23.05.2019 - 17:12 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Der Philosoph beim Masskrugschleppen

Im Bierzelt sind Menschen so, wie sie wirklich sind. Wadl Symen ist Jahrzehnte Kellner, sein Erfahrungsschatz füllt ein Buch. Beim Sulzbach-Rosenberger Frühlingsfest hat er viel erlebt. Am meisten beeindruckte ihn die "Kanister-Gruppe".

Simon Traub ist nicht nur ein perfekter Profi-Bierzelt-Ober, sondern auch ein erfolgreicher Buchautor.
von Joachim Gebhardt Kontakt Profil

"Die Krüge hoch" heißt das bunte Werk, es beschreibt lebendig und in allen Facetten, wie es zugeht in bayerischen und deutschen Bierzelten, vor und hinter den Kulissen. Simon Traub, der sich hinter dem Pseudonym Wadl Symen versteckt, ist ein Profi im Zelt. Ob Oktoberfest in München oder neuerdings New York, Bierzelte in Hamburg, Berlin, Düsseldorf, Stuttgart, Regensburg oder Frankfurt - der in Neumarkt ansässige Ober kommt im Lauf des Jahres überall hin.

Kunstvoll durchs Jahr

Warum tut er sich das an, das anstrengende, lange Arbeiten in lauten, oft überfüllten Festzelten? "Das ist wie eine Sucht, das lässt dich nicht mehr los", beschreibt er die Arbeit, Masskrüge und Tabletts durch die Reihen zu jonglieren. Auf eines will er mit seinem Buch besonders aufmerksam machen: Es ist eine Kunst und nicht einfach, sich durchs Jahr zu bringen. Das hat zu tun mit den ständig wechselnden Engagements als Angestellter auf Zeit, als quasi Arbeitsloser zwischendrin und all den Fragen um Krankenversicherung, Verdienst, Rente und Arbeitsamt. "Es geht, man kann davon leben, aber man muss sich sehr reinhängen in die Bürokratie."

Er hat beim Bund angefangen im Casino als Ordonnanz, seitdem tourt er durch die Welt und bedient die Gäste. In seinem Buch beschreibt er die Welt der Bierzelte, den Kreislauf Hunger-Durst-Stimmung, erfolgreiche Kellner- und Trinkgeldstrategien, die richtige Vorbereitung auf lange Abende und hat auch seinen persönlichen Volksfestführer mit reingepackt. Garniert mit jeder Menge Anekdoten, Sprüchen, Tipps und Wegweisern - unentbehrlich für jeden Volksfest-Fan und alle, die wissen wollen, wie es so zugeht hinter den Kulissen, oder die selber einsteigen wollen ins Geschäft.

Bier im Kanister

Apropos Anekdoten - mit Sulzbach-Rosenberg verbindet den Autor vor allem ein Erlebnis: Ende der 90er Jahre kam eine Gruppe Spätaussiedler ins Zelt. Die Damen bestellten sich eine Maß und ein halbes Dutzend Strohhalme. Und die Männer hatten ein spezielles Anliegen: "Die kamen mit Fünf-Liter-Kanistern, die sollten wir mit Bier auffüllen!"

Der Wirt entsprach dem Wunsch, bezahlt wurde mit Biermarken, und dann machte sich die Gruppe schwer beladen auf den Heimweg, um das Festbier zu probieren. "Die kamen immer wieder und schwärmten vom guten Bier!" Doch das ist lang vorbei. Die Sulzbach-Rosenberger hat Simon Traub als gemütliches Publikum kennengelernt, das auch zu später Stunde nicht so schnell ausrastet wie das anderswo oft der Fall ist.

Zehn Stunden dauert sein Arbeitstag im Durchschnitt, dazu kommt noch viel Arbeit beim Ein- und Ausstuhlen des Bierzelts. Das machen überall auch die Bedienungen, "meist für ein Dankeschön". Eine Kellnerin und fünf Kellner sind es heuer in Sulzbach-Rosenberg, sie teilen das Zelt in gleich große Bereiche auf, die regelmäßig durchgewechselt werden - aus Gerechtigkeitsgründen. "Es ist schon immer noch eine große Familie", beschreibt Traub das Verhältnis der Bierzelt-Besatzung untereinander.

Und doch hat sich einiges verändert: Es gibt kein Übernachtungsgeld mehr, jeder muss selbst schauen, wo er unterkommt in den oft zehn Tagen Engagement. Die meisten Festwirte haben jedes Jahr ihre Stamm-Mannschaft. "Wenn du da mal draußen bist, ist es sehr schwer, wieder reinzukommen." Das erklärt, warum das Personal so treu zu den Wirten steht. Streit gibt es aber auch schon mal, darum hat Traub einen Appell an die Kundschaft: "Bitte bestellen und bezahlen Sie Ihr Bier nicht beim Nachbar-Ober, sondern nur bei dem für Sie zuständigen Kellner - davon lebt er ja schließlich!"

Fleißig auch im Winter

Von Juni bis September durchgehend ist Straub unterwegs, "in Sulzbach-Rosenberg habe ich noch nie gefehlt in über 20 Jahren". Den Winter überbrückt er nicht komplett mit "Stempeln", sondern arbeitet vier Wochen auf dem Weihnachtsmarkt in Nürnberg und auf vielen Messen.

Wie lange will er das noch machen? "Ach, ich habe Kollegen, die laufen noch mit 80 Jahren durchs Bierzelt. Mal sehen, wie die Gesundheit hält", meint der 47-Jährige. "Nach Sulzbach-Rosenberg komme ich nämlich sehr gern. Wenn ich von Neumarkt rüberfahre und die Stadt im Grünen sehe, freue ich mich jedes Mal."

Und dann zeigt er uns noch seinen ganzen Stolz: Zwei äußerst prächtige Wadln, die ihn zu seinem Künstlernamen inspiriert haben. "Dafür bin ich in vielen Zelten deutschlandweit bekannt."

„Die Krüge hoch“ ist im Buchhandel erhältlich unter ISBN 978-3-00-052548-3, Verlag Nova Md. In den USA und Kanada gibt es sogar eine englischsprachige Version mit dem Titel „Raise your Beer-Mugs“.

An seinen Wadln sollt ihr ihn erkennen: Der Kellner ist besonders stolz auf die hochtrainierten Muskeln.
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