14.12.2018 - 15:52 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Kein alltäglicher Job auf der Intensivstation: Es geht immer um Leben und Tod

Ihr Job ist von Verantwortung geprägt. Schwere Krankheiten und Sterbende gehören zum Alltag. Sophie Decker arbeitet als Intensiv-Krankenschwester an der Uniklinik in Regensburg. Sie tritt sie für mehr Anerkennung für soziale Berufe ein.

Mehr Wertschätzung für Pflegeberufe steht auf dem Wunschzettel von Intensiv-Krankenschwester Sophie Decker.
von Andreas Royer Kontakt Profil

"Krankenschwester? Puh, also das könnte ich nicht!", ist für die 23-jährige Herzogstädterin ein Satz, mit dem Krankenschwestern und -pfleger mehr als genug konfrontiert werden. Warum viele Menschen so denken, lässt Sophie Decker keine Ruhe. Sie macht sich deshalb Gedanken über ihren Beruf und schildert im Gespräch mit der SRZ ihre Erfahrungen im Job?

ONETZ: Was vermuten Sie, warum schließen viele Menschen Pflegeberufe von vorneherein kategorisch aus?

Sophie Decker:Vielleicht hat die Gesellschaft wirklich immer nur die negativen Seiten dieses Berufes im Kopf. Und stellt sich standardmäßig stets nur das Stuhlgang wischende und Kaffee trinkende Leben einer Krankenschwester vor. Oder soll man diesen abgedroschenen Satz etwa als Kompliment ansehen?

ONETZ: Sicher, in dieser Aussage schwingt auf jeden Fall auch eine gewisse Wertschätzung mit. Fehlt die generell in den Pflegeberufen?

Das ist der Punkt, auf den ich eigentlich hinaus will: Komplimente im Sinne von mehr Anerkennung für ein wunderbares und wichtiges Berufsbild. Ich möchte hier öffentlich einmal dazu auffordern, allen sozialen Berufe Respekt und Anerkennung zu schenken. Und zwar nicht aus Mitleid, sondern aus purer Dankbarkeit. Es gibt da draußen so unglaublich viele tolle Helfer!

ONETZ: Charakterisieren Sie doch einmal Ihre berufliche Tätigkeit an der Universitätsklinik in Regensburg?

Die Arbeit im Krankenhaus verlangt viel Herzblut. Wenn man den Beruf nicht wirklich liebt, fällt es schwer, im Schichtsystem an 365 Tagen im Jahr immer Leistung zu erbringen. Aber jeder, der schon ein paar Jahre in der Pflege gearbeitet hat, weiß warum er es macht. Und warum er es gerne macht. Wir arbeiten immer mit Menschen und sammeln dadurch extrem viel wertvolle Lebenserfahrung. Jeden Tag treffen wir auf etliche Geschichten und Persönlichkeiten. Egal, ob im positiven oder negativen Sinne. Mehr Kontakt mit allen unterschiedlichen Bevölkerungsschichten geht wohl kaum. Langweilig wird es wirklich nie!

ONETZ: Licht und Schatten im beruflichen Alltag. Ist das eher eine Floskel in Ihrer Branche?

Es gibt neben all den traurigen und deprimierenden Tagen auch viele spannende und schöne Zeiten. Und das sind immer die Tage, an denen Angehörige oder Patienten uns gegenüber einfach nur dankbar sind. Egal in welcher Form das bei uns ankommt. Jede Zuneigung tut uns gut. Wir fiebern teilweise Tage, Wochen oder in den schlimmsten Fällen auch Monate mit unseren Patienten mit. Da ist man einfach nur mehr als glücklich, wenn man wertgeschätzt wird. Ich finde es einfach immer wieder so schade, dass dieser harte aber auch schöne Beruf nicht das Ansehen bekommt, das er verdient hat.

ONETZ: Gerade in der Vorweihnachtszeit richten sich die Gedanken vieler Menschen auf notleidende oder kranke Menschen. Wie stellt sich für Sie die „staade Zeit“ in der Klinik dar?

Ein Monat, in dem ich nie einen Dienstplan schreiben möchte, da wirklich kein Mensch gerne an Weihnachten oder Silvester in die Arbeit geht. Aber in der Pflege gibt es keine Betriebsurlaube. Und Feiertage sind noch lange keine freien Tage. Natürlich haben wir dafür mal unter der Woche frei, aber dennoch wäre jeder einzelne Arbeiter an den Feiertagen lieber Zuhause bei seinen Liebsten.

ONETZ: Ist es nicht schwierig, mit so vielen Einzelschicksalen gerade auch auf der Intensivstation tagtäglich konfrontiert zu werden?

Ich glaube, dass alle Menschen in medizinischen Berufen mit der Zeit etwas abstumpfen. Das bin ich nach drei Jahren Intensivstation an einer Universitätsklinik auch. Das wollte ich anfangs zwar nie wahr haben. Und teilweise hatte ich diesbezüglich mit Kollegen wegen ihrer sarkastischen und negativen Art starke Meinungsverschiedenheiten. Ich habe mit meinen 23 Jahren mehr Menschen sterben sehen, als mir lieb ist, aber der Tod gehört einfach zum Leben dazu. Das wissen alle Pflegekräfte nur zu gut.

ONETZ: Sie bemängelten eingangs mangelnde Wertschätzung für Ihre Zunft. Kommt hier nicht eher Unkenntnis bei den Menschen dazu?

Ich glaube einfach, dass sich viele Menschen keine großen Gedanken über dieses harte, aber dennoch wunderschöne Berufsbild machen. Aber irgendwann im Leben muss so gut wie jeder mal in ein Krankenhaus. Und vielleicht setzt dann ein Umdenken zu mehr Anerkennung für unsere Arbeit ein. Denn die Patienten wissen nie, was ihre betreuende Pflegekraft heute schon alles leisten oder aushalten musste.

ONETZ: Sie sind sicher auch vielen körperlichen und psychischen Belastungen ausgesetzt. Wie gehen Sie damit um?

Bei Pflegefällen müssen wir körperlich einfach wahnsinnig viel leisten. Psychische Folgen werden dagegen beim Pflegepersonal weniger sichtbar. Damit meine ich keineswegs, dass jeder im Krankenhaus arbeitende Mensch psychische Probleme hat. Ganz im Gegenteil, ich bin beispielsweise ein sehr positiver, reiselustiger und glücklicher Mensch. Aber die Belastungen sind einfach stets präsent. Vor allem bei uns auf Intensivstation geht es fast immer um Leben und Tod. Angehörige sind extrem angespannt und machen wohl die schlimmste Zeit ihres Lebens durch.

ONETZ: Es bleiben also sicher gewisse Spuren zurück. Was wünschen Sie sich persönlich für Ihren Beruf?

An wem das komplett spurlos vorbei gehen würde, müsste wohl ein Roboter sein. Aber wir sind alle Menschen und haben mit vielen Schicksalsschlägen zu tun. Täglich stehen Tausende von Pflegekräften auf, und sind für die Menschen da. Für jeden einzelnen von uns. Es wäre also sehr schön, wenn man an diese Menschen denkt und ihrem Beruf Anerkennung, Respekt und mehr Herz schenkt.

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