08.03.2019 - 11:09 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Wenn die heile Welt zerbricht

Das "kleine Ensemble" auf der großen Bühne im Capitol, und ein Stück, in dem der Tod eine Frage der Entscheidung wird. Zwei Frauen, eine beeindruckende Vorstellung, und das Publikum fragt sich: Kann man da klatschen?

Sensibel und einfühlsam beschreiben Christine Reitmeier als Mutter (sitzend) und Liza Sarah Riemann als Tochter Paula den Konflikt, wenn der Tod eine Frage der Entscheidung wird.
von Helga KammProfil

Das Publikum hat applaudiert für die Leistung der beiden Schauspielerinnen Christine Reitmeier und Liza Sarah Riemann mit ihrer Regisseurin Lisa Hanöffner. Allerdings brauchte es dazu Minuten, denn die Zuschauer hielten eine Zeitlang gleichsam den Atem an. Im Stück geht es um Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht, um das Loslassen zum Sterben "heute oder morgen". Diese Dinge, die jeden plötzlich treffen können, stürzen im Zwei-Personen-Theaterstück eine Familie in einen schweren Konflikt.

Die Geschichte erzählt von Mutter Anna und Tochter Paula, die zusammen das Schneideratelier Kasanowski betreiben. Nach einem Motorradunfall liegt Paula im Wachkoma, an Maschinen angeschlossen. Als ihr Zustand sich zunehmend verschlechtert, will Marc, ihr Mann, gemäß Paulas Patientenverfügung die künstlich am Leben erhaltenden Maßnahmen beenden. Anna jedoch will um das Leben ihrer Tochter kämpfen, will stark sein, sagt: "Ich bin doch ihre Mutter".

Es sind Telefonate, die die Handlung ausmachen. Der wiederholte Anruf des Schwiegersohnes, mit dem Anna nicht mehr diskutieren mag, "weil er die Maschinen abstellen lassen will". Das Verhandeln mit der Baufirma, die Annas Haus behindertengerecht verändern soll für die Zeit nach Paulas Genesung. "Ich bin Paulas Mutter, ich werde sie nicht sterben lassen, ihr Herz schlägt, sie lebt", sagt sie ihrer Schwester Rosemarie, und es gelingt ihr sogar, mit der Enkelin Marlene einen unbeschwerten Tag zu verbringen. Doch gleich meldet sich ihr schlechtes Gewissen und sie fragt: "Ist es falsch, jetzt Spaß miteinander zu haben?"

Die Situation steht im Kontrast zum alltäglichen banalen Leben, wo Brautkleider mehrfach geändert, Kundinnen beruhigt und vertröstet werden müssen. "Was soll ich tun, was ist das Richtige?" , fragt Anna, "was ich entscheide, wird mich ein Leben lang verfolgen." Sie hofft immer noch auf Besserung bei Paula, betet, bietet Gott ihr eigenes Leben an. Doch Paula signalisiert ihr: "Jetzt ist es gut, ich bin bereit, Glück kann doch überall sein." Anna versteht, sagt dem Schwiegersohn: "Ich komme morgen und dann ..." Dazu kommt es nicht mehr, der letzte Anruf: "Paula lebt nicht mehr, ist einfach gestorben."

Man hielt den Atem an im Capitol, um die Dichte des Augenblicks nicht zu stören. Dann aber kam der Applaus für einen Abend, den der Hospizverein, die Katholische Erwachsenenbildung und das Evangelische Bildungswerk gemeinsam veranstaltet haben unter dem Slogan "Leben bis zuletzt". Irmgard Huber, die Vorsitzende des Hospizvereins, trug eigene Erfahrungen zum Thema bei. Ihr Sohn sei Motorradfahrer und habe eine Patientenverfügung. "Ich weiß, was er haben möchte, aber ich weiß nicht, wie ich damit umgehen würde." Damit sprach sie wohl einigen im Saal aus dem Herzen.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.