25.09.2018 - 15:51 Uhr
TeublitzOberpfalz

Leben in die Dorfkerne

Die ländliche Entwicklung liegt Benjamin Quaas am Herzen – politisch und beruflich. Wie der Landtagskandidat von Bündnis90/Die Grünen die Region stärken will, erzählt er im Interview.

Benjamin Quaas aus Saltendorf (Stadt Teublitz) tritt als Landtags-Direktkandidat für Bündnis90/Die Grünen im Stimmkreis Schwandorf an.
von Christopher Dotzler Kontakt Profil

ONETZ: Die Arbeitslosenzahlen im Landkreis sind niedrig wie nie, dennoch gibt es relativ viele Langzeitarbeitslose. Gerade Alleinerziehende haben es oft schwer, geeignete Stellen zu finden, weil die passende Kinderbetreuung fehlt. Wie soll der Freistaat gegensteuern?

Benjamin Quaas: Zuerst einmal sollte der Staat ermöglichen, dass Familie und Beruf besser vereinbar sind. Dann sollte natürlich darauf geachtet werden, dass Kitas längere Öffnungszeiten haben. Ich kenne die Problematik, dass man teilweise um 12 Uhr die Kinder abholen muss. Da muss der Staat den Firmen unter die Arme greifen und sagen, wir fördern Halbtagsstellen zu einem gewissen Teil. Bei den Kitas muss der Staat direkt angreifen und auf die Träger einwirken, damit sie bessere Betreuungszeiten ermöglichen. Es muss aber erstmal die gesellschaftliche Akzeptanz geschaffen werden. Es sollte nicht mehr so sein, dass es heißt: Die Rabenmutter lässt ihr Kind bis 17 Uhr in der Kita. Das sollte normal sein. Vor allem im Zuge der Gleichberechtigung ist es wichtig, dass auch die Mutter arbeiten und Geld erwirtschaften kann.

ONETZ: Abgesehen von den Öffnungszeiten: Gibt es weitere Lösungsansätze für das Problem?

Benjamin Quaas: Ja, durch Flexibilisierung. Das Thema Schichtarbeit ist uns unserer Region sehr verbreitet, dass man da auch Schichtkindergärten einführt …

ONETZ: … Schichtkindergärten? Wie stellen Sie sich das konkret vor?

Benjamin Quaas: Im Osten gibt es diese echte Ganztagsbetreuung in vielen Bereichen schon. Sie sind faktisch fast 24 Stunden buchbar. Das heißt, dass das Kind am Abend hingebracht werden kann und dort schläft. Das ist zwar nicht unbedingt schön, aber es hilft schon sehr weiter. Förderung ist natürlich auch ein großes Thema. Da müssen aber die Hürden niedriger gesetzt werden. Gerade Alleinerziehende haben nicht die Zeit und die Kraft neben Job und Familie sich noch um Papierkram zu kümmern.

ONETZ: Neubaugebiete auf der grünen Wiese wachsen, Dorfkerne veröden. Was soll der Landtag auf den Weg bringen, damit Kommunen gegensteuern?

Benjamin Quaas: Das ist eines meiner Lieblingsthemen: Bauen im ländlichen Raum. Weil ich dafür einstehe, dass man Dorfkerne revitalisieren muss. In der Niedrigzinsphase ist die Problematik: Die Renovierung ist deutlich teurer als ein Neubau. Hier muss der Staat einfach mehr Förderung in die Hand nehmen. Da rede ich nicht nur von der Denkmalförderung. Man sollte den Familien, die sich dafür einsetzen, dass der Dorfkern erhalten bleibt, stärker unter die Arme greifen. Auch im Zuge der Baugenehmigung müssen die Hürden niedriger werden. Der Denkmalschutz muss darüber nachdenken: Was ist ihm lieber? Lasse ich ein denkmalgeschütztes Haus ganz verfallen oder habe ich jemanden drinnen, der sich darum kümmert, aber muss vielleicht ein paar Abstriche hinnehmen. Ansonsten kann man natürlich eine Imagekampagne fahren. Aber dafür müssen die Infrastruktur-Bedingungen da sein. Der Breitbandausbau muss im letzten Weiler und Einzelgehöft ankommen. Die Straßen müssen gut ausgebaut sein. Am allerliebsten wäre mir als Grüner natürlich eine ÖPNV-Anbindung. Vorbild ist der Kreis Tirschenreuther Kreis: Da gibt es das Baxi.

ONETZ: Um daran anzuknüpfen: Der Öffentliche Personennahverkehr stockt gerade etwas rund um Schwandorf: Alex-Züge werden gestrichen, Haltestellen in Richtung Cham ausgedünnt. Wie stellen Sie sich den Nahverkehr in ländlichen Regionen vor?

Benjamin Quaas: Da würde ich tatsächlich zweigleisig fahren. Gleisig ist auch ein schönes Wort in diesem Fall. Natürlich wollen wir den Schienenverkehr fördern. Dazu muss natürlich erst die Barrierefreiheit an Bahnhöfen geschaffen werden. Und dann muss man eine sinnvolle Verknüpfung von motorisiertem Verkehr und Schienenverkehr schaffen. Was uns natürlich auch sehr am Herzen liegt, ist die Elektrifizierung der Bahnstrecken. Außerdem fände ich es sehr schön, wenn es Elektroautos gäbe, die auch lange Strecken zurücklegen könnten und die es zu erschwinglichen Preisen gibt. Ich bräuchte zum Beispiel ein Auto, das mindestens 200 Kilometer elektrisch schaffen würde.

ONETZ: Windräder oder Freiflächen-Photovoltaikanlagen stoßen oft auf Widerstand der Anlieger. Wie wollen Sie die alternativen Energien voranbringen?

Benjamin Quaas: Ich denke, wir sind auf einem sehr, sehr guten Weg. Natürlich kenne ich die Problematik: Durch die 10H-Regelung sind Windräder ein bisschen ausgeblockt worden. Große Photovoltaikfelder sind nicht so gerne gesehen, aber es gibt viele Flächen dafür, die in Frage kommen. Das sieht man schon an den Autobahnen – dort ist es hervorragend geeignet. Ich bin für Bürgerbeteiligungen. Heißt: kleinteiligere Energie. Aber auch große Energieanbieter sollten dazu gezwungen werden, in die grüne Richtung zu gehen. Wir müssen den Ausstieg aus fossiler Energie schaffen. Man muss den Leuten die Angst nehmen, dass die Grundlast nicht gedeckt werden kann. Wir haben mittlerweile so viel Solarenergie und nachwachsende Energie, dass wir sie teilweise verkaufen müssen. Warum also nicht aus der Atomkraft komplett rausgehen?

ONETZ: Herr Quaas, Sie haben in Dresden studiert. Können Sie uns erklären, warum gerade in Sachsen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit so derart um sich greifen?

Benjamin Quaas: Ich bin auch aufgrund einer gewissen Frustration zur Politik gekommen. Ich habe gesagt: Ich stehe auf, stehe für meine Themen ein und gehe in eine etablierte Partei, weil mit denen kann man zusammen – wenn man mit den Grundgedanken en vogue ist – von unten was bewegen. Ganz viele im Osten fühlen sich, denke ich, einfach liegen gelassen. Und es ist wirklich so – was man dann oft sagt -, dass sie Wutbürger werden. Dieses rechte Gedankengut ist nach der Wende schon gewachsen, weil es vernachlässigt worden ist von der Politik. Und dann gibt es zurzeit so eine unheilige Mischung. Man kann nicht sagen, die Sachsen an sich sind rassistisch. Das stimmt nicht. Man hat gesehen, dass viele aufstehen dagegen. Aber es gibt eine gewisse stärkere Passivität, würde ich sagen. Ich denke, das ist auch einfach geschichtlich bedingt. Vielleicht durch die Erfahrung, dass man damals gegen den Staat nichts machen konnte. Und dann mischt sich das. Man hat das gesehen: Ein recht bürgerliches Lager, das einfach nur motzt und mault. Dann unterwandern das stark rechte Gruppen, und es gibt so eine unheilige Allianz, bei der man denkt: Uh, die sind unheimliche viele. Aber ich sage einmal so: Die Guten sind tatsächlich mehr. Auch in Sachsen ist das so.

ONETZ: Sie schreiben auf Ihrer Homepage: „Mit dem Aufkeimen von Pegida und der AfD habe ich verstanden, dass wir unsere freie Gesellschaft und die Demokratie in diesem Land aktiv verteidigen müssen.“ Nun hat Außenmister Heiko Maas kürzlich die „schweigende Mehrheit“ zu mehr Engagement im Kampf gegen Rassismus aufgerufen. Da dürften Sie in dieselbe Kerbe schlagen, oder?

Benjamin Quaas: Selbstverständlich. Da muss man einfach Gesicht zeigen, aufstehen und aktiv werden. Wenn man schweigt, gibt man ihnen recht. Das ist wie bei der Wahl: Wenn man nicht wählt, gibt man denen auch eine Stimme. Deswegen sage ich: Das wichtigste ist wählen, natürlich am liebsten uns. Wir positionieren uns, schon seit es die Grünen gibt, gegen Rechts.

ONETZ: Eine aktuelle Umfrage des Insa-Instituts sieht die CSU nur noch bei 36 Prozent und Grüne (15 Prozent), AfD (14) sowie SPD (13) dicht beieinander. Einige Koalitions-Möglichkeiten also. Könnten Sie sich ein Bündnis mit der CSU vorstellen?

Benjamin Quaas: Wenn einfach wieder zu einer gewissen Menschlichkeit und Vernunft zurückgefunden wird, kann man das nicht ausschließen. Aber mit dem derzeitigen Kurs, den Herr Söder fährt, indem er nur auf Konfrontation geht, fährt er gegen die Wand. Ich weiß, gerade auf lokaler, kommunaler Ebene kann man mit vielen CSUlern gut reden. Und die sehen das auch so. Das sind auch keine rechten Hetzer. Aber wenn weiter ganz oben Stimmung so gemacht wird, wie es jetzt ist und dass man der AfD so enorm hinterher läuft, dann muss ich sagen: Nicht mit uns Grünen. Und wenn: Wir würden uns nicht billig hergeben. Wir sind nicht der Kleine, der sich sagt, wir geben unsere Kernthemen auf. Umweltschutz, Menschlichkeit, Demokratie und Europa: Das sind einfach Sachen, die sind für uns Grüne selbstverständlich. Und wenn das nicht gewollt ist: Dann mit jemand anderem. Aber natürlich würden wir auch gerne mitregieren und unsere Ideen weiterbringen. Wenn nicht mehr so eine Scharfmacherei wie zurzeit vorherrscht und die CSU zu Menschlichkeit findet und grüne Themen wieder ernst nimmt, dann kann man da schon darüber reden. Warum nicht Schwarz-Grün? Warum nicht versuchen?

Wir müssen den Ausstieg aus fossiler Energie schaffen.

Benjamin Quaas

Zur Person:

Aufgewachsen in Thüringen in Weimar, geboren 1987 in Sachsen, in Meißen. Studium (Geografie) in Dresden, Master 2013. Quaas hat seine Frau in Weimar kennengelernt. Wegen Job und Liebe – die komplette Verwandtschaft der Frau kommt aus Saltendorf bei Teublitz – in die Oberpfalz gezogen. Seit 2012 verheiratet. Nach dem Studium Elternzeit, dann Bewerbung für den öffentlichen Dienst in Bayern. Nach weiterer Ausbildung und Zusatzlehrgängen seit zwei Jahren am Amt für Ländliche Entwicklung (ALE) Oberpfalz in Tirschenreuth. Wohnt im Teublitzer Stadtteil Saltendorf.

Halbsätze vervollständigen:

Ich will in den Landtag, weil … ich den ländlichen Raum und unserer Region ein Gesicht geben will.

Mein liebster Platz im Landkreis ist … mein Garten.

Donald Trump würde ich gerne einmal sagen, … das ist nicht druckbar.

In zehn Jahren bin ich … zehn Jahre älter.

Grüne Politik heißt für mich … Umweltschutz, Menschlichkeit, Europa – unsere Kernthemen.

Ein guter Politiker ist…. ehrlich.

An Markus Söder mag ich … seine Verkleidungen.

Ich habe in Facebook den Namen „James Ban Quai“, weil … das ist ein Anagramm aus meinem Klarnamen.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Nachrichten per WhatsApp