19.07.2021 - 13:05 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Wer daheim einen Angehörigen pflegt, muss 1000 Dinge gleichzeitig tun

Kornelia Schmid vom Verein "Pflegende Angehörige" schildert ihren Alltag als Hamsterrad ohne Ausgang. Sie übt heftig Kritik am undurchdringlichen Dschungel des Bürokratismus.

Kornelia Schmid, Gründerin des Vereins "Pflegende Angehörige" sprach bei der Fachtagung vom Alltag bei der Pflege. Sie stellte viele Mängel heraus vonseiten der Politik und des Gesundheitswesens, die verbesserungsbedüftig seien, um den Pflegepersonen im privaten Haushalt die Arbeit leichter zu machen. .
von Ulla Britta BaumerProfil

In Pandemie-Zeiten ist alles etwas anders. Die zweite Fachtag der Fachstelle für Demenz und Pflege Oberpfalz im Sitzungssaal des Landratsamtes lief zeitgleich als Online-Veranstaltung. In zahlreichen Vorträgen stellten Fachleute aus dem Pflege- und Demenzbereich ihre Arbeit vor.

Emotionsgeladen wurde es beim Vortrag von Kornelia Schmid, Vorsitzende des Vereins "Pflegende Angehörige". Sie schilderte aus ihrer Sicht, was daheim passiert, wenn ein Angehöriger Hilfe braucht. Schmid pflegt seit 27 Jahren ihren Mann sowie weitere Familienmitglieder. Sie habe dafür ihren Beruf aufgegeben, sagte sie.

Undurchdringlicher Pflege-Dschungel

Die Gründerin des Vereins, dem 12.000 Mitglieder bundesweit angehören, lobte die Medien, die stark an ihrer Arbeit und dem Thema Pflege interessiert seien. Wenig Lob hatte Schmid für Politik und das Gesundheitswesen übrig. 4,13 Millionen Pflegebedürftige gebe es in Deutschland. "Was nicht unterschätzt werden sollte: Pflegende Angehörige erwirtschaften jährlich 90,7 Milliarden Euro", betonte sie.

Leider sei der Pflege-Dschungel undurchdringlich. "Kein Mensch soll sich mehr auskennen. Und als Corona kam, sind die Fördertöpfe für uns gleich ganz verschwunden", wetterte Schmid. Sie fühle sich wie im Hamsterrad ohne Ausgang. "Wird jemand pflegebedürftig, kommen die Verwandten und sagen, tue das, tue dies. Und der Staat sagt, es gibt doch so viele Angebote für Pflegefälle." Die Realität sei anders. Es sei unglaublich, was alles zu tun sei.

Mehr Wertschätzung

Pflege veränderte das gesamte Lebenskonzept, oft für immer. Kornelia Schmid zählte auf, was eine pflegender Angehöriger leisten müsse – vom Organisieren des Alltags in der Familie mit einer Pflegeperson bis hin zur Hilfe beim Toilettengang und als Zuspruchgeber. Zum täglichen Kampf kämen die Anforderungen an die Behörden bei der Suche nach finanzieller und ideeller Hilfe dazu. "Der Bürokratismus ist der Wahnsinn", berichtete Schmid. In vielen Dingen sei man hilflos allein gelassen. Die Referentin sprach hier auch die Armutsfalle bis ins Rentenalter an, weil sich die finanzielle Situation in den Familien meist enorm verschlechtere.

Schmid wünscht sich von der Politik mehr Wertschätzung sowie finanzielle und öffentliche Anerkennung für pflegende Angehörige. Betroffenen rät sie, sich selbst nicht zu vergessen und zum Schutz der eigenen Gesundheit Hilfsmittel zu nutzen. Mit der Familie solle man sich an einen Tisch setzen und reden. Schmid warnt die Politik dringend vor Untätigkeit. 13 Millionen über 60-Jährige in Deutschland würden über kurz oder lang ins Alter kommen und Pflege brauchen.

Pflege im Heim wird auch vor nahender Kostenbremse teurer

Deutschland & Welt
Die Erfahrungen von Kornelia Schmid (vorne) aus dem Alltag beim Pflegen waren unter den Teilenhmern der Fachtagung auch bei der Podiumsdiskussion am Nachmittag sehr gefragt.
Diplom-Sozialpädagoge Klaus Pippan von der Fachstelle Demenz und Pflege Oberpfalz riet bei Pflege daheim, ein großes Netzwerk aufzubauen. Die Fachstelle Demenz und Pflege Oberpfalz könne bei Anfragen auch nur an Angebote im Umfeld des Betroffenen verweisen.

 

 

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