29.05.2020 - 10:37 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Berndt Fischer mit der Kamera unterwegs im Grenzgebiet des ehemaligen Todesstreifen zwischen Bayern und Böhmen

Es ist ein gewichtiges Buch. Nicht nur die physikalischen 1420 Gramm untermauern diese Feststellung, sondern vor allem sein Inhalt. In seinem neuen Bildband "Wildfremd" geht es Berndt Fischer um Geheimnisse zwischen Bayern und Böhmen.

von Norbert Grüner Kontakt Profil

"Natur kennt weder Rechtecke noch Geraden", das sagt Berndt Fischer, der mit "Wildfremd - Geheimnisse zwischen Bayern und Böhmen", ein wirklich gewichtiges Buch abliefert. Wir sprechen hier nur nebenbei von den satten 1420 Gramm die es, verteilt auf 176 Seiten mit den Maßen von 24 mal 30 Zentimetern, auf die Waage bringt, sondern, und vor allem, vom gewichtigen Inhalt.

Philosophische Betrachtung

Fischer rückt dem Thema Natur dabei philosophisch auf den Leib, und redet Klartext, wenn es darum geht, was unsere Natur an den Rand des Ruins getrieben hat. Wohl gerade deshalb ist er fast sein ganzes Leben lang Suchender nach Landschaften, die es im westlichen Europa kaum mehr gibt. Dorthin nimmt er seine Leser in seinem Bildband mit, in eine fremd wirkende Welt, in echte, archaische Natur, ohne Menschen.

Umso erstaunlicher, dass diese "Geheimnisse zwischen Bayern und Böhmen" fast vor der Haustür im Bayerischen Wald und in Tschechien liegen. Das Areal des ehemaligen Eisernen Vorhang als Teil des Grünen Bandes in diesen Teilen Europas. Dort im einstigen Niemandsland konnte sich natürlicher Lebensraum entwickeln. Ein Beweis dafür, dass, gibt man einer Landschaft Raum und Zeit, sich schnell wieder Ursprünglichkeit einstellt - pure Natur eben.

Eines von vielen grenzüberschreitenden Projekten befasst sich mit der Natur in Bayern-Böhmen:

Bärnau

Berndt Fischers Bilder zeigen, dass sich der Autor genau dort wohlfühlt und als moderner Abenteurer mit der Kamera Abbildungen schafft, die dem Betrachter suggerieren, er wäre selbst an Ort und Stelle dabei. Ein Déjà-vu-Erlebnis der besonderen Art. Fischer ist einer der Tier- und Landschaftsfotografen, die, wie einst Heinz Sielmann oder Hans Reinhard, viel Zeit in ihre Projekte stecken und dabei ihr eigenes intensives Empfinden bei der Arbeit den Bildern quasi als Seele mitgeben.

In sechs Kapitel hat der Autor sein Werk unterteilt. Sie heißen: "Menschenleer und grenzenlos", "Vogelwild und ungezähmt", "Unbekannt und archaisch", "Naturreich und anmutig", "Höllenschwarz und himmelzart" und "Baumstark und steinreich". Schon die Überschriften lassen erahnen, dass Fischer seine Leser nicht mit den ausdrucksstarken Bildern alleine lässt, sondern auch nicht mit seinen Gedanken zum komplexen Thema Natur hinter dem Berg hält. Mal melancholisch, mal durchaus kämpferisch und fordernd schildert er seine Sicht der Dinge angesichts einer ursprünglichen Natur, die zusehends auch heute immer kleiner wird.

Er sagt: "Tiere und Pflanzen legen es nicht darauf an, uns zu gefallen. Wir sind nur zufällige Zuschauer und sollten Naturschönheit nicht ausschließlich als Kulisse für menschliche Bedürfnisse begreifen." Gründlich habe die Zähmung der Landschaft in Deutschland stattgefunden. Kein Fluss, kein Bach, kein Tümpel sei der Begradigung entgangen, der rechte Winkel habe alles Natürliche, Schräge und Gekrümmte beseitigt. Für alte Bäume sei kein Platz mehr, nicht einmal im Wald. Feuchtwiesen, Sümpfe, Moore und Brachen hätten den Landhunger der Flurbereiniger, Straßenplaner und gnadenloser Bebauer nicht überstanden.

Ein weiterer Bildband von Berndt Fischer

Todesstreifen birgt Leben

Eigentlich grotesk, dass gerade ein menschenfeindlicher "Todesstreifen" genau diese Natürlichkeit erhalten und unendlich viel Leben hervorgebracht hat. Hier kann der Naturversteher Berndt Fischer seine lebenslange Sehnsucht nach dieser echten Natur befriedigen, empfindet er so etwas, das wir mit dem Begriff Glück bezeichnen.

Nur noch Relikte

Er spricht dabei nicht von der sogenannten Natur, wie sie die Tourismusbranche den Abermillionen Reisewilligen als "Natur pur" verkaufen will, sondern von der archaischen, wirklichen, die es eben kaum noch gibt. Nur Relikte zeugten davon, wie fantastisch Natur sei. Dort wo sie zugelassen werde, beginne bald ein Akt der Schöpfung, entstünden Wunderwerke und Landschaften, die der Mensch, der sich als Regulierer und Gestalter der Natur hervortue, niemals zustande brächte. So gesehen zeigt Berndt Fischer in seinem Bildband Natur als übermenschliche Welt.

Seit gut 15 Jahren fotografiert er intensiv im Grenzraum auf beiden Seiten. Der Gedanke, ein Buch darüber zu verfassen, sei erst vor etwa 5 Jahren gereift. In diesem Werk sollten gedankliche Strukturen, "naturphilosophische" Begriffe wie Menschenleere, Anmut, Ungezähmtheit, Archaismus und Wildnis den Rahmen bilden: Dementsprechend fotografierte er gezielt für das Projekt "Wildfremd" erst seit fünf Jahren.

Um drei Uhr aufstehen

Um eine bestimmte Art abzulichten, selbst für einen Schmetterling, verbringt der Autor meist eine ganze Woche oder länger an Ort und Stelle. Die frühen Morgenstunden ab vier Uhr im Mai und Juni seien immer die wichtigsten. Das Aufstehen in der vollkommenen Dunkelheit, um drei Uhr oder früher sei für ihn kein Problem. Als es darum ging, Auerhahn und Birkhahn abzulichten, habe er bereits am Vorabend sein Tarnzelt bezogen und die Nacht bei Minusgraden im dicken Schlafsack verbracht.

Ein festes Zelt, das auf keinen Fall wackeln darf, mit einem Tarnnetz außen herum sei vor allem bei vielen Vogelarten ein Muss, plaudert Fischer aus dem Nähkästchen. Die Inspiration für seine Texte entstünden meist in Ruhepausen oder auch bei einer Wanderung. Auch lange Wartephasen im Zelt könnten inspirierend sein. Weitere Informationen: www.berndtfischer.de

Information:

"Wildfremd - Geheimnisse zwischen Bayern und Böhmen" ist im Buch- und Kunstverlag Oberpfalz im Battenberg-Gietl-Verlag GmbH Regenstauf unter der ISBN: 978-3-955870-75-1 zum Preis von 29,90 Euro erschienen. Der Bildband ist durch den Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds gefördert und teilweise zweisprachig (Bildunterschriften) verfasst.

Berndt Fischer ist 1949 in Amberg geboren. Die Tier- und Naturfotografie betreibt er seit 40 Jahren. Mit einem Auslandsschuldienst in Paris von 1989 bis 1992 wurde die Fotografie professioneller, als Spezialität kam die Streetfotografie hinzu. Es entstanden erste Kontakte zu internationalen Agenturen und Verlagen. Fischer widmete seinen ersten Bildband der Stadt an der Seine. Seine Bilder sind in vielen Zeitschriften, Fotokalendern und bei internationalen Agenturen zu finden. Seit 1997 machte er viele Fotoreisen nach Afrika, Asien, Südamerika. 2008 entstand der großformatige Bildband "Farben der Tropen", auch als englische Ausgabe "Colors of Tropics". Heute ist Fischer auch als Multivisionskünstler unterwegs.

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