28.09.2018 - 11:50 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Heißes Wahl-Duell vor Land-Idylle

Es wird brenzlig am Wahl-Grill von Oberpfalz-Medien. In Tirschenreuth diskutieren die Kandidaten zur Landtagswahl über die Lage der Landwirte, Lehrermangel und Landarztsterben - und stellen sich nebenbei ganz persönlichen Fragen.

Bio-Bauer Josef Schmidt (rechts) diskutiert mit den Landtagskandidaten Theresia Kunz (ÖDP/von links), Anna Toman, Bernhard Schmidt (Freie Wähler) und Martin Schmidt von der Steinwald Allianz.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

(juh/jrh) Saftige Fleischspieße, Biokäse, regionale Würstchen - nicht nur Biolandwirt Josef Schmidt von der Grenzmühle nahe Erbendorf setzt auf nachhaltige Produkte. Auch die Kandidaten zur Landtagswahl haben sich einige Gedanken über ihr Essen gemacht, dass sie zum Wahl-Grillen mitbringen - natürlich alles mit einer bestimmten politischen Botschaft. Während das Grillgut auf dem Rost brutzelt lassen die Kandidaten ein wenig hinter die Fassade des Politikers blicken - und verraten, welche ganz persönlichen Leidenschaften sie haben.

Anna Toman (Die Grünen): Pädagogin, Pferdenärrin, Politikerin mit Herz für ihren Geburtsort Bärnau und die Region - die 27-Jährige will den Landtag verjüngen und weiblicher machen. Und "gravierende Probleme" angehen - sowohl in der Oberpfalz als auch in ganz Bayern. "Es gibt einen erheblichen Lehrermangel. Darunter leiden die Kinder. Teilweise gibt es keinen Wahl- oder Förderunterricht mehr. Und natürlich leiden die Lehrer." Toman kritisiert zudem den Übertritt an weiterführende Schulen nach der vierten Klasse. "Das ist zu früh, der Druck auf die Schüler zu hoch. Sie sollten bis zur sechsten Klasse zusammen bleiben." Auch für ihren Heimatort will sie etwas bewegen. "Das Hallenbad muss saniert werden. Kinder könnten so wieder Schwimmunterricht erhalten."

Theresia Kunz (ÖDP): Die 56-jährige Sozialpädagogin spricht von einem "Pulverfass", wenn sie an die "immer weiter auseinandergehende Schere zwischen Menschen, die sich von der Gesellschaft abgehängt fühlen und denen, die integriert sind", denkt. Vor allem junge Familien würden oft alleine gelassen. "Nicht zuletzt, weil sie beruflich auf unsicheren Beinen stehen - etwa wegen Zeitverträgen." Die dreifache Mutter fordert ein familienpolitisches Erziehungsgeld. "Und auch die Pflegearbeit an Älteren durch Angehörige muss durch ein Grundgehalt erleichtert werden", betont die leidenschaftliche Gärtnerin, die sich zudem für eine "analoge Kindheit" ausspricht. "Technik ist etwas Gutes. Aber sie sollte nicht alles bestimmen."

Jutta Deiml (SPD): Schon als Mädchen nähte die 55-jährige Kemnatherin ihren Barbies Brautkleider. Diese Leidenschaft machte sie zum Beruf - und schneidert heute noch gerne. "Handwerklich kann ich alles - außer Fließen legen", erzählt die zweifache Mutter und lacht. Die Vorsitzende des Kinderschutzbundes Kemnath schwärmt von der vielfältigen Schönheit der Region Tirschenreuth, "einer Region im enormen Aufschwung". Dennoch gebe es Probleme, die sie anpacken möchte. "Barrierefreiheit ist wichtig. Erst, wenn man selbst Angehörige im Rollstuhl hat, sieht man, wie problematisch schon die kleinste Hürde sein kann." Auch die Grundversorgung auf dem Land müsse ausgebaut werden, etwa durch mobile Dorfläden und Landärzte. Seit vielen Jahren setzt sich sie als Stadträtin für Demokratie und gegen Rechts ein - und will das nun auch im Landtag. Und auch, wenn sie seit Jahren "kaum ruhige Augenblicke" kennt, verrät sie, wie sie diese seltenen Momente nutzt. "Ich genieße es, Zeit mit Familie und Freunden zu verbringen."

Bernhard Schmidt (Freie Wähler): Der zweifache Familienvater hat vor fünf Jahren sein Hobby zum Beruf gemacht. Der Geschäftsführer der Neuen Energie West eG war schon immer fasziniert von Technik - und setzt diese ökologisch ein. "Wir müssen weg von Atom- und Kohlestrom. Wir haben so Platz, den wir für Windräder und Photovoltaikanlagen nutzen können." Der 45-Jährige will auch in seiner Heimat einiges bewegen - ein Jugendzentrum, mehr Mobilität auf dem Land, "vor allem für Ältere". Menschen liegen dem Feuerwehrkommandanten am Herzen. "Ich fahre ehrenamtlich für den Rettungsdienst. Patienten werden oft nur als Wirtschaftfaktoren behandelt. Das muss sich ändern."

Tanja Renner (CSU): Listenkandidatin Tanja Renner hätte Rote Beete und Ananas mitgebracht zum Grillen. Schade, dass Schlammersdorfs zweite Bürgermeisterin zu stark eingebunden ist in den -Wahlkampf ihrer Partei, die auf der Zielgerade den zweistelligen demoskopischen Rückstand auf die absolute Mehrheit wettmachen will. "Eine Ananas ist etwas Exotisches", sagt die Realschullehrerin, "es ist überraschend, erfrischend, nicht zu süß - ich sage immer gerne, ich bin weniger süß, als man denkt", konterkariert sie Klischees. Die Tochter des früheren Bürgermeister-Urgesteins Hubert Schneider ist realistisch - ein Einzug in den Landtag sei wohl nicht drin: "So stark wird die CSU nicht." Ein Warmlaufen für später? "Sag niemals nie", sagt sie lachend." Von den drei Buchstaben ihrer Partei ist ihr der christliche Wertemaßstab am wichtigsten: "Im Endeffekt kommt es auf die Nächstenliebe an." Und die darf auch in der Asylpolitik nicht fehlen: "Ohne Wenn und Aber helfen, aber auch die richtige Balance finden." In puncto Bildungspolitik setzt sich die gelernte Mediengestalterin dafür ein, die Digitalisierung ins Klassenzimmer zu tragen.

Stefan Löw (AfD): Den 28-jährigen Polizisten führte sein Einsatz an der Grenze zur AfD: "Wir mussten in Zügen und auf der Straße Flüchtlinge kontrollieren, von denen einige schwere Krankheiten hatten." Kollegen hätten sich angesteckt. Die Angst, dass er der nächste sein könnte, ist ein Grund, warum der junge Imker aus Floß heute auf unbestimmte Zeit krank geschrieben ist. "Die Flüchtlinge können nichts dafür, aber die Sinnlosigkeit des Einsatzes hat mich frustriert", sagt Löw. "Sie wurden ohnehin aufgenommen, aber wir haben den Kopf hingehalten." Auf einen Mundschutz habe man monatelang warten müssen. Löw ist kein Rassist, er versteht, dass Menschen in aussichtslosen Lagen eine Perspektive suchen, ist aber überzeugt: "Deutschland kann nicht die Probleme der ganzen Welt lösen."

 

Solo-Interview mit Stefan Löw (AfD)
„Deutschland kann nicht die Probleme der ganzen Welt lösen“

Den 28-jährigen Polizisten führte sein Einsatz an der Grenze zur AfD: „Wir mussten in Zügen und auf der Straße Flüchtlinge kontrollieren, von denen einige schwere Krankheiten hatten.“ Kollegen hätten sich angesteckt. Die Angst, dass er der nächste sein könnte, ist ein Grund, warum der junge Imker aus Floß heute auf unbestimmte Zeit krankgeschrieben ist. „Die Flüchtlinge können nichts dafür, aber die Sinnlosigkeit des Einsatzes hat mich frustriert“, sagt Stephan Löw. „Sie wurden ohnehin aufgenommen, aber wir haben den Kopf hingehalten.“ Auf einen Mundschutz habe man monatelang warten müssen. Löw ist kein Rassist, er versteht, dass Menschen in aussichtslosen Lagen eine Perspektive suchen, ist aber überzeugt: „Deutschland kann nicht die Probleme der ganzen Welt lösen.“

Herr Löw, wie kam es zu Ihrem Engagement für die AfD?

Löw: Ich habe die Partei erst mit Misstrauen beobachtet. Als sie dann das gute Ergebnis in Brandenburg einfuhr, dachte ich, jetzt kann keiner kann mehr sagen, das ist keine Volkspartei.

Warum werfen Sie der Regierung ein Versagen bei der Flüchtlingspolitik vor? Mit der Einführung einer großen Zahl so genannter sicherer Drittstaaten, der Sperrung der Balkanroute sowie dem Türkei-Deal ist Deutschland legal kaum mehr zu erreichen?

Löw: Die Schließung der Balkanroute ist das Verdienst anderer. Die CSU betreibt mit der Einführung der Grenzpolizei und bei der Rückführung lediglich Symbolpolitik. Sie will zwar vielleicht das Gegenteil, kann sich aber nicht gegen Merkel durchsetzen.

Viele Millionen Menschen sind auf der Flucht – ob aus Bürgerkriegsstaaten oder aus völliger Perspektivlosigkeit, etwa weil Konzerne Fischern die Lebensgrundlage rauben oder Milchpulver aus der EU billiger ist als die afrikanischer Bauern. Wie wollen Sie diese Fluchtursachen bekämpfen und glauben Sie, dass Elendslager in Nordafrika Europa sicherer macht?

Löw: Kurzfristig wird man das nicht lösen können, langfristig mit einer anderen Entwicklungshilfe, indem diese Länder nicht mehr von Konzernen ausgeplündert werden. Wir wollen aber auch, dass sich andere an der Hilfe beteiligen. Deutschland kann nicht alleine die Probleme der Welt lösen. Wenn wir selbst unseren Wohlstand verlieren, können wir gar nicht mehr helfen.

Ihr Vorsitzender Gauland spricht davon, dass er „diejenigen, die die Politik Merkels mittragen, aus der Verantwortung vertreiben“ will. Peter Boehringer, AfD-Bundestagsabgeordneter aus dem Wahlkreis Amberg, findet, „die deutsche Volksgemeinschaft“ leide „unter einem Befall von Schmarotzern und Parasiten“. Er bezeichnet die Flüchtlingskrise mit Begriffen wie „Vermischung, Umvolkung, Volkstod“. Höcke nennt die Holocaust-Gedenkstätte für sechs Millionen in deutschen KZs ermordeten Juden ein „Schandmal“. Können Sie sich damit identifizieren?

Löw: Schauen Sie mich an, ich sehe jetzt auch nicht gerade aus wie ein reinrassiger Bayer und ich halte sicher nichts von Rassenideologie. Das Parteiengesetz legt aber fest, dass jeder seine Meinung haben darf. Leute wie Höcke bekommen mehr Aufmerksamkeit durch die Medien als alle vernünftigen Leute, die in der AfD in der Mehrheit sind, zusammen.

Die Firma Witron hat vier unbegleitete Jugendliche aus Afghanistan und Syrien als Azubis eingestellt. Entgegen der 3+2-Regelung der Staatsregierung müssen sie, obwohl sie alle die Lehre erfolgreich absolvierten und übernommen würden, mit ihrer Abschiebung rechnen. Halten Sie das für sinnvoll?

Löw: Wenn Sie gebraucht werden und sich korrekt verhalten, sollen sie bleiben dürfen. Anders ist das aber bei kriminellen Flüchtlingen und da rede ich nicht von Kleindelikten. Wenn jemand keinen Asylgrund hat, warum ist er dann noch da? Mit geht‘s nicht um irgendeine Reinerhaltung der deutschen Rasse. Mir geht‘s darum, dass es auch meinen Kindern noch gut geht. Viele Flüchtlinge haben ein anderes Weltbild. Wie viele sollen wir aufnehmen, wann ist Schluss?

Wir haben über Fluchtursachen gesprochen. Eine davon ist der Klimawandel, ob nun menschgemacht, wie 98 Prozent der Forschung glaubt, oder nicht, wie die AfD meint. Wäre da nicht eine energische Energiewende sinnvoll?

Löw: Warum kann man nicht die sicheren deutschen Akws weiterlaufen lassen, die bereits finanziert sind? Wir meinen, das EEG kostet allen Bürgern Geld.

Herr Löw, Sie wirken auf mich wie ein höflicher Mensch. Finden Sie es nicht bedenklich, dass auf Ihren sozialen Medien politisch Andersdenkende als „linksversiffte Zecken“ bezeichnet werden?

Löw: Ich bin für mehr Sachlichkeit in der Politik. Aber wenn ich die Bundestagsdebatte verfolge, wird sich gegenseitig beschimpft. Ich will den Leuten unser Programm nahebringen. Aber andere Meinungen sind nicht erwünscht.

Wie findet Ihre Familie Ihr Engagement bei der AfD?

Löw: Meine Familie findet es gut, dass ich mich den Problemen stelle.

Sie sind Imker, wie gehen Sie mit dem Bienensterben um?

Löw: Meinen Bienen geht es gut. Wenn ich Honig schleudere, lasse ich den Großteil drinnen.

Wie kommen Sie zu diesem Hobby?

Löw: Bei uns am Dorf musste der Imker aufhören. Das Summen hat mir gefehlt. Ich bin sehr naturverbunden und wir haben viel Obst an den Bäumen.

Was machen Sie, wenn Sie nicht Ihren Wahlkampf betreiben?

Löw: Ich habe ein Patent angemeldet, dass die Reifung von Whiskey in der Flasche ermöglicht. Ich schneide das Glas an, eine Holzverkleidung wird Teil der Glaswand, das ermöglicht die Atmung des Whiskeys. Das Produkt kann ich dann individualisieren, etwa, indem ich eine Flasche zur Geburt meines Sohnes kaufe und sie mit ihm aufmache, wenn er 18 wird. Es gibt da spannende Möglichkeiten, am Dachboden reift er anders als im Keller. Und Interessenten gibt es einige. Allerdings haben sich die Patentkosten auch schon auf 50.000 Euro belaufen.

 

Die große Debatte am Runden Wahlgrill-Tisch

Soll an bayerischen Schulen islamischer Unterricht angeboten werden?

Jutta Deiml (SPD): Die Evangelischen haben auch einen eigenen Unterricht oder sie gehen in Ethik. Der Islam an sich ist nicht bedrohlich, sondern bestimmte Auslegungen. 95 Prozent der Moslems leben einen normalen Islam.

Bio-Bauer Josef: Ich sage jedem Pfarrer ins Gesicht, diese Schriften sind menschengemacht, um Menschen gefügig zu machen. Ich fände einen gemeinsamen Unterricht aller Religionen besser.

Anna Thomann (Grüne): Das ist Sinnvoll, dann haben wir es in der Hand, was unterrichtet wird. Die Radikalisierung funktioniert über die Erziehung, und da geht mit der Stellung der Frau los. Mein Mann ist Moslem, aber der ist kompatibel, auch wenn wir dazu viel diskutieren mussten. Das größte Integrationshindernis ist, Leute auszugrenzen. Mein Mann hätte zwei Lehrstellen bekommen, durfte aber nicht arbeiten.

Bernhard Schmidt (Freie Wähler): Wenn der Bedarf da ist, warum nicht. Aber was haben wir bisher getan, um Menschen zu integrieren? Ich beobachte Abschiebung aus unerfindlichen Gründen, ein Azubi beim Bäcker, der händeringend nach einem Lehrling gesucht hat. Alles passt, warum darf der nicht da bleiben´?

Theresia Kunz (ÖDP): Auch der Religionsunterricht war nicht immer vorbildlich. Religion hatte ursprünglich die Funktion, das Zusammenleben zu regeln.

 

Sollen bayerische Polizisten ein Namensschild oder eine Nummer tragen?

Thomann: Eine Nummer reicht, jeder hat das Recht auf seine Privatsphäre. Aber er soll identifiziert werden können.

Schmidt: Ich sehe das Thema aus einer anderen Perspektive. Als Rettungsfahrer erleben Sie die Respekt- und Distanzlosigkeit der Gaffer, teilweise auch ihre Aggressivität. Viele machen das nicht bewusst, sie sehen in den Medien emotionslos Morde und Katastrophen an. Das ist etwas völlig anderes. Als wenn man die Menschen schreien hört.

Kunz: Eine Nummer ist in Ordnung. Wo Menschen arbeiten, werden Fahler gemacht. Die Empathie nimmt insgesamt ab, weil auch die Kommunikation abnimmt.

Josef: Ich kenne Polizisten, die sich zu Reichsbürger hingezogen fühlen. Da tue ich mich ein wenig schwer mit dem Vertrauen.

 

Soll die Anerkennung von ausländischen Pflegeabschlüssen erleichtert werden?

Deiml: Das schlechte Image des Berufs ist sicher ein Problem. Wir sind das Bundesland mit dem höchsten Armutsrisiko im Alter.

Thomann: Man könnte auch Abschlüsse anerkennen und die Leute sechs Monate hospitieren lassen. Ich glaube nicht, dass man genügend Jugendliche aktivieren kann. Ich empfehle es meinen Schülern, macht doch mal ein Praktikum – aber die Arbeitszeiten und Bezahlung sind miserabel.

Josef: Solange es Firmen in der Region gibt, die alles rauskaufen mit utopischen Löhnen, ob Pfleger oder Metzger, kommen wir auf keinen grünen Zweig.

Schmidt: Unser System ist in diesem Bereich chaotisch. In Pflegeberufen brauchen wir dringend Leute, aber es gibt so viele Hygiene-Regeln. Die Zusammenführung von Personal und Standards wird schwierig.

Kunz: Der Beruf ist nicht attraktiv. Ich erlebe es bei alten Menschen, es ist sehr schwierig an 80-Jährige anzudocken. Wenn sich der Betrieb am Menschen orientieren würde, glaube ich schon, dass es besser würde.

 

Lassen sich ihr Bio-Grillen schmecken: (von links) Theresia Kunz (ÖDP), Jutta Deiml (SPD), Bio-Bauer Josef Schmidt, Bernhard Schmidt (Freie Wähler) und Anna Toman (Grüne).

Der schwierige Weg zum richtigen Lebensstil: Öko-Bauer Josef Schmidt diskutiert mit den Kandidaten:

Wäldern. (jrh) Darauf hat sich Gastgeber Josef Schmidt gefreut: Der bekennende Hardcore-Ökobauer will den Politikern etwas mitgeben von seiner Grenzmühle im Steinwald auf den steinigen Weg nach München: „Wir haben ein Artensterben riesigen Ausmaßes“, sagt der 35-jährige Bioland-Vorstand, „wir müssen unser Leben radikal verändern.“

Rund um den Grilltisch der Oberpfalz-Medien sitzen am Mittwoch Vertreter der Opposition, die den Thesen des Umweltschützers durchaus einiges abgewinnen können. Nicht die Inhalte zweifeln sie an, nur die politische Vermittlung sei nicht so einfach. „Der Preis spielt beim normalen Verbraucher noch immer die entscheidende Rolle“, sagt Bernhard Schmidt (Freie Wähler). „Dabei hätte bei uns in der nördlichen Oberpfalz der Euro eigentlich eine Kaufkraft von 1.40, wir hätten die Ressourcen, um uns Bio-Lebensmittel leisten zu können.“ So pauschal möchte das SPD-Listenkandidatin Jutta Deiml nicht gelten lassen: „Ich kenne als Vorsitzende des Kinderschutzbundes bei uns in Kemnath viele Familien, die sich Bio-Lebensmittel nicht leisten können.“ Hier am reich gedeckten Tisch sei man in einer komfortablen Situation, andere seien froh, wenn sie genug auf den Tisch bekämen.

ÖDP-Kandidatin Theresia Kunz gibt der Genossin Recht. Kürzlich habe sie in einer Tirschenreuther in einer Metzgerei erlebt, wie eine Frau fragte: „Wie viel kostet das Schnitzel?“ Und sie habe es sich dann nicht leisten können. Das Argument findet der Öko-Missionar so gar nicht überzeugend: „Viele kaufen sich eine Tiefkühlpizza, die ist teuer und schlecht – du kannst eine Bio-Pizza für die Hälfte selber machen.“ Und Schmidt weiß, wovon er redet: „Wir hatten zu Beginn der Selbstständigkeit keine 500 Euro übrig, das ist eine Frage des Wollens.“ Und noch heute erwirtschafte der Vollerwerbslandwirt zusammen mit seiner Frau gerade mal 30 000 Euro: „Den Stundenlohn könnt ihr euch ausrechnen.“

Damit könne sich der Idealist, der als Mitglied der Öko-Modellregion unter dem Dach der Steinwald-Allianz 60 Hektar dazu gepachtet hat, kaum Mitarbeiter leisten: „Es gibt Unternehmen, die zahlen in der Region utopische Löhne, da können wir nicht mithalten.“ Schmidt, der seine Idee von der Rückführung der Flächen durch die Beweidung mit Rotem Höhenvieh beim Europäischen Junglandwirte Kongress in Brüssel vorgestellt hatte, realisierte anschließend mit der Uni Bonn ein Bio-Mohnanbau-Projekt – eine Marktlücke: „Das kommt von meiner Leidenschaft für Mohnkuchen“, sagt er lachend, „wir bieten morphinfreien Mohn für den deutschen Markt an.“

Grünen-Politikerin Anna Toman, die gute Chancen auf den Einzug ins Maximilianeum hat, sieht das Thema pragmatisch: „Jeder muss bei sich selber anfangen, die Nachfrage nach regionalen Produkten ist da.“ Dennoch müsse der Markt transparenter werden. „Der Verbraucher kann nicht unterscheiden, wo die Leberwurst herkommt.“ Es gebe auch konventionelle Bauern, die ihre Kühe gut halten. „Kinder müssen wieder einen Bezug dazu bekommen, dass für ihr Schnitzel ein Schwein sterben muss.“ Auch hier widerspricht Schmidt: „Ich war auch mal konventioneller Landwirt“, sagt er, „ich habe auch mal die Sauerei betrieben.“ Darauf sei er nicht stolz. „Wer auf den Bulldog steigt und Gift spritzt, der ist verantwortlich.“ Jeder habe das vor seinem Gewissen zu verantworten.

Namenskollege Bernhard Schmidt relativiert: „Mein Vater kommt aus einer Landwirtschaft, hat das nicht anders gelernt.“ In den Landwirtschaftsschulen werde etwas ganz anders vermittelt: „Das ist eine andere Welt, da geht’s um größer und mehr Fläche.“ Auch Theresia Kunz möchte die konventionelle Landwirtschaft nicht verteufeln: „Ich finde das alles richtig, was sie machen, aber man muss auch den Weg mit einbeziehen, den Lebensmittel transportiert werden.“ Deshalb habe für sie Regionalität einen hohen Stellenwert.

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