Zuhause rumsitzen und nichts tun, kommt für Andreas Lehner nicht in Frage. Seit Kriegsbeginn in der Ukraine engagiert sich der 47-jährige Weidener für Menschen in Not, zunächst auf eigene Faust, dann für den Verein Space-Eye. "Ich weiß wie das ist, wenn es einem nicht gutgeht", sagt Lehner, der aus gesundheitlichen Gründen erwerbsunfähig ist.
In der ersten Zeit nach Kriegsausbruch im Februar 2022 versucht er noch alleine Hilfsgüter zu sammeln. Auf der Suche nach Unterstützung kommt der Weidener jedoch schnell mit dem Regensburger Verein Space-Eye in Kontakt. "Da geht man nicht hin und sagt, man möchte mitmachen, sondern da rutscht man so rein", erzählt er. Ihm imponiert, dass Space-Eye jahrelange Erfahrung hat und auch ein Netzwerk bieten kann.
Gastraum als Kleiderkammer
Auf der Suche nach Räumlichkeiten im Raum Weiden wird Lehner in Störnstein im ehemaligen Gasthaus "Gigl" fündig. Der frühere Gastraum dient als Kleiderkammer und Sammelstelle für Hilfsgüter jeglicher Art. Auch von Störnstein aus startete Space-Eye in den vergangenen Monaten immer wieder Transporte in die Ukraine. Andreas Lehner war bereits mehrmals vor Ort.
Auch als Space-Eye das Projekt der "Rollenden Backstube" ins Leben ruft, fährt Lehner mit in das vom Krieg gebeutelte Land. Der Anhänger, auf dem die mobile Backerei untergebracht ist, stammt aus Schweizer Armeebeständen und steht zu diesem Zeitpunkt bereits in der Ukraine, allerdings nicht einsatzfähig. Das Space-Eye-Team hat sich auf dieser Tour vorgenommen, die kleine Backstube herzurichten und in Betrieb zu nehmen.
20 Stunden warten an der Grenze
Lehner und sein Beifahrer haben geplant, einen Tag eher als das restliche Team aufzubrechen, da sie auf einem Anhänger ein Blockheizkraftwerk transportieren und deshalb nicht schneller als 80 km/h fahren können. Als der Beifahrer kurzfristig abspringt, entschließt sich Andreas Lehner, alleine zu fahren, wohlwissend, dass eine Tortur auf ihn wartet. Das Schlimmste ist nicht die lange Strecke, sondern das Warten am Grenzübergang in Polen. 20 Stunden steht er bei über 40 Grad in einer kilometerlangen Schlange, bis er endlich ins Land gelassen wird. Ziel ist die Region um Nikopol im Osten der Ukraine.
Ebenfalls im Team ist Bäckermeister Reiner Dietl aus Elisabethszell, der sein Wissens an einheimische Helfer weitergibt, damit diese künftig selbst backen können. Drei Bäcker hat er bislang ausgebildet. Die mobile Backstube wechselt regelmäßig den Standort, damit die Gefahr eines gezielten russischen Angriffs minimiert wird.
Lehner ist immer wieder beeindruckt von den Fähigkeiten der Ukrainer sich selbst zu helfen. Bevor es ans Backen ging, musste eine Knetmaschine repariert werden. "Ich hätte alles zerlegt", gibt Lehner zu. Einer der einheimischen Helfer macht's anders und friemelt solange herum, bis er den gebrochenen Bolzen entfernt hatte.
Mobile Backstube
Täglich werden in der mobilen Backstube 600 Brote gebacken und verteilt. Die Situation in der Region ist nicht einfach. "Ein paar Mal haben wir Detonationen von Rohrartillerie in der unmittelbaren Umgebung miterlebt", erzählt Lehner. Ein anderes Mal seien drei Raketen Richtung Westen über ihre Köpfe geflogen.
Das Leben in den Städten geht irgendwie weiter. "Die Kinder baden in den Flüssen, die Leute gehen einkaufen. Was sollen sie auch sonst tun", berichtet der Weidener. "Die Bevölkerung ist abgestumpft."
Über das Brot, das vor Ort gebacken wird, freuen sich vor allem Menschen in den Dörfern, die einst Kampfgebiet waren und dann befreit wurden. Oder besser gesagt, was von den Dörfern noch übrig ist. Lehner nennt ein Beispiel: "Von einst 450 Einwohnern eines Dorfes haben 40 Menschen überlebt, rund 20 davon sind Kinder", erzählt er. Der Rest sei ermordet oder nach Russland verschleppt worden (vor allem Kinder zwischen 3 und 12 Jahren). Kaum eines der Häuser sei dort noch wirklich intakt. "Die Dankbarkeit dieser Leute ist unbeschreiblich", sagt der Weidener. "Ich bin mir sicher, diese Bäckerei ist genau dort, wo sie am dringendsten gebraucht wird."
Soldaten sind fertig
Lehner ist außerdem erschüttert, mit welchen Mitteln das ukrainische Militär kämpft. Seien es Panzer, umgebaute Pickups oder auch Lkw. "Bei uns steht sowas im Museum. Dort ist es im Einsatz", schüttelt er den Kopf. Die Soldaten erzählen von ihrem Alltag. Jede Nacht würden sie Drohnen hören, die 100 Meter über ihren Köpfen kreisten. An Schlaf sei nicht zu denken. Diese Drohnen könnten bekämpft werden, aber nur mit Nachtsichtgeräten, erzählt der Weidener. Doch die gebe es nicht. "Man sieht es den Soldaten an, wie fertig sie sind", sagt er. Doch auch sie hätten sich riesig über das frische, noch warme Brot gefreut.
Problematisch sei auch die Wasserversorgung. "Die Menschen in dieser Region werden momentan noch mit Containern und Tankwagen versorgt", berichtet Lehner. Ein neues Wasserförderungssystem werde gerade gebohrt. Doch auch dies sei nicht so einfach.
Auf der "Backstuben"-Tour haben Space-Eye-Helfer 4328 Kilometer zurückgelegt. "Mit der Vor- und Nachbereitung waren es sogar noch etwas mehr", schätzt Lehner. Doch all das schreckt die Helfer nicht. Die nächste Tour in die Ukraine hat Space-Eye schon geplant. Andreas Lehner will wieder mit dabei sein. Als Beifahrer hat sich der Weidener Stadtrat Ali Zant angeboten. Am 20. August geht es diesmal in den Westen der Ukraine, wo ein Krankenhaus und eine Schule unterstützt werden soll.
Space-Eye sammelt weiter Hilfsgüter
- Benötigt werden Hygieneartikel wie Windeln, Duschgel, Waschpulver
- Medizinischer Bedarf wie Medikamente, Ohropax, Krücken, Verbandsmaterial, Rollstühle
- Haushaltswaren wie Wasserkocher, Töpfe, robustes Geschirr und Besteck
- Haltbare Lebensmittel wie Konserven, Nudeln oder Reis
- Stromgeneratoren, Kabeltrommeln, Zelte, Schlafsäcke, Feldbetten
- Aktuell wird keine Kleidung benötigt
- Abgabestellen sind in Störnstein im ehemaligen Gasthaus "Gigl" (Mittwoch von 14 bis 16 Uhr und Freitag zwischen 14 und 18 Uhr) oder bei Getränke Hoffmann in Weiden






















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