Was lief da ab an diesem 13. Oktober 2016? Als Amtsrichter Markus Sand gegen einen 60-Jährigen wegen fahrlässiger Tötung verhandelte, mussten die Beschäftigungs- und Abhängigkeitsverhältniss erst geklärt werden. Tatsache war von Anfang an: Es fanden Abbrucharbeiten am Vordach einer ehemaligen Verladehalle am Stahlwerk statt. Dazu war eine Firma aus Bulgarien im Einsatz. Dieses Unternehmen hatte einen Besitzer und einen promovierten Ingenieur, der offensichtlich den auf Metallschrott abzielenden Einsatz leitete.
Wer war nun der Angeklagte? Welche Rolle spielte der 60-jährige Türke? Fest stand vor Gericht: Er hielt sich an diesem massiv konstruierten Vordach auf, als ein Unglück mit tödlichen Folgen geschah. Bei dem Mann handelte es sich um einen Investor der Firma. Daraus ergab sich die Frage: Konnte er Arbeitsanweisungen erteilen?
Es geschah nicht lange nach Dienstbeginn. Zwei bulgarische Arbeiter waren mit Schneidbrennern damit beschäftigt, vier Metallstützen anzusägen, auf denen eine 120 Tonnen wiegende Platte lag. Am Unglücksort machte sich später eine Meinung breit, die jetzt auch ein Polizeibeamter äußerte: "Da wurde ein Ast angesägt, auf dem sie selber saßen." Das Konstrukt kam ins Wanken, die 2400 Zentner schwere Vordachplatte hatte keine Stützen mehr und krachte mehrere Meter in die Tiefe. Einer der Bulgaren, 53 Jahre alt, wurde von dem gigantischen Teil erschlagen.
Im Oktober 2016 berichtete das Onetz von dem Arbeitsunfall.
Es glich quasi einer Kamikaze-Aktion, die Stützen anzusägen. Die Vermutung lag nahe, dass man auf dieser Abrisstelle möglichst rasch an den Metallschrott kommen wollte. Denn irgendwo ganz in der Nähe soll ein Großkran positioniert gewesen sein, der die Platte beim Abbruch hätte halten und sichern sollen. Auch daraus resultierte eine Frage: Hätte es selbst dieser Koloss geschafft, eine solche Last zu halten?
Dass er selbst die Weisung gab, mit dem Abbruch so zu verfahren, wies der 60-Jährige von sich. Von einem Dolmetscher ließ er übersetzen, dass es da wohl den Firmenchef und den Ingenieur gegeben habe, die täglich die Arbeiten koordinierten und dies dann auch an die Beschäftigten per Weisung weitergaben.
Aus Vernehmungen der Polizei ergab sich: Die Bediensteten sahen sehr wohl in dem 60-Jährigen eine Art Vorgesetzten. Sie gingen davon aus, seinen Anweisungen Folge leisten zu müssen. Problem nur bei der ganzen Sache: Diese Leute waren nicht da. Der Richter hatte im Vorfeld der Verhandlung Versuche gestartet, sie nach Amberg vor das Amtsgericht zu bringen. "Doch die sind irgendwo auf Baustellen dieser Welt", ließ Markus Sand wissen.
Eine Lage, die nicht zufriedenstellen konnte. Allerdings in keiner Weise zu kompensieren. Zumal der türkische Investor dabei blieb: "Ich habe diese Abbruchweise nicht angeordnet." Seltsam allerdings: Er soll nicht weit entfernt gewesen sein, als sich der tödlich endende Unfall ereignete.
In einem von dem 60-Jährigen angefochtenen Strafbefehl standen 10 000 Euro Geldbuße. Jetzt muss er 8000 Euro zahlen. Ist diese Summe beglichen, wird das Verfahren wegen fahrlässiger Tötung gegen den Mann eingestellt. Ermittlungen hatte es auch gegen einen Beschuldigten aus der Führungsebene des bulgarischen Unternehmens gegeben. Er ließ unterdessen, wie im Prozess bekannt wurde, über seinen Anwalt verlauten, er würde bei Verfahrenseinstellung 5000 Euro auf den Tisch legen. Der getötete Arbeiter aus Bulgarien hat eine Frau hinterlassen. Sie bekommt nun die 8000 Euro von dem türkischen Investor. Für sie eine Art finanzieller Trost. Doch was zurück blieb im Gerichtssaal, war ein bitterer Beigeschmack. Denn irgendwie drängte sich der Eindruck auf: Von dieser vorschriftswidrigen Beseitigung des Vordachs hatten mehrere Leute gewusst.













Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.
Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.