08.04.2020 - 18:27 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Gedanken zum Ostersonntag

Der evangelische Pfarrer Christoph Zeh teilt seine Gedanken zu den Ostertagen. In seiner Andacht erfährt man, was neben Ostern sonst noch alles "verschoben" wird.

Pfarrer Christoph Zeh steht vor verschlossenen Kirchentüren. Auf dem Schild ist "Ostern verschoben!" zu lesen.
von Externer BeitragProfil

Gottesdienstbesuche müssen wegen der Coronakrise zurzeit ausfallen. Deshalb richten evangelische und katholische Pfarrer ihre Worte über Oberpfalz-Medien an die Gläubigen. Hier schreibt der evangelische Pfarrer in Erbendorf und Windischeschenbach Christoph Zeh:

Die Osterfeierlichkeiten werden aufgrund der aktuellen Situation durch die Corona-Pandemie verschoben. Die Gesundheit unserer Gemeindeglieder hat für uns höchste Priorität, daher haben sich die Verantwortlichen entschlossen, die für den 12. April 2020 geplante Auferstehung auf das Jahr 2021 zu verschieben.

Das ist natürlich Quatsch. Ostern findet statt. Ob mit oder ohne Zuschauer. Was aber ohne Zuschauer nicht stattfindet, sind etwa die Oberammergauer Passionsspiele. Die Zeilen, die Sie oben lesen können stammen (leicht abgeändert) von der Website der Veranstalter. Sie mussten die geplanten Aufführungen verschieben. Eigentlich findet dieses Spektakel ja alle zehn Jahre statt. Das wussten Sie sicher. Aber wissen Sie auch, woher diese Tradition kommt? Sie geht auf ein Pestgelübde zurück: 1632 suchte die Pest Oberammergau heim, 1633 hatte fast jede Familie Tote zu beklagen. Pestkranke gelobten auf dem Friedhof, in jedem zehnten Jahr das Leiden und Sterben Christi aufzuführen, wenn niemand mehr an der Pest sterben sollte - so kam es tatsächlich.

Ironie des Schicksals

Ein Schelm, der es Ironie des Schicksals nennt, dass die Passionsspiele nun zum ersten mal nicht stattfinden können - ausgerechnet wegen einer Pandemie. Aber es hilft ja nichts. Wenn keiner zuschauen kann, dann hat es ja auch keinen Sinn, oder? Und wie war das nochmal mit Ostern? Wenn man es genau nimmt, waren da ja auch keine Zuschauer dabei. Also bei der "Uraufführung" sozusagen. Vorher gab es großes Hallo. Beim Einzug in Jerusalem. Als Jesus von Pilatus verurteilt wurde. Auch bei der Hinrichtung auf Golgatha gab es Zuschauer. Aber dann. Im entscheidenden Moment. Da gibt es kein Publikum. Nur ist es da ganz anders als bei den Oberammergauer Passionsspielen. Ostern macht auch ohne Zuschauer Sinn. Bloß weil wir uns im Moment nicht versammeln dürfen, heißt das noch lange nicht, dass wir Ostern verschieben müssen.

"Ostern verschiebt uns"

Denn eigentlich ist es genau umgekehrt. Ostern verschiebt uns. Ja, wirklich. Überlegen Sie mal, was das so alles verschoben hat. Die Frauen, die am dritten Tag in aller Früh ans Grab kamen. Eigentlich wollten die Jesu Leichnam salben. Dieses Vorhaben konnten sie getrost verschieben. Und warum das Ganze? Weil der Stein vor dem Grab - Sie ahnen es - verschoben war. Aber es kommt noch besser. Plötzlich stand Jesus vor ihnen. "Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt" (Mt 28,9).

Also, wenn einem sowas nicht die ganze Weltsicht verschiebt, dann weiß ich auch nicht. Dass Jesus tot ist, wissen die Frauen. Das haben sie selbst gesehen. Und jetzt steht er auf einmal vor ihnen. Auch das sehen die Frauen mit ihren eigenen Augen. Und nach ihnen noch viele mehr. Petrus und die anderen Jünger. Oder die Zwei, die nach Emmaus gingen.

"Vom Tod hin zu neuem Leben"

Aber Moment mal. Jesus ist tot und lebendig? Das passt doch nicht. Da muss doch was passiert sein. Zwischen Kreuz und Begegnungen. Also in diesem Moment ohne Zuschauer. Ganz recht. Da ist was passiert. Nämlich das Entscheidende: Die Auferstehung. Oder anders gesagt: Da hat sich was verschoben. Vom Tod hin zu neuem Leben.

Genau das passiert an Ostern. Der Einbruch von Gottes neuer Wirklichkeit in unsere Welt. Einmalig. Unerklärlich. Völlig verschoben. Und dabei lässt sich der Schöpfer halt nicht von Publikum auf die Finger schauen. Das müssen wir wohl oder übel so hinnehmen. Aber daran ist in diesem Fall ausnahmsweise einmal nicht Corona schuld. Anders als in Oberammergau. Da verpassen die potenziellen Zuschauer wegen des Virus dieses Jahr nicht nur einen entscheidenden Moment, sondern leider das komplette Programm.

Auf der Website ist darüber zu lesen: "Das Passionsspiel beginnt mit dem Einzug in Jerusalem und erzählt die Passionsgeschichte über das Abendmahl hin bis zur Kreuzigung und endet mit der Auferstehung." Aber das ist eben der große Unterschied. Da, wo in Oberammergau aufgehört wird, geht die Geschichte für uns Christen erst so richtig los.

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