10.06.2019 - 16:59 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Ordnung im schriftlichen Gedächtnis

Maria Rita Sagstetter, Archivdirektorin des Staatsarchivs Amberg referiert beim Gemeindetag im Landratsamt Tirschenreuth über Interkommunale Zusammenarbeit im Archivwesen.

von Lena Schulze Kontakt Profil

Unterstützung holen sich die beiden Kreisheimatpfleger von Maria Rita Sagstetter, Archivdirektorin des Staatsarchiv Amberg. In ihrem Vortrag informierte Sagstetter darüber, wie notwendig das Archivwesen auch für eine Kommune ist. "Ein Kommunalarchiv ist Pflichtaufgabe der Gemeinde", sagt die Archivdirektorin. Oft werde es allerdings vernachlässigt. "Es wird sich schon jemand finden, der die Aufgabe übernimmt" - dies sei der falsche Ansatz. "Es ist wesentlich komplexer als das. Ein Archiv ist das schriftliche Gedächtnis der Stadt!"

Dringend handeln

Vor allem im Landkreis Tirschenreuth gebe es noch viele Altregistraturen - Unterlagen wahllos aufeinandergestapelt. Nur weil es alte Verwaltungsunterlagen seien, könne man noch lange nicht von einem Archiv sprechen. "Solange das Archivgut nicht geordnet ist, ist es tote Masse", betont Sagstetter. Auch die Lagerung sei in feuchten Kellern oder heißen Dachgeschossen sehr ungünstig.

Abgesehen von der nicht fachgerechten Lagerung und Verpackung und dem unkontrollierten Zugang zu den Unterlagen könne man in der Unordnung nichts recherchieren. "Hier besteht dringend Handlungsbedarf. Diese kommunalhistorischen Unterlagen gibt es nur bei Ihnen", warnt sie. Zudem werde es immer schwieriger Archivpfleger zu finden.

Sie klärte auf, wie eine Interkommunale Zusammenarbeit in diesem Bereich aussehen könnte und welche Arbeitsleistungen dafür zu erbringen sind. Sagstetter nannte Beispiele aus Nabburg, Burglengenfeld oder Regensburg, bei denen die interkommunale Zusammenarbeit (IKZ) im Archivwesen etwa durch einen Verein, Zweckverband oder eine Arbeitsgemeinschaft geregelt ist. Es gebe verschiedene Wege die Archivpflege zu organisieren. In der IKZ "Archiv Obere Vils" kümmere sich ein hauptamtlicher Archivar um insgesamt neun Gemeinden.

Je nach Wunsch der Gemeinde könne sich dieser Archivar komplett um die Organisation des Archivs einer Kommune kümmern oder nur beratend zur Seite stehen. Die Kosten werden auf die Mitgliedergemeinden umgelegt. Kompetente Betreuung, zuverlässige Erledigung, eine Entlastung, weil nicht jede Gemeinde einen eigenen Mitarbeiter für das Archivwesen abstellen muss: "Mit der interkommunalen Zusammenarbeit ergeben sich gute Synergien." Hinsichtlich der Schaffung neuer Archivräume und -strukturen gebe es auch staatliche Förderungen. Sagstetter empfiehlt als EDV-Programm gängige Systeme, keine Eigenlösungen.

Zuviel totes Material

Archiv- und Kreisheimatpfleger Robert Treml, zuständig für den Altlandkreis Tirschenreuth, sieht ebenfalls dringend Handlungsbedarf. "Ich rede schon lange mit Engelszungen auf die Bürgermeister ein", sagt er über seine fast schon missionarische Aufgabe. Als ordentliche Archive sieht er Bärnau, Waldershof, Neualbenreuth, Mitterteich und Waldsassen an. Auch in Konnersreuth und Fuchsmühl sei im Bezug auf das Archivwesen etwas in Planung. Leider gebe es noch viel zu viele Altregistraturen im Landkreis Tirschenreuth.

Als mustergültig sieht er das Stadtarchiv Bärnau, das im Obergeschoss des Kindergartens untergebracht ist. Herr der zwei Archivräume (Magistrat) und des Büros ist der 73-jährige Josef Rösch. Seit 2012 ist er ehrenamtlicher Archivpfleger der Knopfstadt. Auch dort waren die Unterlagen anfangs unübersichtlich auf dem Dachboden des Rathaus untergebracht. Die Akten reichen teils bis zu 500 Jahre zurück. Rösch ist dankbar, dass Bürgermeister Alfred Stier und das Stadtratskollegium die Neueinrichtung des Stadtarchivs sehr positiv unterstützten und die notwendigen Mittel dafür genehmigten. Diese beliefen sich auf rund 10.000 Euro. Das Bärnauer Archiv, das im Obergeschosses über den Kindergarten angesiedelt ist, sei genügend Platz für das Archivgut biete gleichzeitig gute Arbeitsvoraussetzungen, erklärt der ehrenamtliche Stadtarchivar.

Seit sechs Jahren lagern die 8000 Kilogramm Papier in den Räumen des alten Schulhauses. Etwa 30 Stunden im Monat arbeitet er ehrenamtlich im Archiv. Wünschenswert wäre laut Treml, wenn alle Gemeinden so "nachziehen".

Hintergrund:

Schularchive

Außerdem schnitt Archivdirektorin Maria Rita Sagstetter auch die Auflösung der Schularchive an. Früher seien diese zweitrangig behandelt worden. Seit einiger Zeit sei aber auch das Staatsarchiv für staatliche Schulen zuständig. Eine besondere Schwierigkeit stellt dabei der Datenschutz dar. Die Archivierungsvereinbarung von 2016 sieht vor, dass die Schulen alle unterlagen von vor 1950 anbieten können sowie Unterlagen nach 1950, die bekannte, „auffällige“ Schüler betreffen. „Wir müssen natürlich eine Auswahl treffen“, betont Sagstetter zum räumlichen und arbeitsintensiven Aufwand. Allerdings gebe es fünf „Musterschulen“ aus dem Landkreis Tirschenreuth, die ihre kompletten Unterlagen dem Staatsarchiv anbieten müssen. Diese sind die Grundschulen Wiesau und Plößberg, die Johann-Andreas-Schmeller-Mittelschule Tirschenreuth, die Knabenrealschule Waldsassen und das Stiftland-Gymnasium Tirschenreuth.

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