17.08.2018 - 13:47 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Des Schneiders neue Kleider

Welcher Landkreis außer Tirschenreuth hat das schon. Ein Lodenjanker, der aus Teilen gemacht ist, die alle aus der Region kommen? Ob das feine Tuch, die Knöpfe oder das Fischleder, alles ist in der unmittelbaren Umgebung vorhanden.

Die Qual der Wahl. Weil der Landkreis-Lodenjanker viele Variationen zulässt, muss Monika Kunz lange überlegen, wie denn ihr Janker künftig aussehen soll.
von Norbert Grüner Kontakt Profil

Plößberg/Tirschenreuth.(tr) Landrat Wolfgang Lippert und die Kreisheimatpfleger sind die geistigen Schöpfer des Kleidungsstücks. Praktisch setzt es Tina Zeitler, Inhaberin der Schneiderei Kreuzer in Plößberg, um. Dabei ist das modisch funktionale "Jackett" keine Uniform, es sind zahlreiche Modifikationen, die der spätere Träger selbst bestimmt, möglich. Damit bleibt der Janker aus heimischem Mehler-Tuch quasi ein Einzelstück und zeigt trotzdem die Zugehörigkeit zum Landkreis. Individueller Patriotismus gewissermaßen.

"Blauwal" von Mehler

Der Janker besteht aus einem feinen Stoff, Farbe "Blauwal", von der Tuchfabrik Mehler in Tirschenreuth, die Knöpfe dafür fertigt die Knopffabrik Dill in Bärnau, das Futter kommt aus dem normalen Handel und das Fischleder aus Österreich.Die Kreisheimatpflegerin für Volksmusik, Monika Kunz, ist eine der Ersten, die sich einen Janker bestellt hat. Sie ist jetzt zur Anprobe da. Beim ersten Besuch ging es darum, Maß von ihr zu nehmen, denn jeder Janker wird individuell angepasst.

Es bedarf nur weniger Korrekturen im Zentimeterbereich und nach wenigen Minuten ist Tina Zeitler zufrieden mit ihrem Werk. Jetzt geht es eigentlich nur darum, dass Monika Kunz ihre Sonderwünsche formuliert. "Etwas figurbetonter und etwas kürzer, damit das Kleidungsstück sowohl zum Rock als auch zur Jeans passt", sagt sie. Für den Kragen und die Tascheneinläufe wünscht sie sich Fischleder-Applikationen - "aber dezent". Das Leder soll auf keinen Fall dominieren. Vielleicht lasse ich meinen Janker später einmal noch an anderen Stellen veredeln", denkt sie laut nach. Was überhaupt kein Problem wäre, erklärt Zeitler. Zehn Minuten später, als Kunz ihren Janker zu Rock und Jeans anprobiert hat, stellt sie fest: "Dou gfalla ma drin." Ein paar Tage trennen Monika Kunz jetzt noch von ihrem Landkreis-Lodenjanker. Beim nächsten Besuch in der Schneiderei Kreuzer kann sie ihn mitnehmen.

1885 gegründet

Die Schneiderei Kreuzer leitet Tina Zeitler in der vierten Generation. Noch immer mit in der Werkstatt der 40-Jährigen hilft Vater Rudolf Kreuzer. Dem sieht man seine 82 Lenze nicht an - Schneider sein, so scheint es, hält jung. Der Senior werkelt den ganzen Tag in der Schneiderei. "Ich bin da verwurzelt, habe mit 14 Jahren hier begonnen zu arbeiten, das ist mein Wohnzimmer", sagt er. Gegründet hat die Firma 1885 sein Großvater, Andreas Kreuzer.

Von Arbeit ins Krankenhaus

Der zweite Inhaber war dessen Sohn, der ebenfalls Andreas hieß. Der ist 90 Jahre alt geworden und hat 80 Jahre in der Schneiderei gearbeitet. "Mein Vater wurde direkt von der Nähmaschine ins Krankenhaus eingeliefert und kam nicht mehr nach Hause", sagt Rudolf Kreuzer. Die jetzige Inhaberin, Tochter Tina Zeitler, hat mit 16 Jahren in Sulzbach-Rosenberg ihre Lehre begonnen und im elterlichen Betrieb zu Ende gebracht, weil die Lehrfirma zwischenzeitlich den Betrieb eingestellt hatte. Den theoretischen Teil der Meisterprüfung hat sie mit Erfolg absolviert, der Praxisteil konnte bisher nicht stattfinden, weil einfach nicht mehr genug Leute da sind, um einen Kurs zu organisieren.

Die Schneiderei Kreuzer war immer ein reiner Familienbetrieb. Nur in früheren Zeiten wurde noch der eine oder andere Lehrling ausgebildet. Heute sind die meisten Kunden Vereinigungen, wie Musikkapellen oder Trachtenvereine. Auch historische Uniformen werden immer wieder nachgefragt. Dabei arbeitet Tina Zeitler eng mit der Tuchfabrik Mehler zusammen. "Das hat große Vorteile, ich rufe an einem Tag an, was ich brauche, am nächsten Tag kann ich es im Lager dort abholen."

Dirndl-Boom ungebremst

Der Dirndl-Boom, der immer noch ungebremst ist, hat uns gut getan", sagt Zeitler. Viele Kunden kommen auch, wenn sie von der Stange nichts bekommen oder was ganz Besonderes suchen, zum Beispiel für eine Hochzeit", verrät die Firmenchefin. "Freilich fertigen wir auch den klassischen Maßanzug. Aber das kommt heutzutage eher selten vor. Die von der Stange sind günstiger, auch nicht schlecht und es gibt immer mehr Zwischengrößen. Man muss zugeben, dass Konfektionsware ständig besser wird.

Wir sind eine der letzten Schneidereien in der Oberpfalz. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, sind wir durchaus gut im Geschäft. Viele Leute kommen auch wegen Änderungen zu uns. Dieser Trend hat in den vergangenen zehn Jahren stark zugenommen." Den Historienverein der Stadt Überlingen am Bodensee hat die Schneiderei ebenso schon ausgestattet wie die "Schwarzen Jäger" der Bürgerwehr Mannheim. Auch Trachten für Esslingen, verschiedene Oberpfälzer Vereine und eine Gruppe aus Neustadt/Hessen wurden in Plößberg schon angefertigt. "Die Gruppe aus Neustadt/Hessen ist einmal mit 40 Mann zur Anprobe angereist", erinnert sich Rudolf Kreuzer.

25 Landkreis-Lodenjanker

Gut 25 Leute waren bereits da und haben sich einen Landkreis-Lodenjanker anmessen lassen. In den einschlägigen Modehäusern der Region sind Mustermappen mit Fotos sowie Stoff- und Futterproben vorhanden, damit sich die Kunden ein erstes Bild machen können. Um einen Janker zu fertigen, benötigt Tina Zeitler etwa zehn Stunden.

Dirndl-Boom hat gut getan.

Tina Zeitler ist zufrieden mit ihrem Werk, das Monika Kunz an sich im Spiegel betrachtet.

Ohne Nähgarn ist der Schneider nichts.

Tina Zeitler und ihr Vater, Rudolf Kreuzer, sind die Schneiderei Kreuzer in Plößberg.

Die Knopfloch-Nähmaschine ist uralt. Sollte sie mal defekt sein - Reparatur unmöglich.

Die Knöpfe kommen meist aus Bärnau.

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