11.08.2019 - 15:03 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

International mit lokaler Größe

Mit einem großen Konzert für Streichorchester in der Sulzbach-Rosenberger Christuskirche endete das Sulzbach-Rosenberg International Music Festival (SRIMF). Als Gastsolistin brillierte die Mezzosopranistin Christa Mayer.

Im Abschlusskonzert gedieh die Stimmung bis zum Siedepunkt.
von Autor GACProfil

Mit "Fratres" von Arvo Pärt hatte der venezolanische Gastdirigent Christian Vasquez einen perfekten Anfang für das Konzert des Festivalorchesters gefunden, das heuer fast ausschließlich aus Streichinstrumenten bestand. Das Werk im von Pärt entwickelten Tintinnabuli-Stil besteht aus einzelnen Segmenten, die von Schlägen auf Schlaghölzern und großer Trommel getrennt werden. In jedem Segment spielen die Stimmen eine Folge von Dreiklängen, die nach einem mathematischen Algorithmus entwickelt sind. Dadurch entsteht ein geradezu hypnotischer Effekt, der die Zuhörer in seinen Bann zieht. Vasquez ließ das Orchester sehr leise beginnen und langsam bis zum vollen Streicherklang anschwellen. Die jungen Musiker überzeugten mit feinem Bogenstrich und sehr sauberem Ton. Noch packender wäre das Werk allerdings gewesen, wenn auch die großartige und virtuose Solo-Violinstimme, die Pärt dafür komponiert hat, zu hören gewesen wäre.

Konzentriert bis versunken

Der New Yorker Cellist Misha Quint, als Organisator des SRIMF eine feste Größe im Programm des Finales, spielte Joseph Haydns Cellokonzert Nr. 1 in C-Dur wie immer auswendig und meist mit geschlossenen Augen. Dieses Werk, das lange als verschollen galt und erst 1961 in Prag wieder entdeckt wurde, hatte Haydn für Joseph Franz Weigl geschrieben, der damals Solo-Cellist in Diensten des Fürsten Esterhazy war. Weigl muss ein äußerst virtuoser Cellist gewesen sein, denn dieses Cellokonzert fordert vom Solisten alles. Quint spielte das "Moderato" mit enormer Dynamik. Im Mittelteil war seine Bogenarbeit fast sportlich, so dass einige Rosshaare rissen. Im Ad-libitum zum Schluss des Satzes war Quint sehr konzentriert, ja geradezu versunken. Das "Adagio" spielte er mit fast romantischer Intensität und Dramatik. Das Orchester begleitete sehr einfühlsam und unaufdringlich. Vasquez ließ das "Allegro molto" angemessen flott spielen. Die Oboen und Waldhörner, die hier das Streichorchester ergänzten, erfreuten durch zurückhaltende Präsenz. Quint beherrschte die sehr anspruchsvolle Cellostimme mit ihren extremen Lagenwechseln mühelos.

Nach der Pause trat die Sulzbach-Rosenberger Mezzosopranistin Christa Mayer auf, die für dieses Konzert eine kurze Stippvisite in ihrer Heimatstadt machte. Mit ihrer voluminösen, auch in den Höhen weichen Stimme füllte sie den Kirchenraum sogar im Piano mühelos bis in den letzten Winkel. Die Arie "Che faro senza Euridice" aus Christoph Willibald Glucks Oper "Orpheus und Euridike" sang sie mit großer Dynamik und einem fast dramatischen Schluss. Das auf Kammermusik-Format reduzierte Orchester begleitete sehr zart und einfühlsam.

Frenetischer Beifall

Georg Friedrich Händels erste in London geschriebene Oper war "Rinaldo". Aus diesem Werk sang Mayer die Arie "Lascia ch' io pianga". Sie interpretierte eindringlich und emotional, ohne jedoch in unangemessene romantische Dramatik abzugleiten. Das Orchester war hier ausnahmsweise ein bisschen zu laut. Richard Wagners "Träume" aus dem Liederzyklus zu Texten seiner Freundin Mathilde Wesendonck wollen im Gegensatz zu Händel hochromantisch gesungen werden. Solistin und Orchester lieferten eine teils dramatische, teils traumhafte Interpretation mit geradezu expressionistischen Klanggemälden. Nach Verklingen des letzten Tons brauchten die ergriffenen Zuhörer einen Moment, bevor frenetischer Beifall einsetzte.

Für Peter Iljitsch Tschaikowskys "Serenade für Streicher in C-Dur, op. 48" rückten die Musiker im Altarraum noch einmal dicht zusammen. Den "Pezzo in forma di Sonatina" spielten die Streicher in einem etwas übertriebenen Dauer-Forte, jedoch hatten die Zuhörer jetzt das Gefühl, dass Vasquez, der mit großen Bewegungen dirigierte, den Zugang zum Orchester gefunden hatte, der im ersten Teil noch etwas gefehlt hatte. Das zeigte sich vor allem beim flotten "Valse" mit seinen ständigen Tempowechseln, wo das Orchester als homogener Klangkörper perfekt allen Bewegungen des Dirigenten folgte. Die Zwiesprache zwischen 1. und 2. Violinen war transparent, und der scherzhafte Schluss des Satzes amüsierte. In der "Elegie" beeindruckten vor allem die sehr präsenten Celli und Bratschen. Insbesondere letztere, allzu oft die Stiefkinder des Streichorchesters, erfreuten mit Beweglichkeit und schönem Ton. Das "Finale" nach einem russischen Thema begann in einem sehr feinen Pianissimo und steigerte sich zu schönem vollen Streicherklang. Im Allegro-Teil brachte Vasquez durch zackige Bewegungen und volle Aufmerksamkeit für jede Stimme musikalische Struktur in das Werk. Das grandiose "Finale" war ein geglückter Abschluss des Programms.

Mit großer Spielfreude

Nach großem Beifall für Dirigent und Musiker spielte das Festivalorchester als Zugabe noch "Hoe Down" aus dem Ballett "Rodeo" von Aaron Copland. Diese wilde, rasante Jagd gab den jungen Musikern noch einmal die Gelegenheit, ihre Spielfreude zu zeigen. Das virtuose Schlagzeug peitschte die Streicher geradezu ein, so dass die Stimmung im Kirchenraum zum Siedepunkt gelangte. Ausdauernder Beifall belohnte Musiker und Organisatoren des SRIMF für ein gelungenes Finale.

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