07.06.2018 - 15:16 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Zu Unrecht am Pranger

Große Empörung überall: Hier Facebook-Schmähungen, dort blankes Entsetzen über einen TV-Bericht, der falsche Zusammenhänge herstellt. Ein ARD-Beitrag über Tiertransporte geht gründlich daneben. Leidtragende: eine Familie in Ohrenbach.

Dr. Werner Pilz und Erich Pilhofer (hinten von links) mit der Familie Hörl, die in Ohrenbach die Sammelstelle betreut.
von Joachim Gebhardt Kontakt Profil

Die Bilder vom 24. Mai im Magazin "Kontraste" waren grauenhaft: Gequälte Rinder verdursten im Transporter, werden irgendwo im Ausland bestialisch geschlachtet. Und dazwischen plötzlich das Ortsschild von Ohrenbach bei Auerbach, eine kurze Sequenz mit Tierverladung in der dortigen Station des Oberpfälzer Rinderzuchtverbandes, ein Mann, der das unangemeldete, ohne Erlaubnis filmende Team vom Hof schickt, schließlich noch das Landratsamt und das Veterinäramt von außen.

Absolut unschuldig

Dann geht es weiter: Der Transporter auf der Autobahn. Später Szenen von 2017, als an der türkischen Grenze Viehtransporte tagelang warten mussten, und die bekannten Schlachthof-Schocker. Das alles emotional aufrührend kommentiert, zehn Minuten lang.

Doch die Reportage ging gründlich daneben: Wer da in der Oberpfalz an den Pranger gestellt wurde, ist absolut unschuldig. In Ohrenbach liegt seit 25 Jahren die Verladestation des Rinderzuchtverbandes Oberpfalz. Von dort aus gehen jährlich rund 1500 trächtige Kalbinnen in verschiedene Länder außerhalb der EU. Viele Staaten wollen sich mit der Zwei-Nutzungs-Rasse (Milch und Fleisch) des deutschen Fleckviehs einen eigenen Bestand aufbauen. So kam auch der gefilmte Transport nach Tadschikistan zustande. Nur: Er unterlag wie immer strengen Regeln. Dr. Werner Pilz vom Veterinäramt ist stinksauer über diese für Ohrenbach völlig unzutreffende Darstellung im Film.

Alles sachgerecht

Er zählt auf: "Abladung der Tiere in genau geregelten Abständen, teils 24-stündige Pausen in Ställen, Versorgung mit Futter und Wasser, GPS-Überwachung der gesamten Fahrt, Dokumentation der Ankunft, das erfolgt alles sachgerecht. Wir hatten noch nie irgendwelche Verluste oder Beschwerden!"

Erich Pilhofer, Vorsitzender des Oberpfälzer Rinderzuchtverbandes, zeigt sich genauso empört: "Die Station wird von Familie Hörl seit vielen Jahren zuverlässig betreut, die Rinder sind in den drei bis sechs Tagen Aufenthalt im Laufstall von ihnen bestens versorgt. Die Rindersammelstelle ist von der Regierung zugelassen und schon lange EU-zertifiziert." Jede vorgeschriebene tierärztliche Untersuchung werde vorgenommen. Und was die Beteiligten am meisten aufregt: Es werden Schlacht- und Zuchtviehtransporte in einen Topf geworfen. "Von Ohrenbach aus gehen ausschließlich trächtige Kalbinnen in den Zuchtviehexport. Kein Land würde für diese Tiere so viel Geld ausgeben, um sie dann bei Ankunft zu schlachten und auch noch das Kalb zu verlieren - das ist doch blanker Unsinn!", schimpft Erich Pilhofer, und Dr. Werner Pilz macht deutlich, dass es seit Jahren überhaupt keine Schlachtviehtransporte aus Deutschland mehr gibt. Bei Zuchtviehtransporten habe eine EU-Überprüfung praktisch keine Unregelmäßigkeiten festgestellt.

Negatives Bild gewünscht

Er sieht die Absicht, ein negatives Bild zu zeichnen. "Das Ergebnis stand wohl schon vor Drehbeginn fest!" Fragen hatte die Pressestelle des Landratsamtes dem Redakteur per E-Mail beantwortet. "Es sollte unbedingt suggeriert werden, dass junge Zuchtrinder nach Ankunft in übler Weise ums Leben kommen." Alle Bilder zeigten übrigens schwarzbunte Rassen. In Ohrenbach gehe es nur um Fleckvieh. Fazit: Vorwürfe wegen tierqälerischer Transporte sind in Ohrenbach komplett fehl am Platz. Wer sich nur ein bisschen informiert, wird es sehen.

Kommentar:

Griff in den Kuhfladen

Dieser Schuss ging nach hinten los: Der Zehn-Minuten-Clip in „Kontraste“ gleicht einem unkontrollierten Rundumschlag. Bekannte Archivszenen von schlimmen Quälereien mit einer harmlosen Sammelstelle in der Oberpfalz in Verbindung zu bringen, das geht gar nicht. Offensichtlich hat es dem ARD-Filmteam pressiert: Schnellstens sollten Drehgenehmigungen und Interviewtermine her, am Morgen stand die Mannschaft trotz nicht erteilter Erlaubnis auf dem Hof. Verständlich, dass da jeder Betroffene vorsichtig reagiert.
Und das Ergebnis gibt den Skeptikern recht: „Sensationsjournalismus“ sehen die Betreiber der Sammelstelle, die Betreuer fallen der vorhersehbaren Facebook-Hysterie zum Opfer: Immer erst mal draufschlagen.
Die Fakten sprechen eine andere Sprache: Es gibt keine solchen Schlachtviehtransporte mehr, niemand bringt seine teuer erworbenen trächtigen Zuchtrinder um – Rinderhälften zu importieren wäre deutlich billiger. Hat aber niemanden interessiert beim Filmteam. Werbung für die Öffentlich-rechtlichen war das nicht. Boulevard 2 lässt grüßen.

Joachim Gebhardt

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