01.06.2020 - 10:38 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Patientenschwund wegen Coronaviren

In den Arztpraxen ist wegen Covid-19 ein deutlicher Patientenschwund, teils bis 80 Prozent, an der Tagesordnung. Für chronische Kranke könne Fernbleiben aber gefährlich werden, sorgen sich die Ärzte.

Dr. Andreas Beier hat jetzt nur noch Arbeit für einen Arzt. Bisher hat eine angestellte Kollegin mitgearbeitet in seiner Praxis, die jetzt aber eine eigene aufmacht. Und momentan könnte er sie auch gar nicht mehr beschäftigen.
von Ulla Britta BaumerProfil

Über lange Wartezeiten kann sich aktuell niemand beklagen. Die Patientenzahl hat sich in vielen Praxen nahezu halbiert."Als die Krise im Landkreis auf dem Höhepunkt war, war es extrem. 80 Prozent unserer Patienten haben nur noch telefonisch Auskunft eingeholt", berichtet Dr. Andreas Beier von großen Einbrüchen.

Der Allgemeinarzt betreibt gemeinsam mit einer angestellten Ärztin seine geräumige Praxis in der Ringstraße. Er hat viel Platz und kann die Abstandsregelungen locker einhalten. Dennoch herrscht bei Dr. Beier auch jetzt nach den ersten Lockerungen wesentlich weniger Patientenandrang als vor Corona. Der junge Arzt hat dafür Verständnis.

Die Patienten würden sich sorgen, das sei in Ordnung, sagt er. Beier vermutet, dass die Leute aus Angst vor einer Ansteckung im Wartezimmer ausblieben. "Aber das müssen sie nicht. Wir achten sehr auf Hygiene und Abstand. Kein Patienten kommt mit dem anderen in Berührung", betont Beier. Der 35-jährige Allgemeinarzt sorgt sich um chronisch Kranke. Menschen mit Diabetes, Bluthochdruck oder Rheuma rät er dringend, die Kontrollbesuche einzuhalten.

Drei Patienten gleichzeitig

"Die Mütter sollten die Vorsorgeuntersuchungen unbedingt einhalten", sagt er. Diese könnten nicht nachgeholt werden, gerade bei Babys. Beier denkt besonders an die Impfungen wie Masern oder Röteln. Wer nur einen Gesundheitscheck machen lassen möchte oder Daheim ein leichtes Unwohlsein verspüre, könne den Arztbesuch aufschieben. Außer, es werde schlimmer. Sollte Verdacht auf Corona bestehen, könne jeder sofort anrufen. Eine zeitnahe Untersuchung werde in diesem Fall oder bei einer anderen, akuten Erkrankung selbstverständlich gewährleistet. Dr. Beier betont, dass in seiner Praxis derzeit nur etwa drei Patienten gleichzeitig anwesend seien. Die wegen Covid-19 eingeführte Terminvergabe mit so wenig als möglich Leute in der Praxis bezeichnet er als eine gute Lösung. Dies werde er lange beibehalten, sagt er.

"Keine Frau muss Angst haben"

Dass es in seiner Praxis über kurz oder lang wieder enger wird wegen größerem Patientenandrang, steht für ihn außer Frage. "Es fehlen in Landkreis inzwischen bereits sieben Allgemeinärzte", bringt er den Ärztemangel ins Spiel, der sich nach Corona nicht in Luft auflösen wird. "Keine Frau muss Angst haben", macht Dr. Thomas Bäumler seinen Patientinnen Mut. Zu dem Frauenarzt aus Neustadt/WN kommen viele Patientinnen auch aus dem Landkreis Tirschenreuth. Er erzählt, dass sich werdende Mütter vor allem wegen einer Infektion ihrer ungeborenen Babys große Sorgen machen. Diese Sorge sei unbegründet, sagt Bäumler. Der Frauenarzt hat auf "Bestellpraxis" umgestellt, was wesentlich weniger Besucherverkehr von sich aus verursacht.

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Weniger Andrang herrscht bei ihm auch aus dem Umstand, dass er werdende Väter und Großmütter, Freundinnen sowie Kinder aus der Praxis verbannt hat. "Erlebnis-Schwangerschaft" beim Ultraschall gebe es aus Schutzgründen für die Schwangeren nicht mehr. Schwangere seien aber nicht gefährdet und könnten gefahrlos wirklich weiterhin kommen. Die schwangeren Frauen sollten die Vorsorgeuntersuchungen wirklich einhalten, betont Bäumler. Der eine Fall einer jungen Mutter, die an Corona nach der Geburt starb, sei eine große Ausnahme. Viel mehr sorgt sich Dr. Bäumler um Frauen mit Brustkrebs, auch wegen der Chemotherapie. "Diesen Frauen sind Risikopatientinnen, müssen aber weiterhin eine gute ärztliche Versorgung bekommen." Deshalb achtet auch das Team sehr auf Sicherheitsvorkehrungen.

Auswirkung auf Familienplanung

Ob die Corona-Krise langfristig im Frauenarztbereich ein Thema bleibt, darüber will Dr. Bäumler keine Prognosen wagen. Er kann sich eine Auswirkung auf die Familienplanung mit weniger Babys im nächsten Jahr durchaus vorstellen. Das müsse man abwarten, denn es sei verständlich, sagt Bäumler und fügt an: "Aber das Leben muss weitergehen."

Bei Zahnarzt Dr. Maximilian Fraas in Wiesau sind momentan einige Arzthelferinnen im Mutterschutz. Und das sei gut so, meint Zahnarzthelferin Barbara Spörrer im Hinblick auf den großen Patienteneinbruch. "Vor einem halben Jahr sind wir beinahe verzweifelt." Jetzt habe sich die Personalfrage wegen der Kolleginnen im Mutterschutz Gott sei Dank erst einmal von selbst geregelt.

Nur schnell den Stempel

"Bei uns sind deutlich weniger Patienten", erklärt Spörrer zur aktuellen Lage. Wahrscheinlich sei dies in nahezu allen Praxen dasselbe, vermutet die Arzthelferin. Natürlich habe man Verständnis, wenn vor allem die älteren Leute nicht mehr kommen. Andere würden sich nur schnell ihren Bonusstempel holen.

Auf Zahnsteinentfernung und Prophylaxe werde verzichtet, erzählt sie aus dem wegen Corona veränderten Praxisalltag. "Das wird wieder besser", macht Barbara Spörrer sich und den Kollegen in anderen Arztpraxen Hoffnung. Wenigstens habe man sich bisher einigermaßen über Wasser halten können.

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