02.12.2019 - 16:47 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Artenschutz geht nur miteinander

Die Info-Veranstaltung über Ergebnisse des Volksbegehrens "Rettet die Bienen" gerät zur massiven Diskussion zwischen dem Chef des Landesbundes für Vogelschutz und verärgerten Landwirten. Und draußen stehen Traktoren mit Protestschildern.

Vor dem Capitol fuhr die Protest-Armada der Landwirte mit den Treckern auf – ein Hauch von Berlin.
von Joachim Gebhardt Kontakt Profil
Referent Norbert Schäffer stellte sich geduldig allen Fragen der Landwirte.

Noch waren kaum Besucher ins Capitol gekommen, da erregten draußen die zahlreichen Traktoren schon das Aufsehen der Passanten. Und die Landwirte stellten dann auch rund zwei Drittel der Besucher im vollen Saal, in dem LBV-Kreisvorsitzender Bernhard Moos die Interessierten willkommen hieß. Michael Scharl ließ kurz die Mitwirkung der regionalen Naturschutzverbände beim Volksbegehren Revue passieren.

"Wir sprechen die Dinge an, wie sie sind, pragmatisch und ohne Schönrederei!", schickte Norbert Schäffer, Vorsitzender des LBV, seinem Vortrag voraus. Das Ziel müsse sein, dass man miteinander über alles reden könne. "Der LBV hat und hatte niemals das Ziel, gegen die Landwirte zu hetzen", stellte er mehrmals klar. Man nehme die Sorgen der Bauern sehr ernst, denn die Landwirtschaft leiste viel. Allerdings sei jeder Bürger mit rund 114 Euro pro Jahr über die Steuern mit den Subventionen der Landwirtschaft belastet, die rund die Hälfte von deren Einkommen ausmachten - auch wenn von den 114 Euro nur 30 Euro beim Bauern ankämen, nach Abzug aller Steuern und Abgaben, wie sich herausstellte.

Norbert Schäffer, selbst geborener Sulzbach-Rosenberger, wies auf die dramatischen Zahlen beim Artenschwund hin: 50 Prozent in der Agrarlandschaft in 40 Jahren, beim Rebhuhn 95, beim Kibitz 80 Prozent. Der Rückgang der Artenvielfalt habe drei Hauptgründe: das Fehlen von Strukturen in der ausgeräumten Agrarlandschaft, den Einsatz von Pestiziden und die Düngemittel. Resultat: ein bedrückend stummer Frühling.

Gut gefüllt präsentierte sich der Saal – die Bauern stellten klar die Mehrheit im Publikum.

Es geht auch anders

Dabei wäre es beweisbar durchaus möglich, auch in der konventionellen Landwirtschaft Rückzugsräume zu schaffen, die dem Landwirt finanziert würden, etwa durch staatlichen Ausgleich bei einem späteren Mähtermin von Wiesen.

Das Volksbegehren habe über 1,7 Millionen Bürger aufgerüttelt, die sich, entgegen mancher Vorwürfe, durchaus mit den Inhalten auseinander gesetzt hätten. Schäffers ausdrückliches Lob galt Ministerpräsident Markus Söder für sein Engagement über das Bürgerbegehren hinaus.

Der Vortrag brachte ein ganze Menge Landwirte dazu, sich zu Wort zu melden: Da ging es um die Gülleausbringung, die maximal zwei Liter pro Quadratmeter betrage, um viele andere Ursachen für das Insektensterben, um im Laufe der Jahre gewachsene Subventionen, die als Vorwürfe gebraucht würden. Deutlich wurde vor allem, dass die Landwirte ein tiefes Misstrauen gegenüber Politik und Behörden entwickelt haben, die sie in die Lage des Sündenbocks gebracht hätten. Auch das Volksbegehren passte da ins Bild vieler Kritiker.

Norbert Schäffer sprach aber auch Klartext: "Hören Sie auf, nur zu jammern und die Fehler bei den anderen zu suchen! Hören Sie auf, grüne Kreuze aufzustellen und die Innenstädte mit Traktoren zu blockieren!" Die Gesellschaft wolle eine andere Landwirtschaft und müsse sich auch finanziell beteiligen, nun müsse man gemeinsam einen Weg finden, dass die Bauern weiterhin von ihren Höfen leben könnten, obwohl mehr für den Natur- und Artenschutz getan werde.

Faktische Enteignung

Es gab aber auch handfeste Beispiele von behördlichen Missständen: An Gewässern werden künftig fünf Meter breite Streifen vor dem Dünger-Eintrag ins Wasser schützen. Ein Landwirt rechnete vor, dass er alleine aufgrund dieser Regelung drei Hektar seines Grundbesitzes praktisch vollkommen verliere, eine Wertminderung seines Hofes um 150 000 Euro. Auch andere Maßnahmen fassen die Landwirte als Quasi-Enteignung auf. Und sie ärgert, dass ihre bisherigen freiwilligen Leistungen auf Naturschutzgebiet offensichtlich nicht genügend gewürdigt wurden.

Besuchsangebot

"Öko-Landwirtschaft bringt nicht automatisch mehr Vögel", bekräftigte Norbert Schäffer, der den Bauern auch das Angebot machte: "Ich komme zu Ihnen auf den Hof, wir können zusammenarbeiten, denn wir haben kein Interesse an Konflikten." Und am Ende, nach dem Austausch vieler Argumente, stand im offenen Gespräch im Saal doch bei einigen Landwirten zumindest die prinzipielle Bereitschaft, über Zusammenarbeit und neue Ideen nachzudenken.

Kommentar:

Die Hand ist ausgestreckt

Bullige Traktoren mit Protestschildern vor dem Capitol, drinnen ein informativer Vortrag über das Volksbegehren zur Bienenrettung. Doch dann kommt es zur hitzigen Diskussion: Die Landwirte sparen nicht mit Vorwürfen an die Naturschützer.
Dabei wäre doch alles so einfach: Statt Rundumschlägen wäre nüchternes Nachdenken angesagt. LBV-Chef Norbert Schäffer, ein absoluter Medienprofi, sagt es den Landwirten immer wieder: Es geht nur miteinander. Keiner will den Bauern schaden, im Gegenteil. Aber die Gesellschaft will Veränderungen. Gemeinsam sollte man überlegen, wie man den Naturschutz, dem sich die Landwirte künftig verstärkt widmen sollen, diesen auch vergüten kann. Geld ist ja genug da, es muss nur in die richtigen Kanäle geleitet werden.
Es gibt genug Beispiele, wo auch konventionelle Landwirtschaft die Artenvielfalt erhalten kann, durch Rückzugsräume, Blühwiesen, spätere Mähtermine, Verzicht auf Mulchen, Anlegen von Hecken und vielem mehr. Der LBV hat zwar das Volksbegehren mit initiiert, aber er kann nichts für die EU-Düngeverordnung, den Mercosur-Vertrag mit Brasilien, den Klimawandel oder die Engstirnigkeit mancher Behörden. Im Gegenteil.
Der Schluss der Diskussion, als in einer Reihe von Kleingruppen schon recht vernünftig diskutiert wurde, lässt hoffen: Die Hand ist ausgestreckt, um zu helfen. Jetzt müssen die Bauern sie nur noch ergreifen. Da geht aber nur, wenn man das Protestschild mal kurzzeitig weglegt.

Joachim Gebhardt

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