„Wir ziehen zur Mutter der Gnade"

In einem nicht kleinen Kreis an eingeschworenen Pilgern setzt vor Pfingsten Unruhe ein. Ihr Blick richtet sich auf Regensburg. Dort wurden vor 150 Jahren die Turmhelme des Domes vollendet. Aber das ist nicht der Grund für das Interesse.

Vorbeizug am Gnadenbild auf dem Altöttinger Kapellplatz.
von Redaktion ONETZProfil
Blick auf Altötting nach dem Abstieg vom Bußberg. In scheinbarer Nähe, und doch noch eine Stunde Fußweg entfernt sind die Stiftskirche St. Philipp und Jakob (links) und die St.-Anna-Basilika zu sehen. Dazwischen liegt verdeckt die Gnadenkapelle.
Einzug in die Basilika St. Anna.

Vielmehr nimmt seit den 1830er Jahren die alljährliche Fußwallfahrt "Zu unserer Lieben Frau nach Altötting" dort ihren Ausgang - heuer zum 190. Mal. Der Grund für die Teilnahme mag sehr unterschiedlich sein, doch allgemein sind die Bitten in vielerlei Anliegen und das Danken die Antriebsfedern für die Inkaufnahme der Strapazen.

Und diese sind nicht zu unterschätzen. Da sind zum einen die langen Tagesetappen. Außerdem treffen die Pilger, da Pfingsten ja kalendarisch unterschiedlich fällt, auf unterschiedlichste Wetterbedingungen. Es kommt vor, dass beim frühmorgendlichen Weggehen Nachtfrost herrscht. Tagsüber wechseln sich angenehme Temperaturen mit unangenehmer intensiver Sonneneinstrahlung, Regen oder sogar Gewittern ab. Auch Vegetationsfortschritt und Pflanzenblüte sind alljährlich anders.

Stellvertretend für die große Anzahl der Pilger haben einige Teilnehmer aus der Marktgemeinde und ihren Nachbarorten ihre persönlichen Beweggründe geschildert. Werner Eschenweck aus Thurndorf erlebt die Wallfahrt als eine Auszeit vom Alltag. In der Gruppe zu sein und doch in sich gehen können, das gefällt ihm. "Ein besonderes Erlebnis ist der Einzug auf den Kapellplatz mit Glockengeläut und das Vorbeigehen an der Madonna", betont er. Marianne Buchmann aus Kirchenthumbach stattet während der drei Tage ihren Dank im Allgemeinen und speziell dafür ab, "dass wir in einem schönen und friedlichen Land leben dürfen".

Stefan Lindner aus Sassenreuth hebt "das Erleben der drei Tage mit einem Ziel" hervor. Man könne für sich alleine sein und sei doch unter unzählig vielen Gleichgesinnten. Der Beweggrund von Reinhold Stopfer aus Heinersreuth, an der Fußwallfahrt teilzunehmen, ist überschrieben mit dem Dank, eine gute gute Familie zu haben, und der Erinnerung an einen überstandenen Unfall. Stopfer ist zugleich Organisator einer großen Pilgergruppe, die in den 1990er Jahren aus kleinen Anfängen entstand und deren Teilnehmerzahl mittlerweile alljährlich mehr als zwei Busse voller Pilger umfasst.

Georg Schraml aus Thurndorf kommt durch die Wallfahrt einmal im Jahr zur Gottesmutter heraus aus dem stressigen Arbeitsleben und nutzt diese gleichzeitig als Auszeit. Man könne sich mit sich selbst beschäftigen und sein eigenes tägliches Verhalten auf den Prüfstand stellen, hebt er hervor. Zudem könne man in diesen Tagen intensiv den christlichen Glauben erleben. Christian und Tobias Schmid aus Schlammersdorf sind, wie es bei Zwillingen oftmals der Fall ist, auch bei den Beweggründen für die Teilnahme an der Fußwallfahrt der gleichen Ansicht: "In der Gemeinschaft beten und singen, abschalten vom Alltag", führen sie als ihre Motivation an. Und sie verweisen auf den "überwältigenden Eindruck, so viele junge und jung gebliebene Menschen beim Einzug in die St.-Anna-Basilika zu erleben".

Beim Eintreffen in Altötting werden die Fußwallfahrer auch stets von einer großen Anzahl an Freunden und Bekannten erwartet. Begleitet vom Glockengeläut der Stiftskirche St. Philipp und Jakob zieht der nicht enden wollende Zug vorbei am Gnadenbild der Gottesmutter von Altötting zum Gottesdienst in die St.-Anna-Basilika.

Aber zunächst einmal steht morgen, Donnerstag, der Start der Regensburger Fußwallfahrt bevor. Nach dem Eröffnungsgottesdienst, der seit den 1990er Jahren in der Regensburger Kirche St. Albertus Magnus gefeiert wird, beginnt die erste Tagesetappe mit einer Länge von 38 Kilometern. Mit dem Lied „Wir ziehen zur Mutter der Gnade“ werden die Pilger sogleich auf das Ziel in Altötting eingestimmt. Ab dem Ziel des ersten Tags, dem niederbayerischen Mengkofen, setzt sich am Freitag der Pilgerweg über 50 Kilometer bis Massing fort, unterbrochen an vier Raststellen. Da muten die verbleibenden 23 Kilometer am Samstag vor Pfingsten wie ein Spaziergang an.

Im Blickpunkt:

Bis 1975 Frauen und Männer getrennt

Die allererste überlieferte Wallfahrt vor 190 Jahren erfolgte unter Führung von Johann Pirzer aus Kirchehrenbach. Die Pilger feierten an einem Donnerstag vor Pfingsten in der St.-Kassians-Kirche in Regensburg eine Messe. In den 1920er Jahren wechselte der Start an die Kirche St. Peter in Bahnhofsnähe. Das ist damit zu erklären, dass immer mehr Pilger mit dem Zug anreisten.

Während der Zeit des Nationalsozialismus musste die Wallfahrt nach Altötting einige Repressalien überstehen. 1941 etwa wurden die Pilger kurz nach Burgweinting von der Gestapo angehalten und zur Umkehr gezwungen. Von den 200 Teilnehmern konnten nur 3 die Wallfahrt auf der Straße fortsetzen. Der damalige Pilgerführer Georg Schmid wurde einem Verhör unterzogen, bei dem ihm befohlen wurde, dafür zu sorgen, dass niemand den Weg nach Altötting weitergeht.

Dennoch wurde die Tradition auch während der Kriegsjahre nicht unterbrochen, allerdings war die Beteiligung geringer, wie es in dem Buch „Geschichte der Regensburger Fußwallfahrt“ heißt. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam die Wallfahrt zu neuer Blüte. In den 1960er Jahren übernahm der spätere Weihbischof Karl Flügel die geistliche Leitung. Er prägte die Fußwallfahrt in entscheidender Weise bis zu seinem Tod 2004.

Im Gegensatz zu heute gingen bis 1975 Frauen und Männer im Wallfahrtszug getrennt. Bei damals 1640 Pilgern wurden 4 Traglautsprecher mit jeweils einem Vorbeter benötigt. Ein gemeinsames Beten war nicht möglich. Seit Mitte der 1970er Jahre wuchs die Zahl der Pilger kontinuierlich an: Waren es 1978 mehr als 3000 Pilger, so nahmen 1981 mehr als 5000 und 1984 mehr als 7000 Pilger teil.

Eine der wichtigsten Entscheidungen war damals die Anschaffung und Entwicklung einer Lautsprecheranlage, mit deren Hilfe ein einziger Vorbeter mit sämtlichen Pilgern gemeinsam beten und singen konnte. Dank dem Bischöflicher Administrator der Heiligen Kapelle in Altötting, Prälat Alois Furtner, können die Pilger seit 1992 am Gnadenbild auf dem Kapellplatz vorbeiziehen.

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