Tirschenreuth
15.04.2020 - 11:47 Uhr

Fuchs und Hase im milden Winter die Gewinner

Heimische Wildtiere haben es schön im Winter ohne Schnee. Und Stress mit den milden Temperaturen, sagt Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg, „haben nur die Menschen“.

Die meisten Tiere profitieren vom milderen Klima. Archivbild: ubb
Die meisten Tiere profitieren vom milderen Klima.

Füchse, die ausreichend Nahrung finden, steigende Populationen von Feldhasen und Rehe, denen das milde Wetter in diesem Winter stressfreie Tage beschert hat: Das ist das Fazit der vierten Jahreszeit, die kein Winter war. "Den Tieren geht es gut", sagt dazu Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg. Der Vorsitzende des Jagdverbandes Bayern, Kreisgruppe Tirschenreuth, konnte keinerlei Nachteile für die heimischen Wildtiere wegen zu milder Temperaturen feststellen. Nur die Menschen hätten Stress damit, meint der Baron. "Die Strategie der Rehe bei Kälte ist Energiesparen", erklärt er den Grund, warum die Klimaveränderungen den Tieren im Wald eher nützen. Rehe würden sich bei extremer Kälte kaum mehr bewegen. Sie müssten mit ihren Energiereserven sparsam umgehen. Das sei diesmal nicht der Fall gewesen, zumal es kaum Minusgrade gegeben hätte und zudem ausreichend Futter. "Die meisten Tiere profitieren von diesem Klima." Der Waschbär, der phasenweise Winterschlaf hält, sei eben wacher als sonst gewesen. Was ihm aber nicht schade.

Eichhörnchen (das Bild entstand in der Tierauffangstation von Dieter Brandl) fanden im vergangenen Winter ihre vergrabene Nahrung leichter. Bild: ubb
Eichhörnchen (das Bild entstand in der Tierauffangstation von Dieter Brandl) fanden im vergangenen Winter ihre vergrabene Nahrung leichter.

Zum steigenden Nachwuchs bei Wildschweinen, weil die Frischlinge bessere Überlebenschancen hatten, meint der Baron, die Jäger seien eh angehalten, sie stärker zu bejagen. Sorge mache ihm die Afrikanische Schweinepest. Mehr Schwarzwild bedeute auch mehr Ansteckungspotenzial. Als erfreuliche Begleiterscheinung milder Winter freut sich von Gemmingen-Hornberg über mehr gesichtete Feldhasen. "Im Großraum Friedenfels gibt es sowieso viele," erklärt er. Dennoch sei auch hier natürlich die Population gegenüber vor 40 Jahren stark zurückgegangen.

Vegetationsgrenze steigt

Wirklich Sorgen hat der Baron um die Wildtiere im Hochgebirge. Er spricht aus Erfahrung, da er auch in Österreichs Wäldern unterwegs ist. Mit der Erderwärmung steige auch die Vegetationsgrenze, das karge Bergland ziehe sich bis auf die Gipfelregionen zurück. Schneehasen, Schneehuhn sowie Gams- und Steinwild müssten weit hinauf wandern, um ihr gewohntes Futter, Kräuter und Flechten, überhaupt noch zu finden. Damit die Wildtiere Winterruhe haben, hätte sich Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg gefreut, wenn ausgiebige Wandertouren nur auf den ausgeschilderten Wanderpfaden stattgefunden hätten. Aber wegen des milden Winters seien die Wege frei von Schnee gewesen, so dass die ganze Saison über gewandert worden sei. "Es gibt Gebiete, da haben die Menschen Priorität. Und es gibt Gebiete, da haben eben die Tiere Priorität", plädiert der Baron für mehr Achtung vor der Natur.

Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg: "Den Tieren geht es gut. Nur die Menschen haben ein Problem mit dem milden Winter." Bild: ubb
Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg: "Den Tieren geht es gut. Nur die Menschen haben ein Problem mit dem milden Winter."

Dieter Brandl von der Tierauffangstation Tirschenreuth beobachtete an den Futterstellen für Rehe und Wildschweine im Wald im vergangenen Winter vermehrt Vogelschwärme. Was für ihn heißt, dass die Vögel trotz des schneefreien Winters nicht ausreichend Nahrung gefunden hätten. Denn sei genug vorhanden, würden sie nicht auf Fütterung zurückgreifen müssen.

Brutplätze besetzt

Die Biologin Susanne Pätz, Fachkraft für Naturschutz am Landratsamt, blickt auf die wissenschaftliche Seite. Für die Vögel sei das warme Wetter besser, weil sie dann auch weniger "körperliche Bevorratung" bräuchten, also weniger fressen müssten. Viele "Teilzieher" (Vögel, die nicht regelmäßig jedes Jahr im Winter in den Süden fliegen), sagt sie, seien wegen des nun milden Klimas in der Region geblieben - zu ihrem Vorteil. "Kommen dann die anderen Zugvögel zurück, die den gesamten Winter über weg waren, haben die Hiergebliebenen die Brutplätze bereits besetzt."

Dem Fuchs geht es in schneearmen Wintern besonders gut. Es gibt reichlich Mäuse, seine Leibspeise. Archivbild: ubb
Dem Fuchs geht es in schneearmen Wintern besonders gut. Es gibt reichlich Mäuse, seine Leibspeise.

Bestes Beispiel sei der Storch. "Er bleibt entweder in Spanien oder fliegt gar nicht mehr weg." Dass ein Storch - wie in Weiden - bereits im Februar zurückkehre, sei noch vor wenigen Jahren nie passiert und zeige, dass sich Störche bestens an veränderte Gegebenheiten anpassen könnten. Ein Storch werde bis zu 20 Jahre alt und richte sich flexibel nach dem Wetter, wie es für ihn gut passe. Susanne Pätz spricht auch Klimaveränderungen in Afrika an. Aber als Gefahr. Denn die Zugvögel, die in ihren gewohnten Territorien plötzlich Wüsten vorfänden, müssten dann dort verhungern. Aber zurück in die Heimat: Eisvogel, Eichhörnchen und Eichelhäher sei es in diesem Winter sehr gut gegangen. Der Eisvogel habe in eisfreien Flüssen und Teichen weiter munter gefischt und das Eichhörnchen habe sein vergrabenes Futter ohne dicke Schneeschichten darüber leicht wiedergefunden.

"Gedeckter Tisch"

Massive Veränderungen erklärt die Fachkraft für Naturschutz am Beispiel Fuchs. Er habe jetzt einen "gedeckten Tisch" und vermehre sich deshalb auch rascher. Die Folge sei, dass kleine Wildtiere wie Hasen, Mäuse oder die Wiesenbrüter dezimiert werden könnten, weil mehr Füchse wieder mehr Nahrung benötigen.

"Große Veränderungen wegen zu milder Winter gibt es mit Sicherheit auch für unsere Tiere in Wald und Flur", vermutet die Biologin. Wie diese in späteren Jahren in der Natur Einfluss nehmen, sei bisher nicht klar ersichtlich. Hier würden intensive Forschungen über Jahre hinweg fehlen, die erst begonnen hätten.

 
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