08.02.2019 - 17:19 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Landkreis mit neuem Selbstbewusstsein

Stromtrasse, demografischer Wandel, passender Wohnraum und Existenzängste der Teichwirte: Zwar tritt Landrat Wolfgang Lippert 2020 nicht mehr zur Wahl an, bis dahin stehen aber noch einige Aufgaben vor ihm.

Landrat Wolfgang Lippert sieht den Landkreis Tirschenreuth für die Zukunft gut gerüstet. Bei der nächsten Wahl 2020 tritt er nicht mehr an.
von Martin Maier Kontakt Profil

Die Entscheidung zur zukünftigen Ausrichtung der Kliniken Nordoberpfalz AG steht dieses Wochenende an. Dazu nahm Landrat Wolfgang Lippert schon ausführlich Stellung. „Für die Standorte Waldsassen/Tirschenreuth muss es Veränderungen geben. Wobei das Haus in Waldsassen nicht geschlossen werden wird. Es wird weiterhin eine medizinische Versorgung gewährleistet sein.“ Im Gespräch mit den Redakteuren Wolfgang Benkhardt und Martin Maier äußerte er sich noch zu weiteren Themen.

ONETZ: Die geplante Gleichstromtrasse Süd-Ost-Link verläuft nach den aktuellen Planungen durch den Landkreis Tirschenreuth. Diese Woche wurden Überlegungen öffentlich, möglicherweise in den Kabelgraben noch Leerrohre zu verlegen. Wie beurteilen Sie dieses Vorgehen?

Wolfgang Lippert: Status quo ist, dass die Unterlagen von Netzbetreiber Tennet ab Mitte Februar ausgelegt werden und jeder seine Stellungnahme abgeben kann. Das wird auch der Landkreis machen. Tennet will möglichst schnell zu einem Ergebnis kommen und zieht das gnadenlos durch.
Jetzt kommen wir aber zu einem Punkt, wo ich sage: So gehts nicht weiter. Das Unternehmen und die Bundesnetzagentur sind nicht gewillt, abzuwarten, inwieweit die neue Technologie, 525-kV-Leitungen, anwendbar ist. Die Zeichen dafür sind aber positiv. Damit hätten wir eine vollkommen andere Ausgangsbasis, weil die Trasse wesentlich schmäler wäre. Und dadurch könnte die Leitung sehr wohl an den Autobahnen entlang gelegt werden.

ONETZ: Und die Sache mit den Leerrohren?

Wolfgang Lippert: Sie sind noch nicht Gesetz, aber sie sind in der Schwebe. Für mich gibt es drei Ziele: keine Leerrohre, neue 525-kV-Technologie überprüfen und falls diese möglich ist, die Trassenführung neu bewerten. Ich persönlich meine, man sollte die Technologie Power-to-Gas weiter vorantreiben. Da wäre noch genügend Zeit. Denn es dauert noch bis mindestens 2025, bis der Süd-Ost-Link Strom liefern kann.

ONETZ: In den vergangenen Jahren gab es auch immer wieder Diskussionen um die Sparkasse Oberpfalz Nord. Diese haben sich offenbar gelegt.

Wolfgang Lippert: An der Sparkassen-Front ist es momentan relativ ruhig. Die Sparkasse Oberpfalz Nord hat sich stabilisiert. Mit Blick auf die Zahlen nähern wir uns anderen Sparkassen an. Wir sind zwar noch nicht die Schönsten, aber auch keinesfalls die Schlechtesten. Mit dem E-House in Weiden und dem virtuellen Besprechungszimmer „s@on“ haben wir Vorzeigeprojekte. Da sind wir sehr professionell unterwegs und andere Sparkassen kommen auf uns zu, um sich beraten zu lassen.
Klar, es gab und gibt ein paar Umstrukturierungen, aber keine kompletten Filialschließungen. Es gibt weiterhin den Geldautomaten und Kontoauszugdrucker vor Ort. Alle Maßnahmen sind mit den jeweiligen Bürgermeistern abgesprochen. Man darf nicht vergessen: Es gibt Filialen, die haben an manchen Tagen fast keinen Parteiverkehr mehr.

ONETZ: Der demografische Wandel ist ein Dauerthema. Allerdings ist die Zahl der Abwanderungen seit einigen Jahren rückgängig. Sie prägen mittlerweile den Ausspruch "Aus Landflucht wird Landlust".

Wolfgang Lippert: Zu dieser Aussage stehe ich weiterhin. Der Bevölkerungsverlust ist noch nicht gestoppt, aber er ist weniger geworden. Das Entscheidende ist: Viele junge Leute wollen wieder zurück in ihre Heimat. Denn es lässt sich bei uns gut und günstig leben. Zudem sind wir ein sicherer Landkreis und haben eine überproportionale Einkommensentwicklung, weit über dem Bayern- und Oberpfalzschnitt. Unsere Bürger besinnen sich immer mehr darauf, nicht das Jammern in den Vordergrund zu stellen, sondern erkennen, dass der Landkreis viele positive Werte hat. Das war vor einigen Jahren noch anders.

ONETZ: Worin sehen Sie die Gründe?

Attraktive Arbeitsplätze sind da sicher zu nennen. Man muss sich mal vor Augen führen, welche Industriezweige in den vergangenen Jahrzehnten bei uns fast verschwunden sind: Textil-, Porzellan- und Knopfindustrie. Es gab Arbeitslosenzahlen von weit über 15 Prozent. Es haben sich zum Teil vollkommen neue moderne, innovative Branchen entwickelt. Das ist für mich ein Grund für das neue Selbstbewusstsein.
Auf der anderen Seite hat sicher dazu beigetragen, dass die Kommunen sehr intelligent miteinander kooperieren. Steinwald-Allianz und Ikom Stiftland sind Erfolgsmodelle. Das zeigt, dass man miteinander viel mehr erreicht als alleine. Schon lange schaut man bei uns über den Kirchturm hinaus. Auch die Grenzlage nutzen wir immer mehr. Acht Prozent aller Arbeitsplätze im Landkreis Tirschenreuth sind von tschechischen Staatsbürgern besetzt. Das ist die höchste Quote aller Landkreise, die an Tschechien angrenzen.

ONETZ: Sehen Sie den Landkreis damit für die Zukunft gut aufgestellt?

Wolfgang Lippert: Wir sind in einigen Sachen sogar Vorreiter und beispielgebend. Das Baxi und die Wohnberatungsstelle für Senioren sind Vorzeigeprojekte. Das ist einmalig in Bayern. Wir sind nicht nur Empfänger von Fördergeldern, sondern geben auch Impulse nach außen. Das Baxi wollen wir weiterentwickeln. Mittlerweile wollen Neustadt/WN, Schwandorf, Cham und Kronach auf das Projekt aufspringen. Auch „Der mim Board“ ist eine Erfolgsgeschichte. In einem Jahr sind über 300 Busse gefahren und die Statistiken zeigen, dass die Alkoholfahrten zurückgegangen sind.

ONETZ: Bei allen positiven Entwicklungen: Wo gibt es größere Probleme?

Wolfgang Lippert: Da ist sicher das Thema Wohnraum zu nennen. Viele Leute wollen zurück, aber tun sich schwer, eine passende Wohnung zu finden. Man freut sich zwar über den Mietspiegel mit 4 bis 6 Euro. Aber derjenige, der Wohnungen oder Leerstände renovieren könnte, der kann das nicht für 5 Euro pro Quadratmeter. Der braucht mindestens 7,50 Euro. Deswegen wäre eine einmalige Förderung für das Renovieren von Wohnungen gut. Dafür habe ich schon öfters einen Anlauf unternommen und auch mit Staatssekretär Gerhard Eck geredet. Zudem macht mir weiterhin die Einfuhr von Drogen aus Tschechien Sorgen.

ONETZ: Viele Teichwirte kämpfen um ihre Existenz. Wie schauen in diesem Bereich die Entwicklungen aus?

Wolfgang Lippert: Die Situation der Teichwirte treibt mich um. Biber, Kormoran und Mink können wir mit unserem Ranger gut unter Kontrolle bringen. Der arbeitet hervorragend und wird auch von den Teichwirten anerkannt. Der Ranger reduziert lediglich die Anzahl der Tiere auf ein erträgliches Maß.
Ungelöst ist das Problem des Fischotters. Dieser macht die Zuchtergebnisse von vielen Teichwirten kaputt. Der Fischotter hat aber einen so intensiven Schutzstatus, dass er momentan nicht bejagbar ist. Trotz Fischotterberater und Monitoring ist man nicht in der Lage, das Tier aus der Schutzzone zu bringen. Wenn wir nicht bald zu Entnahmelösungen kommen, dann ist es für manche Teichwirte fünf nach zwölf.
Und dann gibt es noch einen Punkt, der nicht in Ordnung ist. Wir haben Vertragsnaturschutzprogramme, die besagen, je weniger Fische der Teichwirt in seinen Gewässern hat, desto mehr Geld bekommt er. Wenn aber Teiche leer bleiben, verändern sich diese. Wer will denn da in der Erbfolge noch Teichwirt machen? Die Vertragsnaturschutzprogramme müssten umgestellt werden: Desto mehr man traditionell bewirtschaftet, umso mehr Geld sollte man bekommen.

ONETZ: Sie haben schon vor längerer Zeit angekündigt, dass Sie 2020 nicht mehr zur Landratswahl antreten werden. Was wollen Sie bis dahin noch vorantreiben?

Wolfgang Lippert: Momentan ist es eine super spannende Zeit. Wir haben 2018 den Neubau der Realschule Kemnath mit über 35 Millionen Euro angestoßen. Heuer ist noch der Architektenwettbewerb, 2020 wird die Planungsphase sein und frühestens 2021 der Bau gestartet. Außerdem steht der Neubau der Dreifachturnhalle beim Stiftland-Gymnasium mit 7,5 Millionen Euro an. Bei der Berufsschule in Wiesau stehen wir kurz vor der Fertigstellung. Da sind insgesamt 14 Millionen Euro investiert worden.
Wichtig ist mir, dass am Landratsamt der Eingang noch neu gestaltet wird und außen eine Art Info-Point errichtet wird, wo sich der Bürger schnell informieren kann, in welches Gebäude er muss. Auch am Wochenende soll man dort touristische Informationen erhalten. Zudem müssen wir den hinteren Parkplatz beim Landratsamt angehen.

ONETZ: Die Entscheidung für Ihren Rückzug ist unumstößlich?

Wolfgang Lippert: Mit 65 Jahren sollte man aufhören. Ich habe das Amt sehr gerne und mit Leidenschaft gemacht. Aber man darf nicht so tun, als würde man das nicht merken. Ich höre sicher auf.

ONETZ: Sie machen einen kompletten Schnitt?

Wolfgang Lippert: Ich denke, mir wird nicht langweilig. Wobei die ersten Anfragen schon kommen, hinsichtlich der Übernahme von Ämtern: „Du könntest doch ....“ Aber ich halte nichts von einem Teilabschied. Ich werde auch nicht mehr für den Kreistag kandidieren.

ONETZ: Gibt es schon einen Landratskandidaten der Freien Wähler? Haben Sie irgendeine Person im Blick?

Wolfgang Lippert: Es wird mit Sicherheit jemanden geben müssen. Und ich sehe durchaus mehrere Personen, die das können. Wir haben noch keine Nominierungsversammlung gehabt. Im übrigen halte ich nichts davon, wenn man das sehr frühzeitig macht. Meine Nominierung war 2007 erst im Herbst. Das hat auch funktioniert.
Ich hoffe nur, dass es gelingt, in dem neuen Kreistag wie bisher eine gewisse Harmonie hineinzubringen. Es ist entscheidend, jeden Kreisrat mitzunehmen. Das war und ist mir ein großes Anliegen und ist auch ein weiterer Mosaikstein, warum sich der Landkreis so positiv entwickelt hat.

Ergänzen Sie den Satz:

Das Amt des Tirschenreuther Landrats ist.....zeitlich begrenzt.

Wichtigste politische Herausforderung für den Landkreis ist momentan ....die Entscheidung zu den Krankenhäusern.

Der schönste Platz im Landkreis ist für mich ... in der Nähe von Armesberg, wenn ich mit meinem Rad unterwegs bin.

Richtig gut entspannen kann ich ... zu Hause bei der Familie oder bei meinem Hobby, der Holzarbeit.

Als Lehrer konnte ich ... den Nachmittag frei gestalten.

Als Landrat kann ich nicht mehr...über meinen Terminkalender selber bestimmen.

Landrat Wolfgang Lippert sieht den Landkreis Tirschenreuth für die Zukunft gut gerüstet. Bei der nächsten Wahl 2020 tritt er nicht mehr an.
Landrat Wolfgang Lippert sieht den Landkreis Tirschenreuth für die Zukunft gut gerüstet. Bei der nächsten Wahl 2020 tritt er nicht mehr an.
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