12.08.2019 - 16:53 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Herzlichkeit als Markenkern der Kirche

Beim Live-Chat auf dem Knappenberg geht es eigentlich um Allerweltsthemen. Aber weil der Landesbischof spontan und authentisch reagiert, sagen ihm die Jugendlichen offen ihre Meinung zur evangelischen Kirche.

Beim einem Live-Chat diskutiert Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm auf dem Knappenberg mit Jugendlichen. In lockerer Runde geplaudert (von links): Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, Daniel, Michelle, Kai, Mona und Moderatorin Claudia Dinges.

Um 17 Uhr sollte der Facebook-Talk losgehen, der live mitverfolgt werden konnte. Doch weil sich die Andacht "Bock auf Abendmahl" in die Länge zieht, wird an diesem sommerlichen Freitag erst 25 Minuten später mit dem Chat angefangen. Susanne Hüner wartet dort schon ungeduldig. "Wann geht es los? Man hört schon ein bisschen was, ganz leise", schreibt sie.

Endlich sitzen dann die vier jungen Leute "bei gefühlten 45 Grad" in der von Jugendlichen selbst erbauten Kapelle am Knappenberg, mit Moderatorin Claudia Dinges, Chefredakteurin der Evangelischen Funkagentur (efa), und Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm. Erst vor kurzem hatte dieser seine Kirche kritisiert, soziale Medien nicht gut genug für die Ansprache junger Menschen zu nutzen. "Die Kirche hat zu lange gebraucht, um einzusehen, wie zentral die digitale Welt für die Jugend ist", sagte Bedford-Strohm, der auch Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ist.

Die erste Frage richtet sich an Daniel (17): Wie sollte sich die Kirche zu den "Fridays for Future"-Demos verhalten? Daniel outet sich sogleich als Kritiker der Bewegung und meint, dass viele Schüler gar nicht wüssten, was da gefordert werde. Von der Kirche erwarte er deshalb, dass sie sich mit ihren Ideen einbringt. Auch Mona (22) findet, dass sich die Kirche beim Umweltschutz "klar positionieren" sollte.

Eine Steilvorlage für den Landesbischof: Er beginnt mit einem Kompliment für die Bewegung und sagt, er finde es "super", dass die Schüler endlich Aufmerksamkeit für das Thema Klimawandel geschaffen hätten. Seit Jahrzehnten werde in den Kirchen über Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung gesprochen. "Aber es ist uns nicht gelungen, die Aufmerksamkeit zu kriegen, die das Thema haben sollte", klagt der Landesbischof. Das habe erst die 16-jährige Greta Thunberg mit ihrem Streik geschafft. Besonders die Kirche als weltweite Gemeinschaft stehe da aber in der Verantwortung.

Wenn er als Landesbischof bei einem Besuch in Tansania die verdorrten Felder sehe, spreche er zu Hause über die Ungerechtigkeit und die Umweltsünden, die die Industrienationen begingen. Schließlich stießen die Tansanier nur 0,1 Tonnen Kohlendioxid pro Kopf und Jahr aus, die Europäer dagegen fast zehn Tonnen. "Diejenigen, die am wenigsten zum Klimawandel beigetragen haben, sind die ersten Opfer", sagt Bedford-Strohm. Darüber zu reden sei "Teil meines Glaubens".

Im zweiten Themenblock befassen sich die Jugendlichen mit den neuesten Austrittszahlen der Landeskirche. Danach kehren immer mehr Mitglieder ihrer Kirche den Rücken. Michelle (17) fragt sich, wie Kirche wieder näher am Menschen sein könne, immer weniger Jugendliche gingen doch sonntags in die Kirche.

Sie mutmaßt, dass es an der Sprache liegen könnte. "Der Duden wird doch auch erneuert, nur die Kirche nicht", sagt sie. Kai (19) gesteht frank und frei, dass er kein Kirchgänger ist. Aber auf jugendnahe Angebote wie einen Nachmittagsgottesdienst mit dem Titel "Bock auf Abendmahl" würde er schon aufspringen. Bei diesem Gottesdienst, zu dem 40 Jugendliche in die kleine, selbst gebaute Kapelle am Knappenberg gekommen sind, hat der 17-jährige Daniel die Predigt gehalten. Der Landesbischof zeigt sich beeindruckt: "Das hat auch mir als Angegrautem viel gegeben", sagt er. Vielleicht sei das das Hauptproblem, meint Bedford-Strohm: Dort, wo Jugendliche selbst gestalten könnten, sei die Beteiligung groß.

Info:

Im Blickpunkt

Facebook-Talk auf dem Knappenberg: Auch das Thema Kirchen-Austritt kommt auf den Tisch. Moderatorin Dinges will es genauer wissen, weshalb Jugendliche der Kirche den Rücken kehren. Wie halten sie es mit dem Glauben? Kai erklärt, dass er im Glauben „Halt und Geborgenheit“ finde. Auch für Daniel „läuft der Glaube nicht weg. Er ist immer für mich da“, sagt er. Als Arbeitgeber können sich die Jugendlichen Kirche aber eher nicht vorstellen. Nur Kai erklärt, dass er später Diakon werden will. Der Landesbischof hakt ein und erzählt, dass er seine Berufswahl nie bereut habe. „Man kommt den Menschen als Seelsorger sehr, sehr nahe. Ihre Geschichten sind in meinem Herzen eingeschrieben.“ Herzlichkeit und Nähe seien sowieso der Markenkern der Kirche, sagen die Jugendlichen. Lediglich zwischen 20 und 30, wenn junge Menschen am mobilsten sind, verlören viele den Bezug zur Kirche, klagt Bedford-Strohm. Viele träten aus der Kirche aus oder kämen erst wieder, wenn sie heiraten und die eigenen Kinder getauft würden. Mona ist 22 Jahre alt und Studentin in Nürnberg. Sie passt genau in diese Altersgruppe hinein. Obwohl sie zehn Jahre lang in der Evangelischen Jugend aktiv war, spiele Kirche heute auch eine untergeordnete Rolle in ihrem Leben. Wie Kirche bei jungen Menschen wieder präsenter werden könne, dafür habe auch sie kein Patentrezept, gesteht sie: „Wir sind mit unserer beruflichen Entwicklung beschäftigt, pflegen unsere Freundschaften. Wir kommen gar nicht mehr dazu, kirchliche Angebote wahrzunehmen.“

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