machen wollte. Ich wünschte mir, dass die nicht so groß wird und am besten weg ist. Was die AfD an vernünftigen Aussagen hat, müsste die Union abdecken. Was sie an unvernünftigen, rassistischen Rechtsaußen-Aussagen hat, muss in der deutschen Politik überhaupt nicht vorhanden sein. Ich sage als absoluter Strauß-Fan...

ONETZ: „Rechts von der CSU darf es keine demokratisch legitimierte Partei geben.“

Genau. Diesen Anspruch hat die CSU zuletzt gründlich vermasselt. Ich habe Strauß beim Politischen Aschermittwoch in Passau immer gut zugehört. Ich glaube auch, dass die Union einen großen taktischen Fehler macht mit der Ausgrenzung bei der Wahl des Vizepräsidenten des Bundestages. Wer Claudia Roth zur Vizepräsidentin wählt, der muss mir nichts von Qualifikation erzählen.

ONETZ: 2015 forderten Sie einen Grenzzaun zu Österreich. 2016 erschien Ihr Buch „Deutschland in Gefahr – Wie ein schwacher Staat unsere Sicherheit aufs Spiel setzt“. Wie sehen Sie die Situation heute?

Ich glaube, dass die bisherige Flüchtlingspolitik ganz fatal gewesen ist für Deutschland. Die sozialen Sicherungssysteme werden überlastet, die Bevölkerung ist stark verunsichert und man hat nicht den Eindruck, dass der Kontrollverlust von 2015 wieder eingefangen ist.

ONETZ: Lösungsansätze?

Ich bin auf einer Linie mit Horst Seehofer. Der Schutz der europäischen Außengrenzen ist leider noch nicht gewährleistet. Er ist den Menschen aber versprochen worden. Niemand will zu stationären Grenzkontrollen zurück. Wir brauchen eine vernünftige Schleierfahndung mit ausreichenden Kräften. Zusätzlich muss Frontex zu einer gemeinsamen europäischen Grenzschutzbehörde an den Außengrenzen ausgebaut werden.

ONETZ: Nach wie vor gibt es eine Salafistenszene, auch in der Region. Wieso ist dem nicht beizukommen?

Und sie hat Zulauf. Nicht nur aus dem Kreise derer, die zu uns kommen. Sondern aus dem Kreis derer, die bei uns sind. Es gibt viele gescheiterte Menschen, die dort eine Identifikation finden, die dort ein Glücksversprechen kriegen. Unsere Justizvollzugsbeschäftigten berichten von Werbern in den Justizvollzugsanstalten. Dort wird viel radikalisiert. Die Salafistenszene ist auf deutlich über 10 000 Leute angewachsen. Ganz früher waren das mal 1000 oder 2000. Wenn wir diese Szene im Griff behalten wollen, müssen wir die Landes- und Bundesämter für Verfassungsschutz und die Nachrichtendienste stärker aufstellen.
en gearbeitet.

ONETZ: Konfliktscheu sind Sie nicht.

Nö! Das ist mein Ding. Ich habe viele Jahrzehnte als Polizist im Duisburger Nord

ONETZ: Schimanskis Revier.

Ja. Dort habe ich ein gesundes Gefahrenbewusstsein entwickelt. Was an Kritik so kommt – Böhmermann-Lieder oder so –, das ist fast schon wieder nett. Böhmermann singt, ich wäre kein richtiger Polizist. Ich sage, Böhmermann ist ja auch kein richtiger Künstler. Mein Enkel singt das Lied übrigens gern.

ONETZ: Sie sind zumindest der einzige Gewerkschaftsboss mit einem Lied.

In dieser Kategorie sind nur Erdogan und Putin. Als ich es das erste Mal gehört habe, habe ich herzhaft gelacht. Es ist doch toll, dass wir ein Land sind, wo man so wat einfach machen darf.

ONETZ: Man hört’s: Sie sind im Ruhrpott aufgewachsen, sieben Geschwister, mit 17 zur Polizei, haben dann das Abitur nachgeholt, waren später 25 Jahre im Schichtdienst. Der Polizeiberuf – würden Sie dazu ihren Kindern raten?

Es ist mir von meinen fünf Kindern leider keines in diesen Beruf gefolgt. Deshalb arbeite ich jetzt an meinen sechs Enkeln. Ich bin leidenschaftlicher Werber für die Polizei: Frauen, Männer, die irgendwie begabt sind, sollen sich irgendwo bewerben. Wenn sie richtig klasse sind, sollen sie sich bei der Polizei bewerben.

ONETZ: Es ist nicht einfach, gute Leute zu bekommen. Beispiel Cybercrime. Ist die deutsche Polizei ausreichend aufgestellt?

Nein, ganz bestimmt nicht. Vor allem macht es uns Schwierigkeiten, die Kompetenz einzukaufen. Wir können keine großen Gehälter bieten wie große Firmen für IT-Experten.

ONETZ: Wie kann man die IT-ler aus Firmen herauslocken?

Man braucht schon ein besonderes Verhältnis zum Staat. Man muss für den Staat arbeiten wollen. Es muss schön sein und es muss eine Ehre sein, beim Staat arbeiten zu dürfen.
ng nicht haben.

ONETZ: Dauerthema Darknet. Drogen, Falschgeld, Waffen werden per Klick bestellt und nach Hause geliefert. Lässt sich dagegen nicht mehr tun?

Ich glaube nicht, dass man im Internet mehr eingreifen kann. Was uns im Bereich der Cyberkriminalität sehr fehlt, ist die Vorratsdatenspeicherung. Der BKA-Chef weist jedes Jahr daraufhin, dass tausende Hinweise, die wir bekommen, unbearbeitet bleiben, weil wir die Vorratsdatenspeicheru

ONETZ: In anderen Ländern Europas besteht für Netzbetreiber die Pflicht zur Speicherung. In Frankreich, Spanien, Dänemark gelten zwölf Monate. In Deutschland speichern die Anbieter sieben Tage. Ist das zeitgemäß?

Der Gesetzgeber hätte das ja gern geregelt. Aufgrund des anhaltenden Widerstands liegt das Ganze wieder einmal beim Gericht. Eine große Kraft hat die falsche Wortwahl: „Vorratsdatenspeicherung“ suggeriert, dass der Staat irgendwelche Daten auf Vorrat speichert. Das ist Blödsinn. Aber den Gegnern ist es gelungen, mit dieser Sprache dafür zu sorgen, dass weite Teile der Bevölkerung das glauben.

ONETZ: Im grenznahen Raum behilft man sich, in dem bei grenzüberschreitender Kriminalität die tschechische Polizei die Daten beisteuert. Etwa Mautdaten oder Bilder aus Autobahnkameras.

In Deutschland macht der Staat sich künstlich dumm. Er könnte viel mehr wissen. Dadurch können manche Verbrechen sehr schwer oder gar nicht aufgeklärt werden – oder nur mit fremder Hilfe. Eine schwere Straftat in Baden-Württemberg konnte mit Mautdaten aus Österreich geklärt werden. Ein unfassbarer Zustand. Wir können selbst dann nicht auf diese Mautdaten zugreifen, wenn es um Terrorismus oder Serienvergewaltigung geht.

ONETZ: Zehntausende demonstrierten gegen das Polizeiaufgabengesetz auf die Straße. Wie haben Sie diese Diskussion betrachtet?

Ich finde es skandalös, dass Grüne und Linke mit Linksradikalen marschiert sind und den Eindruck erweckt haben, die Polizei würde diese Befugnisse missbrauchen, um die Bevölkerung zu bespitzeln und Leute einzusperren. In Wahrheit ist dieses Gesetz leider notwendig. Und es ist so gespickt mit Richtervorbehalten, dass die Polizei allein gar nichts entscheiden kann. Ohne richterlichen Beschluss geht gar nichts und das ist auch gut so. Hier ist der Eindruck erweckt worden – und das ist fatal – dass man gegen die Polizei demonstrieren muss. Das PAG ist eines der besten Polizeigesetze, und ich wünsche mir, es würde das Musterpolizeigesetz für alle Bundesländer.

ONETZ: Warum ist die Stärkung von Sicherheitsmaßnahmen so unpopulär?

Ich denke nicht, dass sie unpopulär ist. Ich denke, dass es die Bevölkerung ganz anders will. Beispiel Videotechnik: Mehr als 80 Prozent der Berliner sprechen sich für Videotechnik im öffentlichen Raum zur Gefahrenabwehr aus. Es entspricht dem grünen und linken Zeitgeist, dies abzulehnen. Es gibt nämlich auch einen linken Populismus in Deutschland, und das ist der, der Polizei möglichst zu misstrauen.

 
Kommentare

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Dr. Jürgen Spielhofen

"Wer lesen kann soll lesen" - genau meine Meinung!

12.05.2019
A. Schmigoner

Wer lesen kann, soll lesen! Aber bitten nicht nur die hübschen Überschriften! Leider verstehen viele nicht die Bedeutung, die sich hinter einigen ihrer Forderungen verbergen. Aber die Werbung für die kruden Thesen der AfD überlasse ich Ihnen!

12.05.2019
Dr. Jürgen Spielhofen

Dieses 4. Kapitel aus dem AfD-Wahlprogramm zur BTW ist nicht wendt-spezifisch (Zitate?), sondern betrifft die Interessen aller Bürger und kann deshalb gerne weiterverbreitet werden:

4 | Innere Sicherheit 22
4.1 Wirksame Bekämpfung der Ausländerkriminalität 23
4.2 Vollstreckung im Ausland 23
4.3 Jugendstrafrecht 24
4.4 Reform der Polizei 24
4.5 Bessere Fahndungsmöglichkeiten 24
4.6 Organisierte Kriminalität bekämpfen 25
4.7 Sicherheit der Bürger verbessern 25
4.8 Abmahnvereine abschaffen 25
4.9 Erstattungsfähigkeit vorgerichtlicher Inkassokosten
gesetzlich unterbinden 25

12.05.2019
A. Schmigoner

Bt-Wahlprogramm, Kap. 4

12.05.2019
Dr. Jürgen Spielhofen

Zitat? Welche Seite?

11.05.2019
A. Schmigoner

Wendt und AfD, -das passt, gerade im Hinblick auf das Wahlprogramm der AfD.

11.05.2019
Dr. Jürgen Spielhofen

Die Fremdbeurteilung der Wahlkampftauglichkeit einer bestimmten Person ist für die AfD insofern irrelevant als sie darüber in eigener Verantwortung entscheidet. - Im Übrigen ist unser Wahlkampfprogramm für jederman im Internet abrufbar!

11.05.2019
A. Schmigoner

Gibt es einen Gewerkschafter, der mehr persönliche Angriffe zu Personen und Verfassungsorganen absondert, als Wendt (siehe oben)? Faber est suae quisque fortunae. Er hat sich für seinen Weg entschieden und muss nun erleben, dass er in weiten Teilen fachlich nicht mehr ernst genommen wird. Für Wahlkampfzwecke der AfD war und ist Wendt durchaus tauglich.

11.05.2019
Dr. Jürgen Spielhofen

Wortreiche Argumente ad hominem! Sind die Aussagen eines Mannes schon deshalb falsch, weil es der "falsche" Mann ist?

11.05.2019
A. Schmigoner

In den größeren Städten und bei den verschiedenen Fernsehsendern ist man Rainer Wendt und seiner Thesen überdrüssig geworden. Anders in der Provinz, hier hinterfragt man seine Statements nicht, leichtes Spiel für Wendt. Wendt war einfacher NRW-Streifenpolizist, und gefällt sich selbst in regelmäßiger Richter- und Politikerschelte. Die Flüchtlingskrise von 2015 wird von Ihm gerne als Ausgangspunkt einer Apokalypse thematisiert. Dabei sagt er seit seinem Amtsantritt 2007 in schöner Regelmäßigkeit den unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch unseres Staatswesens voraus. Sowohl die von ihm vertretenen Positionen zur Inneren Sicherheit als auch seine vielfachen öffentlichen Äußerungen zu Bereichen der öffentlichen Sicherheit und anderen Themen in Staat und Gesellschaft sind oft polarisierend, umstritten und von der Verfassung nicht gedeckt. Wendt fordert bei Demonstrationen den Einsatz von Gummigeschossen. Allein in Nordirland seien zwischen 1970 und 2005 durch Gummigeschosse 17 Menschen getötet worden. Zudem gebe es immer wieder Schwerverletzte zu beklagen. Wegen der fehlenden Zielgenauigkeit fänden sich unter den Opfern oft auch Unbeteiligte. „Dass er [Rainer Wendt] ein gespanntes Verhältnis zu Menschen hat, die ihre demokratischen Grundrechte wahrnehmen, hat er mehrfach zum Ausdruck gebracht“, schreibt Matthias Altenburg.
Wendt beklagt die Verunsicherung der Bevölkerung und verunsichert diese mit seinen Interviews und Büchern. Wendt beklagt den fehlenden Respekt gegenüber dem Staat und lässt es permanent an Respekt gegenüber seinem Dienstherrn, Bundesrichter Thomas Fischer, Justiz, Bundeskanzlerin Merkel und Bundestagsvizepräsidentin Roth mangeln. Im März 2017 berichtete der BR, dass Wendt neben seinen Einkünften als Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft jahrelang ein Gehalt als Polizeibeamter bezogen hatte, obwohl er nicht mehr als Polizist tätig war. Zusätzlich ist Wendt Aufsichtsrat der Axa-Versicherung (bekannt durch Rotlichtpartys), und insgesamt fünf verschiedene Gremienposten. Wendt hat diese Bezüge weder angegeben noch die Nebentätigkeit angezeigt. Staatsanwalt und Disziplinarbehörde ermittelten.
Unter den Innenministern Schäuble und Herrmann wurden in Bund und Land tausende Polizeistellen abgebaut. Wendt lässt kein gutes Haar an der deutschen Innenpolitik, trotzdem lobt er Innenminister Seehofer?
Der Bund deutscher Kriminalbeamter hat Wendts Aussagen mehrfach als Populismus kritisiert. Im Untersuchungsausschuss zur „NSU-Affäre“ stellte sich heraus, dass die Ermittlungen Jahre früher hätten abgeschlossen werden können. Ein V-Mann hatte schon lange die entscheidenden Hinweise gegeben. Auch die Speicherkarte eines Tätertelefons wurde Jahre nicht ausgewertet, -wegen fehlender Polizeistellen. Was nützen also die Fülle der Daten, wenn sie niemand auswerten kann? Wieso hat China, der mächtigste Überwachungsstaat der Erde, eine so hohe Kriminalitätsrate und die höchsten Hinrichtungszahlen? Welche Positionen hat Wendt zu Rechtsterrorismus, von dem lt. Verfassungsschutzbericht deutlich mehr Straftaten und Morde ausgehen, als vom Linksterrorismus (seinem Lieblingsthema)? Welche Vorschläge hat Wendt zur Wirtschaftskriminalität, die dem Staat jedes Jahr mehrere Milliarden Euro kostet? –nicht seine Themen. Nach dem ehemals Vorsitzenden Richter des Bundesgerichtshofes Thomas Fischer verbirgt Wendt „persönliche Wut, biografische Erniedrigung und Verachtung für Eliten hinter Behauptungen über angeblich unterdrückte Meinungen. Das ist ein tausendfach erprobtes Mittel der Demagogie.“ Es verstärkt nach der Meinung von Fischer „Ängste und Vorurteile.“ Fischers Fazit ist, das Buch sei „nicht bloß ein inhaltlich unzutreffendes und literarisch schlechtes Buch. Bedauerlich ist, dass der Autor behauptet, Sprachrohr der deutschen Polizei zu sein. Dass er deren Interessen vertritt, ist zu bezweifeln. Sicher ist nur eines: Er vertritt die Interessen des Rainer Wendt.“

11.05.2019
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