26.09.2019 - 14:38 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Bedrohliche Engpässe bei Medikamenten

Mit "leeren Händen" hat im Landkreis noch kein Kunde die Apotheken verlassen. Allerdings bestehen bei bestimmten Medikamenten bedrohliche Engpässe. Nur mit großem Aufwand können Ärzte und Apotheker noch gegensteuern.

Apotheker Christian Züllich (links) und Neurologe Dr. Sven Heimburger sind besorgt über die aktuellen Lieferengpässe bei Medikamenten. Sie appellieren an die Politiker, hier schnellstmöglich eine Lösung zu finden.
von Werner Schirmer Kontakt Profil

Bundesweit legen Fachstellen und Mediziner hier den Finger in eine offene Wunde. Lieferengpässe, Ausfälle und Verknappung haben noch keinen Kollaps des Systems verursacht, doch braucht es immer größere Anstrengungen, um das Wohl der Patienten zu gewährleisten. Christian Züllich, der auch Sprecher der Apotheken im Landkreis ist, und Neurologe Dr.Sven Heimburger beziehen stellvertretend Position zu diesem Missstand, der auch an der Region nicht spurlos vorüber geht. Noch kann mit vereinten Anstrengungen und zunehmendem zeitlichen Aufwand der Medikamenten-Notfall verhindert werden. Doch beide wissen um den Ernst der Lage. Ihr dringender Appell richtet sich an die Politik, Wege zu finden, die eine zuverlässige Versorgung der Patienten sicherstellen.

Für Dr. Sven Heimburger hat die Situation auch in der Region bereits ernste Ausmaße angenommen. Und der Neurologe sieht hier die Politik in der Pflicht. Placebo-Effekte nennt der Mediziner etwa die Verpflichtung der Fachärzte zu offenen Sprechstunden, die eine bessere Patientenversorgung suggerieren soll. "Was nutzt es dem Patienten, wenn er dann die verschriebenen Arzneien nicht bekommt!" Da werde an der falschen Stellschraube gedreht, empört sich der Arzt. Die Situation führe dazu, dass auch Herstellerfirmen die mit den Krankenkassen vereinbarten Medikamente nicht mehr liefern könnten, so dass auf andere Generkia (Nachahmerpräparate) umgestellt werden muss. Die Generika würden zwar eine wirkstoffgleiche Kopie darstellen, sich mitunter aber in den Konzentrationen unterscheiden. "Da kann ein Präparat bis zu 20 Prozent nach oben und unten schwanken", weiß Heimburger. "Erhält dann ein Patient einmal ein Medikament, das 20 Prozent unterhalb der Wirksamkeit des Originals liegt und später eines, das 20 Prozent darüber liegt, dann macht das einen enormen Unterschied aus." Bei Epilepsie-Patienten zum Beispiel könnten Überdosierungen zu massiven Reaktionen führen, bis hin zu einem Anfall. Und natürlich könnten die Medikamente nicht immer beliebig ausgetauscht werden.

Deutlicher Mehraufwand

Zu dramatischen Situationen hat es noch nicht geführt, doch schlagen die organisatorischen Auswirkungen bereits mit einem spürbaren Mehraufwand zu Buche. Immer wieder würden von den Apotheken in Bayern und bundesweit Lieferengpässe gemeldet. Apotheker haben dazu bereits eine "List of Shame" erstellt. Christian Züllich kennt die Situation und weiß, wie sehr sich die Apotheker "verbiegen" müssen, um die optimale Versorgung der Patienten sicherzustellen. Ist das verschriebene Medikament nicht verfügbar, sucht der Apotheker nach der Alternative. Die erfolgt laut Züllich natürlich in Absprache mit dem Arzt. Für die Patienten könnten mit dem Generika anderer Firmen auch andere Dosierungen verbunden sein, weil sich etwa die Tablettengrößen unterscheiden. "Da muss dann vielleicht nur eine halbe Tablette im Vergleich zur gewohnten genommen werden - oder aber zwei", schildert Züllich. Gerade älteren Patienten würde eine Abänderung der gewohnten Einnahme aber große Probleme bereiten, sorgen sich Arzt und Apotheker. Daneben können Engpässe und Vorschriften auch dazu führen, dass auf größere Packungen ausgewichen werden muss. Selbst wenn Patienten bei einer medizinischen Neueinstellung Präparate erst ausprobieren sollen. Auch wenn nur zehn Tabletten nötig wären, müssten dann Packungen mit 100 Stück genommen werden. "Das ist auch ökonomisch nicht sinnvoll", betont der Mediziner.

Doch aktuell ist der Beratungsaufwand, den gerade Christian Züllich erbringen muss, die größte Belastung. Ist ein Medikament nicht vorhanden oder von der Firma nicht lieferbar, braucht es Anrufe beim Großhändler oder den Kollegen, natürlich beim verschreibenden Arzt - und schließlich Gespräche mit den Kunden, denn nicht selten haben die Patienten eine Vertrauenssituation zu ihrem Medikament aufgebaut. Fünf bis zehn Stunden in der Woche müsse der Apotheker jetzt schon für diesen Mehraufwand einkalkulieren - Tendenz steigend.

Produktion in Asien

"Deutschland war einmal die Apotheke der Welt, jetzt ist es das Land der Lieferengpässe", beklagt Züllich. Entstanden ist die schwierige Situation vor allem durch die Produktionen in Asien. Viele Hersteller würden dort ihre Präparate fertigen lassen, wissen Züllich und Heimburger. Ausfälle, wie bei dem Vorfall mit verunreinigtem Valsatan, technische Störungen oder die globale Nachfrage könnten bis hinunter in den Landkreis wirken. Bei Impfstoffen sei diese Situation schon einmal eingetreten, erinnert Heimburger. Nicht unschuldig sei zudem in Deutschland der Eingriff ins Preissystem. Dadurch fänden etwa die Grossisten im EU-Binnenmarkt bessere Absatzmöglichkeiten. "Das ist legal", konstatiert der Neurologe.

Politik aufrütteln

Für Züllich und Heimburger ist es jetzt höchste Zeit, die Politik aufzurütteln. Die Hersteller müssten verpflichtet werden, mögliche Engpässe frühzeitig zu melden und gewisse Reserven vorzuhalten. So schreibt die Betriebsverordnungen den Apotheken vor, einen einwöchigen Bestand zu gewährleisten. Dazu sollte auch der Großhandel verpflichtet werden."Es darf nicht wieder zu Lieferengpässen kommen", appellieren die beiden an die Verantwortlichen in der Regierung.

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