02.09.2020 - 11:46 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Bahn kontert Kritik an Bürgerdialog: "Wir wollen niemanden niedermachen"

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Nutzt die Bahn die Coronakrise gezielt aus, um ihre geplante Stromtrasse in der Region gegen den Willen der Menschen durchzusetzen? Viele Bürger kritisieren die angekündigten Einzelsprechstunden der Bahn – doch die widerspricht vehement.

Wie hier im südlichsten Sulzbach-Rosenberger Stadtteil Prohof würde die geplante 110-kV-Stromleitung der Bahn nicht nur die Natur belasten, sondern auch die Menschen: Die Trasse liefe direkt an einem Neubaugebiet vorbei.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Die Bauplanungen für eine 110-kV-Stromleitung der Bahn durch Amberg und den Landkreis will das Unternehmen erleichtern, indem die betroffenen Bürger durch eine "frühzeitige Öffentlichkeitsbeteiligung" eingebunden werden. Wie der für die Trasse verantwortliche DB-Gesamtprojektleiter Matthias Trykowski gegenüber unserer Zeitung erklärte, soll so Transparenz hergestellt und Akzeptanz für das Bauprojekt geschaffen werden. Genau daran gibt es bei den Menschen in der Region aber erheblichen Zweifel.

Strategisches Taktieren der Bahn?

So kündigte Trykowski bereits vor zwei Wochen sogenannte "Bürgersprechstunden" an, die ab September auch in Amberg stattfinden sollen. Die Crux dabei: Unter Verweis auf die Infektionsgefahr bei großen Infoveranstaltungen mit womöglich mehreren Hunderten Teilnehmern, bietet die Bahn nur Einzelgespräche an, wofür die Bürger zuvor einen festen Termin vereinbaren müssen. Dahinter vermutet der Amberger Johann Heinrich strategische Absicht: "Corona kommt der Bahn hier natürlich gelegen. Sie bietet Einzelgespräche an. Hier sitzt man dann mehreren Bahnmitarbeitern gegenüber und wird niedergemacht." Heinrich lehnt das Format auch deshalb ab, weil "der Gesprächsinhalt nicht öffentlich dokumentiert wird".

Corona verhindert "Infomärkte"

Will die Bahn der geballten Kritik zahlreich versammelter Bürger entgehen - und diese alleine "niedermachen"? Auf Anfrage von Oberpfalz-Medien kontert ein Bahnsprecher, der namentlich nicht genannt werden möchte, die Kritik deutlich: "Wir weisen diese Unterstellungen zurück. Der zeitliche Ablauf bei der Planung zur Bahnstromversorgung war schon lange für den Frühsommer 2020 vorgesehen. Die weltweite Pandemie hat uns genauso überrascht wie alle anderen."

Der Sprecher verweist darauf, dass "die großen geplanten Infomärkte vor Ort" durch "geeignete andere Formate" ersetzt werden mussten. Auch sei Transparenz gewährleistet, da alle bislang abgehaltenen Online-Infogespräche gespeichert und auf der Bahn-Homepage abrufbar seien. Gerade für Menschen, die nicht online-affin sind und Fragen persönlich klären möchten, seien die Sprechstunden ein geeignetes Angebot.

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Bahn fordert Fairness von allen

Zum Vorwurf des "Niedermachens" versichert der Sprecher, dass die Gesprächstermine "im Sinne eines fairen und offenen Umgangs miteinander" gestaltet werden. In der Regel sei dabei eine Mitarbeiterin anwesend sowie, bei Bedarf zur "fachlichen Unterstützung", ein weiterer Kollege. Wichtig sei: "Selbstverständlich möchten wir uns hier auf einer fairen Gesprächsbasis unterhalten und niemanden niedermachen - und erhoffen uns dies auch von unserem Gegenüber." Ob dies die Zweifler überzeugt, bleibt fraglich. Schließlich sind seit Mitte Juli in Bayern auch im Kulturbereich Veranstaltungen mit bis zu 400 Personen im Freien und 200 im Inneren wieder erlaubt.

Corona kommt der Bahn natürlich gelegen. Sie bietet Einzelgespräche an. Hier sitzt man
dann mehreren Bahnmitarbeitern gegenüber und wird niedergemacht.

Johann Heinrich

Eine Antwort gibt der Sprecher auch auf die Kritik zur Gefährdung von Vögeln durch die 36 bis 45 Meter hohen Stahlgittermasten. Nicht durch Stromschläge, sondern viel mehr durch Seilanflug kämen die meisten Vögel zu Tode, kritisieren Vogelschützer. Besonders problematisch wäre dies im Lehental im westlichen Landkreis, weil dort die Brutgebiete geschützter Uhus betroffen sind.

Sonderschutz für Vögel

"Natürlich nehmen wir mögliche Gefährdungen von Vögeln und anderen Lebewesen durch unsere Anlagen ernst", sagt dazu der Bahnsprecher. Dies könne jeder "auf den 8000 Kilometern Bahnstromnetz in Deutschland nachverfolgen". Und weiter: "Die Auswirkungen lassen sich durch geeignete Schutzmaßnahmen minimieren, beispielsweise durch Vogelschutz-Armaturen an den Masten." Der Mitarbeiter versichert, dass hierzu in den kommenden Planungsphasen noch "detaillierte Unterschuchungen" durchgeführt und Vogelschutzexperten mit einbezogen würden.

Trasse wichtig für Gesellschaft

Gleichzeitig lässt der Sprecher durchblicken, dass die Bahn es am Ende nicht allen wird recht machen können. "Leider lassen sich Veränderungen im Lebensraum von Menschen, Tieren und Pflanzen durch Infrastruktur wie Straßen, Bahnstrecken oder Stromleitungen nicht gänzlich verhindern." Zwar werde angestrebt, "die Planung bestmöglich in Einklang zu bringen mit den Anliegen der Umgebung", aber: "Dennoch ist öffentliche Infrastruktur von enormer Bedeutung für eine Gesellschaft." Damit will der Konzern wohl unterstreichen, dass er auch von den Gegnern der Trasse Kompromissbereitschaft erwartet.

Ob es diese gibt, dürfte maßgeblich davon abhängen, ob die Bahn der zentralen Forderung der Interessengemeinschaft (IG) "Bahnstrom – so nicht!" nach einer ehrlichen Prüfung von Alternativen zur Trasse nachkommt. Bislang lautet der Vorwurf der IG-Vertreter, die Bahn würde den Leitungsverlauf lediglich nach dem Sankt-Florians-Prinzip von einer Gemeinde zur nächsten verschieben. Vom Gegenteil muss der Konzern die Amberg-Sulzbacher erst noch überzeugen.

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Die Interessengemeinschaft (IG) "Bahnstrom - so nicht!" findet viel Zuspruch, wie dieses Plakat in Sulzbach-Rosenberg beweist.
Kommentar:

Was hat die Region davon?

So ein Bürgerdialog ist echte Kärrnerarbeit. Das ist einem Konzern, der seit jeher Großprojekte plant, natürlich bewusst. Die Bahn hat sich für ihr Stromtrassenprojekt entsprechend gewappnet. Die frühzeitige Beteiligung der Öffentlichkeit, die Info-Veranstaltungen und die anstehenden Einzelgespräche zeugen davon.
Was bis heute fehlt, ist eine klare Perspektive für den Raum Amberg-Sulzbach. Das Stromtrassenprojekt muss in den Gesamtkontext der Elektrifizierung gestellt werden: Die Bahn muss erklären, warum die Leitungen gebraucht werden und was die Region konkret davon hat. Das ist der Knackpunkt.
Bisher sind die Bedürfnisse der Region kaum auf Gehör gestoßen. Der Amberger Bahnhof ist immer noch nicht barrierefrei, von der fehlenden Toilette ganz zu Schweigen. Und die Aufweitung der Bahnüberführung in der Regensburger Straße scheint auf den Sankt-Nimmerleinstag verschoben.

Uli Piehler

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