17.07.2019 - 17:55 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Krankenhaus-Vorstand sieht Diskriminierung

Klaus Emmerich ist die Empörung immer noch anzumerken, die der ARD-Beitrag über die Bertelsmann-Studie "Zukunftsfähige Krankenhausversorgung" bei ihm ausgelöst hat. Und er hat interessante Tatsachen entdeckt, die nachdenken lassen.

von Joachim Gebhardt Kontakt Profil

Seit Tagen geht es rund bei ihm: Der Vorstand der Landkreis-Krankenhäuser, selbst Buchautor über das Klinik-Sterben auf dem Land, steht in Kontakt mit Zeitungen, Behörden, Institutionen und Politikern. Im SRZ-Gespräch geht Klaus Emmerich auf mögliche Auswirkungen der Studie ein. Das Papier der Bertelsmann-Stiftung mit dem Titel "Bessere Versorgung durch weniger Krankenhäuser" fordert die Schließung von zwei Dritteln aller Kliniken.Emmerich ist befremdet. "Es stimmt einfach nicht, dass kleine Krankenhäuser generell schlechte Qualität liefern und Patienten gefährden.

Erst kürzlich gab es die Auszeichnung des St.-Anna-Krankenhauses mit dem Titel "Deutschlands beste Krankenhäuser": 2019 hatte die Klinik das dritte Jahr in Folge Platz 1 bei der Behandlung von Lungenentzündungen in der ganzen Metropolregion Nürnberg belegt. "Die Patientenweiterempfehlungsquote des Krankenhauses liegt aktuell bei 92 Prozent und damit 11 Punkte über dem Bundesdurchschnitt". Andere ländliche Krankenhäuser hätten vergleichbare Auszeichnungen erhalten.

Widerspruch in Stiftung

Vor allem eines stößt Emmerich sauer auf: Die gleiche Bertelsmann-Stiftung, die jetzt die Schließung kleiner Krankenhäuser fordert, bewertet über ein unabhängiges Patientenforum "Weiße Liste" die bundesdeutschen Krankenhäuser und stellt darin die hohe Weiterempfehlungsquote des St.-Anna-Krankenhauses fest. In der Studie 2016 zur Weißen Liste heißt es auch: "Patienten können Aspekte der Versorgungsqualität also sehr zutreffend beurteilen" - sie stimmten mit den Qualitätberichten der Krankenhäuser überein, die sie verpflichtend an beauftragte Institutionen zu übermitteln haben. Die Krankenhäuser in Bayern schnitten bei der Patientenbewertung im Durchschnitt ebenfalls gut ab.

Dies stehe im Widerspruch zur jetzt festgestellten angeblichen Patientengefährdung in kleinen Krankenhäusern. Und Emmerich sieht auch System dahinter: "Vor Verbreitung solcher Studien sollte berücksichtigt werden, dass diese Studie der Bertelsmann-Stiftung Bestandteil eines Projekts ,Neuordnung Krankenhaus-Landschaft: Weniger ist mehr' ist." Unter diesem Projekt seien bereits mehrere Publikationen veröffentlicht worden, die laut Homepage der Stiftung folgendes Ziel verfolgen: "In Deutschland gibt es zu viele Krankenhäuser. Wir zeigen, wie man mit weniger Kliniken eine bessere Versorgungsqualität bekommt."

Große Angebotspalette

Klaus Emmerich zeigt die Grafik der besten Krankenhäuser Deutschlands und verweist auf die Leistungsfähigkeit der St.-Anna-Klinik.

Dazu komme, dass der ursprüngliche Auftrag zur Studie vom nordrhein-westfälischen Gesundheitsminister stamme: "Da wurden dann einfach die Ergebnisse eines dicht besiedelten Bundeslandes auf ganz Deutschland umgelegt."

Der Vorstand verweist auf die Schließungen in der Nähe: "Hersbruck, Waldsassen und Parsberg fallen künftig schon weg." Das St.-Anna-Krankenhaus mit seinen 165 Betten in der Versorgungsstufe I habe aber seit Jahren vorgebaut: Es konzentriert sich auf das, was es am besten kann, und das ist eine ganze Menge: Zertifizierte Zentren für Endoprothetik, Traumabehandlung und spezialisierte Hernienchirurgie, Wirbelsäulen-Spezialisten und viele Extra-Angebote komplettieren die normalen Angebot von Innerer Medizin, Chirurgie, Gynäkologie/Geburtshilfe, HNO, Anästhesie, Intensivmedizin, Radiologie. Dazu kommen Netzwerke für Herzinfarkt-, Schlaganfall- und andere Patienten.

Verunsicherung

"Das St.-Anna-Krankenhaus und die St.-Johannes-Klinik behandeln nicht alles. Aber das, was sie behandeln, behandeln sie mit nachweisbarer überdurchschnittlicher Qualität." Damit tritt Emmerich der Theorie von der schlechten Qualität kleiner Krankenhäuser entgegen. "Das empfinde ich das als Diskriminierung unserer Mitarbeiter und fahrlässige Verunsicherung unserer Patienten."

Info:

Falscher Ansatz des Bundes

Dass in Deutschland Hunderte von Krankenhäuser geschlossen werden sollten, ist keine ganz neue Forderung. Ende 2018 hat sich etwa der AOK-Vorstandsvorsitzende Martin Litsch ähnlich geäußert. Laut Manfred Wendl, Vorstand des Klinikums St. Marien, betrachtet auch die Bundespolitik die Gesamtzahl der Krankenhausbetten als zu hoch und drängt auf einen Abbau.

Wendl hält Strukturveränderungen in der Krankenhauslandschaft durchaus für notwendig, da sich die jetzigen Strukturen nicht mehr lange aufrechterhalten ließen. Wie etwa das Beispiel Hersbruck zeige, wo das Krankenhaus mit 48 Betten auch deshalb habe schließen müssen, weil man für ein Haus in dieser Größe kaum mehr Mediziner bekomme.

Falsch ist nach Wendls Ansicht aber das Vorgehen des Bundes, ohne Rücksicht auf weitere Kriterien nur über wirtschaftlichen Druck und höhere Qualitätsvorgaben die Zahl der Klinik-Standorte zu reduzieren: „Das ist nicht die Art von Strukturbereinigung, die die Krankenhauslandschaft braucht.“

Für sinnvoller hielte es Wendl, wenn die Politik definierte, welche Fahrzeit ins Krankenhaus je nach Abteilung zuzumuten sei. So erhielte man sinnvolle Parameter, um die gewünschten Krankenhaus-Standorte zu definieren und davon ausgehend die notwendige Klinik-Struktur aufzubauen. „Das wird aber nicht gemacht, sondern man übt Druck aus.“

Das Schicksal des Hersbrucker Krankenhauses – es wurde am 31. Mai geschlossen – zeigt nach Wendls Auffassung deutlich, wie schwer es für kleinere Krankenhäuser ist, noch Personal zu bekommen. Denn für die Notfallversorgung brauche man rund um die Uhr Experten. „Und da tun sich die kleinen Häuser ganz schwer, das sicherzustellen.“

Wendl wünscht sich von der Bundespolitik eine verlässliche Planung für die Grund- und Regelversorger – „die haben ihre Berechtigung“. Die Zeichen dafür stehen aber nicht gut. Wendl: „Der Gesetzgeber hat in den letzten Jahren die Grund- und Regelversorgung immer schlechter vergütet und die Maximalversorgung immer besser.“ (ll)

Kommentar:

Unerlässlich

Jetzt rudern sie wieder zurück, viele, die zuerst noch hinter der Bertelsmann-Studie standen. Zu groß ist die Empörung über die Forderung, zwei Drittel der Krankenhäuser zu schließen. Auch St. Anna und St. Johannes Auerbach wären davon betroffen. Dabei hat sich gerade das Sulzbach-Rosenberger Krankenhaus in den letzten Jahren gemausert wie sonst kaum eines: Viele attraktive Zusatzangebote, immer ausgedehntere medizinische Versorgung, stetige Geburtenrekorde, Nummer 1 in der Patientenbeliebtheit und Platz 35 der besten deutschen Krankenhäuser.
Man muss nur an den richtigen Stellen lesen, dann kann man die Bertelsmann-Studie klar einschätzen: Sie war genau so gewollt und bei den richtigen Leuten in Auftrag gegeben, das Ergebnis quasi schon bestellt. Nicht sehr hilfreich für die Wahrheitsfindung.
Das Anna-Krankenhaus mit der Versorgungsstufe I ist unerlässlich für unsere Region, auch wenn es keine 500 Betten hat. Noch gelten im ländlichen Raum andere Voraussetzungen als im Ballungsgebiet. Und noch immer schätzen die Patienten eine familiäre, warmherzige stationäre Versorgung. Die Vorstellung, in einem Zentrum mit über 1000 Betten zu liegen, weitab vom Wohnort, schreckt nicht nur Senioren ab. Seien wir froh, dass wir das Krankenhaus haben. Und halten wir trotz bestellter Studien daran fest. Wir werden es alle irgendwann einmal brauchen.

Joachim Gebhardt

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