23.08.2019 - 17:50 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Unterschriftenaktion für das Krankenhaus

10 000 Unterschriften im Landkreis für die Online-Open-Petition "Stopp dem Krankenhaussterben im ländlichen Raum" - das ist die Wunschmarke. "Das wären 20 Prozent der erforderlichen 50 000 Unterschriften", schwärmt Klaus Emmerich.

Die Bevölkerung kann jetzt ihre Wertschätzung für das Krankenhaues bei einer Unterschriftensammlung ausdrücken.
von Joachim Gebhardt Kontakt Profil

Die Aktion braucht noch Unterstützung. Seit März wurden 30 000 Unterschriften gesammelt. In fünf Wochen sollen es dann 50 000 Stimmen sein, die der Bundesregierung und den Landesregierungen überreicht werden - noch ein weiter Weg. Möglicherweise sind die Unterschriften aber auch schon zusammen, denn neben der Online-Unterzeichnung liegen die Unterschriftenlisten auch regional aus und müssen noch an die Organisatoren weitergeleitet werden.

Hier geht's zur Petition

Aber Klaus Emmerich möchte auf "Nummer sicher" gehen. Deshalb haben sich das Landratsamt sowie die Gemeinden im Landkreis zur Auslage der Listen bereit erklärt. "Einfach hingehen und unterschreiben", meint Emmerich, das wäre sehr, sehr wichtig.

ONETZ: Welche Bedeutung hat die Unterschriftenaktion für den Landkreis?

Emmerich: Wer die ARD-Sendung "Krankenhäuser schließen - Leben retten" am 15. Juli gesehen und die Berichte der zugrundeliegenden Bertelsmann-Studie gelesen hat, der weiß, dass Gesundheitsökonomen den Gesundheitsministerien eine deutliche Reduzierung der Krankenhäuser von derzeit 1750 auf nur noch 600 empfehlen. Es ist wichtig, dass die Bevölkerung aufsteht und signalisiert: "Hände weg von unseren Krankenhäusern!"

ONETZ: Welche Bedeutung hat die Unterschriftenaktion für Ihre Krankenhäuser?

Wir leisten täglich gute Arbeit und möchten auch in Zukunft eine wohnortnahe medizinische Leistung in unseren Krankenhäusern anbieten. Dazu brauchen wir aber die Unterstützung des Bundes- und der Landesgesundheitsministerien. Wir brauchen das Signal, dass bei Gesundheitspolitikern eine wohnortnahe akutstationäre Versorgung absolute Priorität hat. Der in der Sendung vorgeschlagene Konzentrationsprozess weg von kleinen ländlichen Krankenhäusern hin zu großen Klinikzentren ist der falsche Weg.

ONETZ: Ist es nicht wirklich besser, wenn große Krankenhäuser mit umfassender Erfahrung Spitzenmedizin anbieten? Kann den Patienten im Gegenzug nicht auch eine längere Anfahrzeit zugemutet werden?

Es gibt spezialisierte Behandlungen etwa für Schwerstverletzte, die nur in Krankenhäusern höherer Versorgungsstufe umfassend behandelt werden können. Aber es gibt genügend Erkrankungen für Krankenhäuser der Grundversorgung, die dort viel häufiger, damit routinierter und am Ende auch mit höherer Qualität behandelt werden. Lungenentzündungen, Frakturen und vieles andere zählen dazu. Das beweisen Qualitätsstudien. Und auch bei Schwersterkrankungen kann aufgrund der langen Fahrzeit zum Krankenhaus höherer Versorgungsstufe eine Erstversorgung in unseren Landkreiskrankenhäusern notwendig sein. Nach Stabilisierung ist dann sicherer Transport in ein Klinikzentrum möglich. Auch dafür brauchen wir Krankenhäuser vor unserer Haustür.

ONETZ: Es hat Zustimmungen, aber auch vehemente Gegenreaktionen in der Presse gegen die Bertelsmann-Studie und die Empfehlung von nur noch 600 Krankenhäusern gegeben. Ist eine solche Umgestaltung denn überhaupt möglich und ernsthaft in Betracht zu ziehen?

Da ist etwas ganz Erstaunliches, was in der Diskussion überhaupt nicht zur Sprache kam: Es gibt überhaupt keine bundesweite Bertelsmann-Studie über eine Kliniklandschaft Deutschlands mit nur 600 Krankenhäusern! Es gibt nur eine Auftragsstudie der Bertelsmann-Stiftung im Auftrag des nordrhein-westfälischen Gesundheitsministers Karl-Josef Laumann, der für seine Ballungsgebiete eine veränderte Krankenhauslandschaft benötigt. Untersucht wurde ein dicht besiedeltes Gebiet. Laut Bertelsmann-Studie kann man dort 38 Kliniken auf 14 reduzieren und durch diese Konzentrationsprozesse angeblich die Behandlungsqualität verbessern.
Aber dieses Modell ist auf ländliche Regionen mit großen Entfernungen überhaupt nicht übertragbar. Aus dieser Modellstudie eine radikal neue Kliniklandschaft für ganz Deutschland abzuleiten, zwei Drittel aller Krankenhäuser stilllegen zu wollen und die Umsetzbarkeit dieser Studie in dünn besiedelten ländlichen Regionen vorauszusetzen, das ist geradezu abenteuerlich.

ONETZ: Werden die Gesundheitspolitiker nicht einfach den Kopf schütteln und die Forderung der Bertelsmann-Stiftung zu den Akten legen?

Das glaube ich nicht. Mögen die Gesundheitspolitiker radikale 600 statt 1750 Krankenhäuser ablehnen, dann werden es in wenigen Jahren vielleicht trotzdem nur 1300 sein. Krankenhausschließungen gibt es auch vor unserer Haustür. Mit Hersbruck und Waldsassen sind heuer zwei Regionen in unserer Nähe betroffen.

Info:

Hintergrund

Das St.-Anna-Krankenhaus und die Auerbacher St.-Johannes-Klinik werden aktuell mit Millionenbeträgen vom Landkreis Amberg-Sulzbach dort unterstützt, wo die Bundes- und Landesmittel nicht ausreichen.

Vorstand Klaus Emmerich äußert sich im Gespräch um die laufende Unterschriftenaktion (siehe den Artikel unten) auch dazu: „Dafür sind wir sehr dankbar. Deshalb mache ich mir um meine beiden Krankenhäuser auch weniger Sorgen. Dadurch haben wir die Möglichkeit, unsere gute Qualität aufrechtzuerhalten und kontinuierlich auszubauen. Aber als Klinikvorstand blutet mein Herz, wenn ich erlebe, dass sich unsere stationäre Medizin zwar Jahr für Jahr weiterentwickelt, die klinische Versorgung bundesweit aber immer mehr gefährdet wird. Das lässt mich nicht kalt! Deshalb bin ich intensiver Kämpfer für den Erhalt der wohnortnahen stationären Versorgung.“

Zurzeit arbeitet Emmerich an einer Publikation, um die teilweise gefährliche Meinungsbildung im Gesundheitswesen transparent zu machen. Die Unterschriftenlisten gegen das Sterben der ländlichen Krankenhäuser liegen übrigens auch beim Gesundheitstag im Landratsamt am 15. September auf.

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