13.07.2018 - 17:08 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Arbeiten im Giftcocktail

Es muss ein richtiger Giftcocktail gewesen sein, dem viele Maxhütterer täglich ausgesetzt waren. Auch das Betriebsgelände nahm die Schadstoffe auf. Es gibt eine signifikant hohe Krebs-Sterberate unter ehemaligen MH-Arbeitern. Mit Hilfe der IG Metall fechten jetzt einige Betroffene die Anerkennung einer Berufskrankheit durch.

Bei Konvertereinsatz zogen aus dem Maxhüttenstahlwerk riesige rote Rauchwolken. Neben dieser sichtbaren Belastung gab es laut Untersuchungsergebnissen aber noch eine Vielzahl anderer – zum Teil krebserregender – Stoffe, die Mensch und Umwelt jahrzehntelang belasteten. Eine Folge davon können die gegenüber dem Landesdurchschnitt um 20 Prozent gestiegenen Krebsfälle bei männlichen Einwohnern Sulzbach-Rosenbergs in den Jahren 2002 bis 2012 gewesen sein.
von Andreas Royer Kontakt Profil

Es fällt Albert Vetter schwer, beim Pressetermin über die vielen Schicksale von ehemaligen Kollegen zu reden. Aber er hat sich in die Materie vertieft, sie quasi zur Hauptaufgabe gemacht, um den schwerkranken ehemaligen Hüttenarbeitern oder deren Hinterbliebenen zu helfen. Zusammen mit Erstem IG-Metall-Bevollmächtigten Horst Ott brachte er vor vier Jahren den Stein ins Rollen. Jetzt gibt es für etliche Betroffene - gemeldet hatten sich etwa 40 Personen - mehr Rente, vererbbare Nachzahlungen oder für Angehörige eine höhere Hinterbliebenenrente

Schadstoffbelastungen führten im Jahr 2013 zur Absage des Großereignisses "Bike on Fire". In weiten Teilen des MH-Areals musste kontaminierter Boden ausgetauscht und saniert werden. Für die Gewerkschafter aber der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. "Ich wurde mehrfach von alten Maxhütterern angesprochen, die an Krebs erkrankt sind, ob man den Ursachen nachgehen könnte. Sie vermuteten, dass die Arbeitsbedingungen in der MH Auslöser für ihre Erkrankungen sein könnten", blickt der frühere Gesamtbetriebsratsvorsitzende Albert Vetter zurück.

Auf vier DIN-A4-Seiten standen die Namen von früheren Kollegen, die vom Krebs betroffen waren. "Wir wollten denen jede mögliche Hilfestellung geben, wenn der begründete Verdacht besteht, dass eine ernsthafte oder gar lebensbedrohende Erkrankung im Zusammenhang mit der früheren Tätigkeit bei der Maxhütte und der damit verbundenen oft hohen Schadstoffbelastung besteht", ergänzt Horst Ott, der die Hauptaufgabe seiner Gewerkschaft darin sieht, für die Menschen da zu sein.

Echte Berufskrankheit

Wie beim Gespräch weiter verdeutlicht, hätten sich jetzt die ersten Erfolge in Sachen "Anerkennung einer Berufskrankheit" eingestellt. "Die Leute haben sich bei uns gemeldet, über den behandelnden Arzt den Verdacht auf eine Berufskrankheit bei der Berufsgenossenschaft Holz/Metall Nürnberg angezeigt und abgesichert durch den DGB-Rechtsschutz Klage beim Sozialgericht eingereicht und Recht bekommen", schildert der Bevollmächtigte den Weg, der auch die Initiative der Betroffenen unterstrich, da es sich hier um ein einklagbares Individualrecht handle.

"Durch Untersuchungen und Diagnosen der Krebspatienten sowie der nachgewiesenen Arbeitsgeschichte konnte der Beweis genau erbracht werden, das die Erkrankung auf die jahrelange Aufnahme von polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK), wie in der Maxhütte massiv vorhanden, zurückzuführen ist", schildert Albert Vetter.

Auch in der wissenschaftlichen Begründung würden detailliert die Branchen und Tätigkeiten mit PAK-Einwirkung aufgeführt, darunter die Hütten- und Metallindustrie, Gießereien, Feuerfestindustrie oder Steinkohlekokereien. Zur Untermauerung der Ergebnisse zitiert Vetter das Internet-Lexikon Wikipedia: "Einige PAK sind beim Menschen eindeutig krebserzeugend, zum Beispiel Lungen-, Kehlkopf- Hautkrebs sowie Magen-, Darm- und Blasenkrebs."

Zum Themenbereich "Gesundheitsgefährdung von Maxhüttenarbeitern durch Schadstoffeinwirkung" sei bislang von der Staatsregierung und anderen befassten Stellen sehr wenig gekommen. Albert Vetter geht davon aus, dass der Staat meinte, richtig zu handeln - aus welcher Motivation auch immer. "Die Entstaubung kam nicht, unter vorgeschützter Ahnungslosigkeit wurden Gesetze und Verordnungen zum Schutz der Umwelt für die Maxhütte immer wieder ausgehöhlt."


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Nicht für die Liegenschaft

„Forderungen nach sauberer Luft und Arbeitssicherheit waren schon immer Kernziele. Nach Untersuchungen des potenziellen Übernehmers Scholz-Veneto hätten die Investitionen für Umweltschutz und Sanierung 70 bis 75 Millionen Deutsche Mark betragen“, verweist Albert Vetter auf die Belastungen am gesamten MH-Gelände. „Wir sind aber für die Menschen zuständig, nicht für die Liegenschaft. Diese Belastungen können andere Institutionen ermitteln“, so Horst Ott, der sich freut, Kollegen Hilfen ermöglicht zu haben, um mit der Krankheit besser umgehen zu können.

Horst Ott (links), Erster Bevollmächtigter der IG Metall, und Albert Vetter, ehemaliger Gesamtbetriebsratsvorsitzender der Maxhütte wollen Kollegen helfen, die aufgrund der Arbeitsbedingungen in der MH erkrankt sind.

Kommentar:

Unser aller Erbe

Asbest, Benzol, Blei, Chrom 6, Cyanide, Dieselruß, Formaldehyd, Gichtgas, Kohlenmonoxid, Nickel, Schwefel, Teer, Vanadium – diese Reihe von in der Maxhütte entstandenen oder eingesetzten Schadstoffen ließe sich noch fortsetzen. Sie bleiben uns genauso wie der industrielle Fortschritt als Erbe. Was aber eventuell noch auf dem früheren Montangelände an Belastungen schlummert, mochten die Gewerkschafter nicht konkretisieren, boten aber Umweltorganisationen bei Nachforschungen Unterstützung an. Ott und Vetter haben gezeigt, das solidarischer Einsatz Erfolg bringt, Leid gelindert werden kann. Und scheinbar ist die Wandlung des ehemaligen Brötchengebers der Region zum Alptraum noch nicht ganz beendet.

Andreas Royer

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