08.04.2020 - 17:10 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Corona wütet auch in Afghanistan

Das Coronavirus bedroht in Afghanistan vor allem die Ärmsten. Gleichzeitig sind die Arbeitsmöglichkeiten des internationalen Hilfswerks Shelter Now unter Federführung des Sulzbach-Rosenbergers Georg Taubmann massiv eingeschränkt.

In diesem Lager von Binnenflüchtlingen in Kabul, das Georg Taubmann (Mitte) und sein Stellvertreter Dieter Drexler (rechts mit Brille) im Winter besuchten, sind inzwischen 35 Frauen und 15 Kinder verstorben. Shelter Now leistet Hilfe mit Lebensmittel-Rationen.
von Autor RLÖProfil

Mit der Verteilung von Hygiene-Paketen an besonders bedürftige Familien reagiert das internationale christliche Hilfswerk Shelter Now gegenwärtig auf die Ausbreitung des Coronavirus in Afghanistan. Zugleich bereitet sich die Organisation auf Lebensmittelverteilungen vor, da Engpässe befürchtet werden, berichtet der internationale Direktor von Shelter Now, Georg Taubmann, im Gespräch mit unserer Redaktion. Mehrere Projekte, besonders im Bildungsbereich seien ausgesetzt.

Schon über 150 000 Afghanen seien aus Furcht vor der Corona-Ausbreitung im Iran fast unkontrolliert nach Afghanistan eingereist - viele dürften mit dem Virus infiziert sein und es nun im ganzen Land verbreiten, so Taubmann. Die afghanische Regierung meldete bisher 273 Corona-Infektionen und 6 Verstorbene, ein Großteil der Fälle wurde in der Provinz Herat registriert, die an den Iran angrenzt.

Hohe Dunkelziffer

Die wahre Zahl der Infizierten und der Todesopfer dürfte weit größer sein. Nicht veröffentliche Schätzungen aus Regierungskreisen gehen inzwischen von zehntausenden Coronafällen im Land aus. Unvorstellbar dabei: Es gibt in ganz Afghanistan bis dato nur zwölf Beatmungsgeräte, die ein großer Teil der Ärzte nicht mal bedienen kann.

Die Lage ist auch deshalb außer Kontrolle, weil seit Wochen Zehntausende von Afghanen aus dem Iran über die nach wie vor offene Grenze nach Afghanistan zurückkehren, weil sie befürchten, sich im Iran mit Corona zu infizieren, oder weil sie ihre ohnehin schlecht bezahlten Hilfsarbeiter-Jobs im Nachbarland verloren haben. Einen weiteren Infektionsweg für Covid-19 vermutet man in den Pilgerströmen afghanischer Schiiten zu muslimischen Heiligtümern im Iran.

Der Einreisestopp nach Afghanistan zwingt Georg Taubmann derzeit dazu, die Arbeit der im Land verbliebenen Helfer vom Shelter-Büro in Rosenberg aus per Computer und Sat-Telefon zu organisieren. Auch für die Arbeit im Büro gilt natürlich: Abstand halten.

Spenden dringend benötigt

Auf Bitten von Regierungsstellen bereitet das Shelter-Now-Team in Herat derzeit die Verteilung von Hygiene-Sets an 8000 arme Familien vor (rund 50 000 Personen). Die Pakete umfassen unter anderem Seife, Shampoo, Zahnpasta, Handtücher, Artikel für die Monatshygiene und Behälter für den Wassertransport. Für die Aktion benötigt das Hilfswerk dringend rund 230 000 Euro Spendenmittel. Zudem hat Shelter Now nach Angaben Taubmanns mehrere offizielle Anfragen zu Lebensmittelverteilungen an verschiedenen Orten Afghanistans erhalten.

Aktuell geschlossen sind aufgrund der Corona-Pandemie unter anderem die Grundschule und das Gehörlosenzentrum in Kabul, das Berufsbildungsprojekt in Faizabad und das Kinderzentrum in Baadre/Kurdistan. Andere Projekte wie der Bau von Trinkwasserbrunnen könnten zunächst weiterlaufen, da hier kein enger Kontakt von Mensch zu Mensch erforderlich ist, so Taubmann. Das Waisenhaus in Faizabad werde weiter mit Lebensmitteln und Brennholz versorgt, in Kurdistan die Unterstützung jesidischer Flüchtlingsfamilien fortgesetzt.

Nahezu alle internationalen Shelter-Now-Mitarbeiter seien auf eigenen Wunsch im Land geblieben, betont Taubmann. Sie arbeiteten im Home-Office, dürften sich aber auch in die Büros begeben, um die notwendigen organisatorischen und dokumentarischen Aufgaben zu erledigen und Kontakt zu den einheimischen Projektleitern vor Ort zu halten.

Arbeit von hier aus

Durch Hygienemaßnahmen wie häufiges Händewaschen, Abstand und Gesichtsmaske schützen sie sich vor Ansteckung. Georg Taubmann selbst, zuletzt in einem großen Lager für Binnenflüchtlinge in Kabul tätig, ist seit Ende Januar zurück in Deutschland, sein Mitarbeiter Dieter Drexler vom Shelter-Büro Rosenberg seit Anfang März. Ihre Rückkehr nach Afghanistan scheitert momentan am strikten Einreiseverbot. Sie halten via Internet Kontakt zu ihren Mitarbeitern.

An Familien in den Flüchtlingslagern werden Hygiene-Sets und Medikamente verteilt.
Hintergrund:

Diese Spenden retten Leben

Shelter Now ist ein internationales Hilfswerk mit Koordinierungsbüro in Deutschland. Von 1983 bis 2016 war es in Pakistan tätig. 1988 begann die Arbeit in Afghanistan, 2014 in der Autonomen Region Kurdistan (Nord-Irak). Der Name der Organisation in Deutschland lautet "Shelter Now Germany e.V.". Shelter Now finanziert seine Hilfsaktionen zu einem großen Teil aus privaten Spenden. Die effiziente und projektbezogene Verwendung der Mittel wird Shelter Now durch das Deutsche Zentralinstitut für Soziale Fragen (DZI) mit dem Spendensiegel bescheinigt.

Kontakt: Shelter Now International e.V., Am Steg 7, 92237 Sulzbach-Rosenberg, Telefon: 09661/815 83 52, Fax 87 77 98, internat.office[at]shelter[dot]de, www.shelter.de. Spendenkonto: Norddeutsche Landesbank, IBAN DE65 2505 0000 0002 5230 58. (rlö)

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