30.06.2020 - 17:52 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Notfallseelsorge: Hilfe rund um die Uhr

Wie funktioniert die Notfallseelsorge im Landkreis Tirschenreuth? Systembeauftragte Sabine Schiml gibt einen Überblick.

Die Notfallseelsorger sind auch anhand ihrer Jacken erkennbar.
von Externer BeitragProfil

Wenn sich der Piepser meldet, gleich zu welcher Tageszeit, dann sind sie da: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Notfallseelsorge (NFS) der Kirche oder Krisenintervention (KIT) des BRK. Sie kümmern sich um Menschen, über die gerade „die Welt zusammenbricht". Das kann sein, wenn ein schwerer Verkehrsunfall passiert ist, Angehörige sich suizidiert haben, aber auch wenn Menschen zuhause gestorben sind und die Angehörigen jemanden brauchen, der zuhört und stützt.

„Wir begleiten auch die Polizei, wenn sie eine Todesnachricht überbringen. Wir bleiben so lange, wie es sein muss", sagt Sabine Schiml, Systembeauftragte der Notfallseelsorge. Wenn der Piepser losgeht, müssen sich die Notfallseelsorger und/oder das Kriseninterventionsteam auf den Weg machen. „Häufig rücken wir im Team aus."

In etwa 30 Minuten, je nach Einsatzort, versuchen sie, da zu sein. 30 Minuten klingt im ersten Moment viel, wo es doch bei der Polizei, den Rettungsdiensten und der Feuerwehr auf jede Sekunde ankommt. "Bei uns zählen nicht die Minuten. Manchmal warten wir eine lange Zeit, beispielsweise bei polizeilich geführten Lagen oder noch laufenden Reanimationen, bevor wir mit den Angehörigen sprechen können oder sie auf uns zugehen", so Schiml.

Aushalten und Mittragen

Im Einsatz müsse man alle Sinne öffnen. "Wir bedrängen niemanden, achten aber sensibel darauf, dass niemand vergessen wird", erläutert Schiml. Häufig seien es gerade die Menschen, die still im Zimmer sitzen oder sich zurückziehen. Sie würden oft übersehen. "Unsere Aufgabe ist es mit den Betroffenen auszuhalten, mitzutragen und Brücken ins Leben zu bauen. Notfallseelsorger würden auch sensibel spirituelle Hilfe und Rituale anbieten oder zum Gebet und zum Abschied einladen. „Manchmal sind die Betroffenen wütend auf den lieben Gott. Das ist nachvollziehbar. Ich kann ihr Klagen gut verstehen und aushalten“, so die Systembeauftragte, „erzähle aber auch von meiner Hoffnung über den Tod hinaus“. Nach dem Einsatz informieren die Notfallseelsorger den Ortspfarrer, damit die Betroffenen weiter begleitet werden.

Notfallseelsorge: Bestandteil der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV)

Notfallseelsorge ist psychosoziale und seelsorgerliche Krisenintervention im Auftrag der Kirchen. Wie die Krisenintervention steht Notfallseelsorge Menschen in akuten Notsituationen bei: unmittelbar, überkonfessionell und professionell. Sie ist Bestandteil der organisierten Psychosozialen Notfallversorgung und erfüllt damit einen Auftrag der öffentlichen Hand. Der Dienst wird vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe unter anderem auch wissenschaftlich begleitet. Die Alarmierung erfolgt zumeist über die Leitstelle (ILS) der Rettungsdienste, Polizei und Feuerwehr in Weiden.

Im Mittelpunkt: Prävention von psychosozialen Belastungsfolgen

Die Mitarbeiter der Notfallseelsorge und der Krisenintervention des BRK arbeiten neben anderen Diensten unter dem Dach der Psychosozialen Notfallversorgung zusammen. Ziel ist es, möglichst früh psychosoziale Belastungsreaktionen zu erkennen und den Betroffenen geeignete Unterstützung und Hilfe zukommen zu lassen. Dabei hat PSNV im Landkreis Notfallopfer, Angehörige, Freunde, Zeugen, aber auch Täter des Geschehens im Blick. Die Betreuung von Einsatzkräften erfolgt durch eigens ausgebildete Einsatzkräfte (PSNV-E) des NFS- und KIT-Team (BRK) aus Weiden.

"Gerade die wertschätzende Zusammenarbeit im Landkreis beider Teams, regelmäßiger Erfahrungsaustausch mit dem Kriseninterventionsteam des BRK empfinde ich als stärkend und bereichernd", sagt Systembeauftragte Sabine Schiml. Die Einsätze erfolgen im Austausch mit dem Fachdienstleiter des KIT-Teams BRK, Edwin Ulrich.

Jeder Einsatz ist anders

Einsatzkräfte der Psychosozialen Notfallversorgung, gleich ob KIT oder NFS, benötigen eine qualifizierte Ausbildung. Inhalte und Lernziele der Ausbildung orientieren sich an den gemeinsamen Standards der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV). In der Ausbildung von Notfallseelsorgern und allen anderen PSVN-Einsatzkräften wird bereits im Vorfeld neben vertieftem Fachwissen, großer Wert auf den Umgang mit eigenen Belastungen und Grenzen gelegt. Selbstreflexion und die eigene Psychohygiene sind wichtige Ausbildungsinhalte. Alle Teammitglieder der NFS sind hauptamtliche Mitarbeiter der Kirche und haben neben einem Studium in Pädagogik, Religionspädagogik oder Theologie Zusatzausbildungen.

Stress durch körperliche und psychische Höchstleistungen

Nach dem Einsatz sind auch die Notfallseelsorger nicht allein. Manchmal kommt man an seine eigenen Grenzen. Sabine Schiml kennt solche Situationen, deshalb ruft sie 24 Stunden nach belastenden Einsätzen an und fragt, wie es war und wie es geht. In den regelmäßigen Teamsitzungen werden Einsätze evaluiert. Aus-, Fort- und Weiterbildung, Supervision nehmen eine zentrale Rolle bezüglich organisatorischer Maßnahmen zur Entlastung von Notfallseelsorgenden ein. Kontinuierliche Teamentwicklung, Förderung sozialer Kompetenzen und Sicherstellen der notwendigen Rahmenbedingungen entlasten.

Aber auch die Teammitglieder sind füreinander da, springen ein, wenn die Situationen zu belastend werden. Das Team der NFS besteht neben der Systembeauftragten aus Pfarrer Georg Flierl (Regionaldekan), Pfarrer Martin Besold (Prodekan), Pater Klaus Kniffki, Pfarrer Konrad Amschl, Pfarrer Sven Grillmeier, Pfarrer Stefan Prunhuber und den Praktikanten Pastoralreferent Martin Winter, Jugendreferentin Barbara Schönauer sowie Marion Neumann, Leiterin der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Familien.

Gerät aus, Einsatzjacke in den Schrank

Nach Ende der Schicht braucht es dringend eine Entspannungs- und Regenerierungsphase. Das Alarmierungsgerät wird ausgeschaltet. Die Einsatzjacke in den Schrank gehängt. Es ist auch wieder Zeit für andere Bereiche, wie Familie, Freunde, Freizeit, Sport und Arbeit, Durchschnaufen, Auftanken. „Bei Teammitgliedern, die diese Distanz nicht schaffen, führe ich ein Gespräch und biete zur eigenen Reflexion externe Supervision an", so Schiml.

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