15.05.2018 - 20:32 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Suchtarbeitskreis tagt Apotheker keine Dealer im weißen Kittel

Nicht nur Drogen, Alkohol und Zigaretten können Menschen in die Abhängigkeit zwingen, sondern auch Arzneimittel. Und die Gefahr ist oft größer als man denkt.

Geschäftsführerin Theresia Schwarz und Fachapotheker Christian Züllich klären über den schädlichen Gebrauch von Medikamenten auf. Bild: lue
von Lucia SeebauerProfil

Die Mitglieder des Suchtarbeitskreises sprachen in einer Sitzung im Landratsamt über die Nutzen und Risiken von Pillen aller Art. "Rund 2,3 Millionen Menschen sind in Deutschland von Arzneimitteln abhängig", erklärte Fachapotheker Christian Züllich in einer Präsentation. "Etwa 75 Prozent aller Erwachsenen nehmen mindestens eine Pille pro Woche." Medikamente waren das Schwerpunktthema in der Sitzung. "Schon häufig war das Thema im Fokus der Diskussion", meinte Geschäftsführerin Theresia Schwarz. So beobachten die Mitglieder des Arbeitskreises regelmäßig einen zu sorglosen, teilweise sogar bedenklichen Umgang mit Arzneien.

Tabletten in der Tasche

Tabletten tragen viele Menschen ganz alltäglich in der Tasche herum. Wie lässt es sich also verhindern, dass es zu einer Abhängigkeit kommt? Auf diese Frage versuchte Christian Züllich von der Stadtapotheke Tirschenreuth eine Antwort zu finden. "Unter Missbrauch versteht man die Einnahme von Medikamenten ohne medizinische Notwendigkeit", erklärte er. Dazu komme ein beabsichtigter, erhöhter, ständiger oder sporadischer Konsum von Arzneien. "Zu Beginn ist es häufig ein sinnvoller Gebrauch, später wird die Einnahme zweckentfremdet." Bei einer Abhängigkeit entstehe schließlich ein unwiderstehliches Verlangen nach einer bestimmten Substanz. Damit einher gehe der Verlust der Freiwilligkeit. "Viele Menschen rutschen auch in die Sucht, weil sie Anerkennung, Liebe oder Glück suchen", so der Experte. Schuld daran seien biochemische Prozesse im menschlichen Körper. Medikamente, wie etwa Aufputsch- oder Beruhigungsmittel, sorgten dafür, dass sich vermehrt Andockstellen im Gehirn bilden würden. Das führe dazu, dass immer höhere Dosierungen notwendig seien.

Auch Gene ein Auslöser

Ebenso könnten die Gene Auslöser sein: "Kinder von süchtigen Menschen rutschen leichter in die Abhängigkeit." Weiterhin nannte er soziale Faktoren, wie etwa Modell-Lernen von Eltern oder Freunden oder familiäre oder berufliche Konflikte. "Allerdings werden durch Medikamente keine Probleme gelöst, sondern nur für kurze Zeit verdrängt", sagte Züllich. Für Apotheker sei es schwierig, mit Abhängigen richtig umzugehen. "Wir sind keine Dealer im weißen Kittel. Als verantwortungsvolle Heilberufler sollten wir immer auf die Risiken hinweisen."

So gehe mit der Liberalisierung des Medikamentenmarktes auch eine Banalisierung des Produktes einher. Im Ausland könnten Touristen verschiedene Tabletten ohne Rezept, billig und in großen Mengen kaufen. In Deutschland gebe es jedoch eines der strengsten Arzneimittelgesetze. "Das liegt an dem Contergan-Skandal in den 60er Jahren", klärte der Fachapotheker auf.

Aber auch rezeptfreie Präparate wie Analgetika könnten bei Dauergebrauch zu Sodbrennen, Magengeschwüren, Nierenschädigungen oder Leberschäden führen. "Darunter fallen Schmerztabletten wie Aspirin, Ibuprofen, Diclofenac oder Paracetamol." Daher sollte laut dem Experten eine Selbstmedikation nicht länger als maximal drei Tage erfolgen. Häufig helfen auch Bewegung oder Aktivitäten zur Entspannung, um sich von Kopfschmerzen zu befreien.

Alle Menschen wollten leistungsfähig, attraktiv oder gut gelaunt sein. "Aber nicht jeder kann das immerzu. Kein Mensch ist perfekt", betonte Züllich. Er warnte vor Lifestyle-Medikamenten. So versprechen Schlankmacher in der Werbung eine deutliche Gewichtsreduktion, die mühelos und schnell gehe. "Es gibt keinen Fatburner. Alle, die das versprechen lügen", so der Referent.

Medien und Werbung vermittelten häufig ein falsches Schönheitsideal. "Was die Werbung verschweigt ist, dass Menschen so Minderwertigkeitsgefühle bekommen oder sogar mit Essstörungen zu kämpfen haben."

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