17.12.2019 - 15:55 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Wachsende Armut: Diakonie hilft Menschen in Notlagen

Bei ihm steht nicht das Christkind vor der Tür, sondern bei Theo Wißmüller sind es auch in der Vorweihnachtszeit Rentner, Hartz-IV-Empfänger, Alleinerziehende und Langzeitarbeitslose. Die Armut wächst - auch in Sulzbach-Rosenberg.

Mit ein paar Lebensmitteln oder kleinen Geldbeträgen versuchen Alexandra Doleschal und Theo Wißmüller vom Diakonischen Werk ganz akute Notfälle zu lindern – oft gleicht ihre Arbeit einem Kampf gegen Windmühlen.
von Andreas Royer Kontakt Profil

Armut verbinde man eigentlich nicht so direkt mit unserem Alltag. Dabei sei aber nicht zu vergessen, dass es viele Menschen in unserer Mitte, in unserer Gesellschaft gebe, die am Existenzminimum leben. Ihnen fehle das Geld zu dringend benötigten Dingen des täglichen Lebens.

Diese Erfahrungen sammelt Theo Wißmüller an jedem Arbeitstag. Gegenüber der SRZ schildert der Sozialpädagoge, der hier für die Kirchlich Allgemeine Sozialarbeit beim Diakonischen Werk tätig ist, wie sich die Situation vor Ort darstellt und was Bedürftige brauchen.

ONETZ: Herr Wißmüller, ist es richtig, dass sich auch im Jahr 2019 die Kundenzahl bei den Lebensmitteltafeln erhöhte?

Theo Wißmüller: Ja, das ist richtig, denn Armut ist kein ausgelagertes Phänomen, das vor allem in entfernten Ländern existiert, sondern die gibt es in Amberg, Sulzbach-Rosenberg und im übrigen Landkreis - sozusagen vor unserer Haustüre - zu Genüge. Ja, häufig in der Nachbarschaft, ohne dass andere davon mitbekommen.

ONETZ: Warum erfährt man so wenig von diesen prekären Armutsfällen?

Tatsächlich bleibt die Not eher im Verborgenen und ist nicht so sichtbar. Armut hat viele Gesichter und die Gründe, um in eine schwierige soziale Situation zu geraten sind vielfältig. Hinzukommt, dass hier viele Vorurteile herrschen - ,...die Betroffenen sind selbst schuld, wollen nicht arbeiten, sind Alkoholiker...' - halt irgendwie suspekt. Aber die Gemengelage ist viel komplizierter, und in eine soziale Schieflage gerät man äußerst schnell, was vielen gar nicht bewusst ist.

ONETZ: Können Sie uns Beispiele für Ursachen nennen, die Menschen in Notsituationen bringen?

Ja sicher, zum Beispiel führt eine längere Erkrankung sehr schnell dazu, dass man abhängig vom Krankengeld, Arbeitslosengeld II oder anderen Sozialleistungen wird. Wenn man länger in einer prekären sozialen Situation lebt, wo ständig das Geld zu knapp ist, verdichten sich die Sorgen und Nöte immens. Häufig führt das dann zusätzlich zu psychischen Problemen und Erkrankungen bis hin zu Depressionen und Ängsten, so kommt sozusagen eines zum anderen, die Abwärtsspirale hat einen fest im Griff. Egal, ob es sich um Arbeitslosengeld II, also Hartz IV, handelt, um Sozialhilfe, Erwerbsunfähigkeitsrente, oder dass trotz lebenslanger Arbeit, die Rente nicht ausreicht oder eben der Arbeitslohn zum Leben nicht genügt, Gründe für Armut gibt es viele.

ONETZ: Wie setzt sich der von Armut betroffene Kreis zusammen, der die Diakonie um Unterstützung bittet?

Rentner, Alleinerziehende, Familien mit Kindern bei Geringverdienern, Arbeitsplatzverlust durch Krankheit, sei es nun durch körperlich oder psychische Probleme - das Spektrum, der Personen, die zur Beratung in die Diakonie kommen, ist vielfältig und geht durch alle Bevölkerungsschichten und Altersgruppen. Es geht sehr schnell, dass jemand in Not gerät. Die meisten sind sozusagen ganz normale Menschen. Viele Armutsursachen sind vorrangig sozialpolitischer Natur in einem eigentlich reichen Land.

ONETZ: Wo müsste Ihrer Meinung nach außerdem noch an den Stellschrauben gedreht werden, um Verbesserungen zu erreichen?

Sehr ungerecht ist auch, dass bei Sozialleistungsempfängern das Kindergeld als Einkommen angerechnet wird und nicht wie bei anderen Bürgern als zusätzliche Leistung gilt. Vielen Mitbürgern ist zudem nicht bewusst, dass auch Haushaltsgegenstände wie Kühlschrank, Waschmaschine etc. aus den Regelsätzen bezahlt werden sollen, aber es gelingt niemand aus dem unglaublich knappen Budget noch finanzielle Rücklagen zu bilden, vor allem wenn Kinder im Haushalt leben.
In so einer Lage wird die defekte Waschmaschine, der Kauf einer Brille oder die Zuzahlung zu Medikamenten ein Riesenproblem. Die Anschaffung solcher Dinge können viele Betroffene aus eigenen Mitteln nicht stemmen. Deshalb müssen sie ein Darlehen beim Job-Center aufnehmen und in kleinen Raten monatlich zurückzahlen, was wiederum das knappe Geld mindert, das monatlich zur Verfügung steht.

ONETZ: Wie wirkt sich hier die Kirchlich Allgemeine Sozialarbeit beim Diakonischen Werk aus?

Wir stehen den Menschen nicht nur mit Rat, also Rechtsberatung oder Hilfeplanung, bei, sondern wir unterstützen auch mit kleinen Geldbeträgen, Lebensmitteln und -gutscheinen, so dass zumindest die größte Not gemildert wird. Dann versuchen wir eine dauerhaftere Lösung zu finden und prüfen die rechtliche Situation, ob alle Sozialleistungen in zuständiger Höhe erhalten werden etc.
Deshalb freuen wir uns über Geldspenden - auch kleinere, weil diese direkt an die Hilfesuchenden ausgezahlt werden können. Viele Spender überzeugt vor allem, dass das Geld, das unter dem Stichwort für die ,Einzelfallhilfe der Kirchlich Allgemeinen Sozialarbeit' 1:1 an die Menschen abgegeben wird, nicht ein Cent bleibt in der Verwaltung oder sonst wo hängen, und das Menschen in der Region davon profitieren.

ONETZ: Warum reicht Betroffenen oft dass Arbeitslosengeld nicht aus und muss der Staat hier Korrekturen vornehmen?

Die Regelsätze im Arbeitslosengeld II sind nicht ausreichend, da sind sich Diakonie, Caritas und Paritätischer Wohlfahrtsverband einig. Ein Kind unter 14 Jahren, dessen Eltern Hartz IV oder ergänzende Sozialleistungen zum Einkommen erhalten, muss beispielsweise mit 302 Euro im Monat auskommen. Davon sind 122 für Nahrung, für Bekleidung 28,18, für die Gesundheitspflege (Rezeptgebühren) 7,58 und für Bildung 0,54 Euro. Wer selbst eine Ahnung von den Kosten des Lebens hat, braucht nicht viel nachzudenken, um zu wissen, dass kann nicht reichen.

Spendenkonto:

Einzelfallhilfe der Diakonie

Sparkasse Amberg-Sulzbach, DE44 7525 0000 0380 103 804,

Bic: BYLADEM1ABG, Einzelfallhilfe für die Kirchlich Allgemeine Sozialarbeit.

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