Tirschenreuth
04.06.2019 - 13:33 Uhr

Demenz ist Leben in einem anderen Film

Zum Thema "Demenz" hat sich die AG Gesundheit am Landratsamt Tirschenreuth eine Wanderausstellung ins Haus geholt. Zur Eröffnung sprach Georg Pilhofer über die Krankheit und deren Auswirkungen aufs gemeinsame Zusammenleben.

Referent Georg Pilhofer zeigte anhand von Statistiken die Häufigkeit und Auswirkungen von Demenz. Bild: ubb
Referent Georg Pilhofer zeigte anhand von Statistiken die Häufigkeit und Auswirkungen von Demenz.

Zwei bis drei große Veranstaltungen organisiert jährlich der Arbeitskreis Gesundheit am Landratsamt. In diesem Jahr, erklärte AG-Sprecher Max Bindl am Montag, sei das Hauptthema die Krankheit "Demenz". Dafür hat sich die AG nun eine Wanderausstellung ins Haus geholt, die vom Ministerium für Gesundheit konzipiert wurde.

Depressionen statt Demenz

Diplom-Sozialpädagoge und Gerontotherapeut Georg Pilhofer (Gerontopsychiatrische Koordinationsstelle Oberpfalz in Amberg) klärte umfangreich über die Krankheit auf. Er stellte eingangs die Altersstruktur vor, unter anderem im Landkreis Tirschenreuth. Je mehr ältere Leute es gebe desto mehr Demenzerkrankungen würden festgestellt, da 90 Prozent der über 90-Jährigen betroffen seien. Aber keiner müsse Angst davor haben, meinte Pilhofer und nannte hierzu eine weltweite Studie, die festgestellt habe, dass die Deutschen am meisten Angst vor Demenz hätten, während es bei den Brasilianern die Angst vor schlechtem Sex sei.

Fachlich definiert sei Demenz eine "erworbene, chronisch fortschreitende Hirnleistungsstörung". Dennoch sei der Weg zum Facharzt zusätzlich notwendig, wenn zum Beispiel ein vermeintlich Betroffener ständig das Gleiche sage. Oft seien auch Depressionen statt Demenz das Krankheitsbild. Pilhofer wusste von fünf unterschiedlichen Demenz-Krankheitsbildern, wobei die Alzheimer-Demenz mit 60 Prozent den höchsten Anteil bilde.

Ein Demenzkranker sei unsicher, fühle sich verzweifelt und entwurzelt, von anderen schikaniert. Seine Grundbedürfnisse seien Zuwendung und Liebe. Helfen könne man am besten mit Verständnis statt ständiger Kritik. Je mehr man den Kranken mit Bewegung, Zuwendung, Beschäftigung und Mut zusprechen motivieren könne, umso mehr könne dieser so lange als möglich gegen den Gedächtnisverlust ankämpfen.

Innerliche Vereinsamung

Natürlich wachse im Verlauf der Krankheit auch die Eigengefährdung, so dass abzuwägen sei, ob man den Betroffenen noch Auto fahren lasse. "Nehmen Sie dem Kranken nicht einfach den Autoschlüssel weg. Finden Sie eine Strategie zur Stressvermeidung", riet Pilhofer. Demenz sei die einzige Krankheit, die für die Verwandten schlimmer sein könne als für den Betroffenen selbst. Das Schlimmste sei die Persönlichkeitsveränderung.

Wer einen Demenzkranken pflege, müsse bei den Patienten unter anderem mit dem Verlust des Wirklichkeitsbezugs und der Alltagstauglichkeit bis hin zum fehlenden Zeitgefühl sowie von Inkontinenz sowie Essensverweigerung rechnen. Für den Kranken selbst bedeute dies, dass seine vertraute Welt versinke und innerlich vereinsame. Zum Verlauf erklärte Pilhofer, dies könne oftmals 15 bis 30 Jahre dauern. "Und man merkt es nicht", fügte er an mit dem Beispiel der Notizzettel fürs Erinnern an tägliche Aufgaben.

Pilhofers Beispiel ging mit einem deutlichen Raunen seines Publikums einher, denn Notizen zum Erinnern sind bei nahezu jedem Bürger alltäglich. In der Fachsprache gibt es laut dem Referenten drei Typen von Demenzkranken: Den Spannungsläufer, der viel Bewegung brauche. Den Wegläufer, dem mit einem vertrauten Umfeld - "und wenn es nur ein früheres Bild an der Wand im Wohnzimmer ist" - geholfen werden könne. Und den Hinläufer, der ständig andere Menschen nerve. Ihm müsse man gut zusprechen und sein Anliegen wertschätzen, auch wenn es nicht mehr der Realität entspreche.

Mehr Lächeln

"Wir Gesunden können diese Menschen in ihrer Welt abholen", sagte Pilhofer, der seinen Vortrag immer wieder mit lustigen Witzchen unterlegte. Denn es sei besser, gute Stimmung zu verbreiten bei Demenz, da sich dies positiv auf die Betroffenen auswirke. "Das ist auch bei Gesunden nicht anders", warb der Experte für mehr Lächeln auf der Welt. Am Ende gab er viele Tipps, um das Zusammenleben mit einem Demenzkranken zu entschärfen mit einfachen Regeln. Was Pilhofer nicht gefällt: Senioren, die in Heimen oftmals einsam stundenlang auf den Gängen sitzen müssten oder bereits um 18 Uhr ins Bett gebracht würden. Er berichtete von einem Stiftungs-Projekt, das helfen solle, Senioren den Alltagsrhythmus zu erhalten mit zum Beispiel einem Nachtcafé in einem Altendorf. Vielleicht könne der Landkreis Tirschenreuth von diesen Bemühungen einmal profitieren.

Bevor die Gäste die Ausstellung anschauen wollten, die sich zu diesem Zeitpunkt allerdings wegen Stau auf der Autobahn noch im Aufbau befand, stellte Pilhofer das große Netzwerk für Demenzkranke in der Oberpfalz vor, dem über 25 Fachstellen angehören. Die Ausstellung kann bis 28. Juni im Foyer des Landratsamtes, Amtsgebäude 3, zu den üblichen Öffnungszeiten besichtigt werden.

Georg Pilhofer referierte ausführlich über Demenz und erklärte den Zuhörern auch, wie man den Stress mit Angehörigen einwenig abbauen könne. Bild: ubb
Georg Pilhofer referierte ausführlich über Demenz und erklärte den Zuhörern auch, wie man den Stress mit Angehörigen einwenig abbauen könne.
Die Ausstellung eröffneten (von links) Landratsamt-Sprecher Walter Brucker, Anja Dubrowski, Christine Ponader (Netzwerk Inklusion), Frau Dittrich, Judith Sollfrank, Isolde König, Regina Kestel, Georg Pilhofer, Max Bindl und Daniela Mädl (Geschäftsstelle GesundheitsregionPlus Nordoberpfalz). Bild: exb
Die Ausstellung eröffneten (von links) Landratsamt-Sprecher Walter Brucker, Anja Dubrowski, Christine Ponader (Netzwerk Inklusion), Frau Dittrich, Judith Sollfrank, Isolde König, Regina Kestel, Georg Pilhofer, Max Bindl und Daniela Mädl (Geschäftsstelle GesundheitsregionPlus Nordoberpfalz).
 
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