03.02.2019 - 18:05 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Schnee kann Hugos Helfer nicht stoppen

Überwältigende Hilfsbereitschaft für den an Leukämie erkrankten Hugo: Am Sonntag lassen sich in Tirschenreuth 2000 Bürger für den kleinen Buben typisieren.

von Ulla Britta BaumerProfil

Sonntagmorgen um 11 Uhr: Der Aldi-Parkplatz ist zugeparkt, unzählig anrollende Autos müssen auf Ausweichparkplätze. Vor dem Kettelerhaus regeln Feuerwehrleute den Verkehr, am Eingang bildet sich eine lange Schlange: Bürger aus dem gesamten Landkreis und darüber hinaus wollen sich für den fünfjährigen Hugo typisieren lassen. Es herrscht eine Hoffnungsstimmung unter den Anwesenden.

Iris Fennerl, Präsidentin der Faschingsgesellschaft Tursiana Tirschenreuth, hat die Oberleitung. „Aber hier machen alle alles gemeinsam“, betont sie. Mitglieder der Feuerwehr, des Städtischen Kindergartens, der Stiftlandgrillern, aus der Tursiana und des ATSV sind vor Ort. Unter Federführung der DKMS übernehmen sie die Typisierung, kümmern sich um einen geregelten Ablauf, teilen Essen aus.

Die Aktion funktioniert inzwischen relativ einfach und kann auch von Laien bedient werden: Musste früher Blut abgenommen werden, reichen nun drei Wattestäbchen für DNA-Proben aus. Julia Schneider (27) aus Waldsassen hat gerade ihr drittes Stäbchen in der Hand. Sie ist mit ihrer Familie hier, weil sie aus dem "Neuen Tag" von Hugos Schicksal erfahren hat. „Da muss man mitmachen“, erklärt sie überzeugt. Eine Ehrensache ist die Typisierung für alle Anwesenden, auch für Bürgermeister Franz Stahl, dessen Stellvertreter Peter Gold und stellvertretenden Landrat Alfred Scheidler.

100 Helfer, 200 Kuchen

„Ich dachte, da kommt heute keiner, weil’s so arg schneit“, ist Franz Stahl völlig überwältigt davon, dass die katastrophalen Straßenverhältnisse offensichtlich niemand vom Kommen abhalten konnten. Damit habe er niemals gerechnet, sagt er und strahlt: „Das ist die größte Hilfsaktion des Jahrhunderts. Zumindest habe ich in meiner Amtszeit nichts Großartigeres erlebt.“ Iris Fennerl ist nicht weniger glücklich über dieses Erlebnis. „100 Helfer sind vor Ort. Wir haben 200 Kuchen und Hunderte Essen vorbereitet“, berichtet sie. Auch DKMS-Aktionsbetreuerin Andrea Autenrieth aus Tübingen lobt Tirschenreuth sehr. Man sei auf ehrenamtliche Helfer angewiesen, erläutert sie. Und hier laufe es ausgesprochen gut, das sei nicht selbstverständlich.

Am Tag vor der Typisierungsaktion werben über 120 Lastwagenfahrer, Hugo zu helfen.

Liebenstein bei Plößberg

Marina Stich, Mitglied der Tursiana, ist eine der Helferinnen. Pausenlos teilt die 27-Jährige an die Stammzellenspender Wattestäbchen aus. Sie selbst lasse sich auch typisieren, verspricht sie. Überhaupt sind auffällig viele junge Familien hier. Sie haben Kinder im Alter von Hugo dabei. Mitarbeiterinnen des Städtischen Kindergartens spielen mit den Buben und Mädchen, damit sich die Eltern typisieren lassen können. Kindergartenleiterin Silvia Markowski erzählt, Hugo sei kürzlich vorbeigekommen. „Wir sind mit ihm in seine Gruppe gegangen. Und wir halten WhatsApp-Kontakt. Das haben wir ihm versprochen.“

Keine Worte

Oben auf der Bühne findet Vater Berthold Walbrunn kaum Worte vor Rührung über diesen Zuspruch. Franz Stahl legt seinen Arm um den arg gebeutelten Vater und fordert den ganzen Saal zum Applaus für Hugo auf. „Wir sind sicher, es findet sich ein Spender“, sagt der Bürgermeister, der sich überschwänglich bei den Helfern bedankt. Die Stadt hat eine Spende mitgebracht und auch der Lions-Club Tirschenreuth bringt Geld für die DKMS vorbei. „Schade, dass ich mich nicht mehr typisieren lassen kann“, bedauert Lions-Präsident Franz Göhl. Ähnlich ergeht es Franz Stahl und Peter Gold. Denn eine Typisierung ist nur bis zum Alter von 55 Jahren möglich.

Stellvertretender Landrat Alfred Scheidler ist jünger. „Ich werde heuer erst 55. Darf ich noch?“, fragt er. Er darf. Gegen Mittag zeigt eine erste Bilanz, was Zusammenhalt für eine gute Sache in einem Landkreis heißt: Um 12.30 Uhr sind es 500 Typisierungen, um 16 Uhr melden Iris Fennerl und Andrea Autenrieth sage und schreibe 2000 Stammzellenspender. Erschöpft von der Arbeit, aber glücklich über den Erfolg räumen die Helfer im Kettelerhaussaal wieder auf. Alle hoffen, dass Hugo wieder gesund wird.

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