18.09.2019 - 16:20 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Schnüre gegen das Vergessen gebunden

Jedes Jahr ruft das Staatsministerium für Gesundheit und Pflege zur bayernweiten Demenzwoche auf. Damit sollen Hemmschwellen abgebaut werden. Und es soll über die Krankheit informiert werden.

Im Pflegeheim "Ziegelanger" wird an einem großen Tisch gemeinsam an Fühlschnüren und -zöpfen gebastelt.
von Ulla Britta BaumerProfil
Bei den Aktionen während der Demenzwochen in den Seniorenheimen werden die Senioren auch mit eingebunden. Dieser Heimbewohner im Haus "Mühlbühl" ertastet in einem sogenannten "Tast-Säckchen", das ihm die Gerontofachkraft Michaela Kinadeter in die Hand gibt, ein paar Nudeln.

Die Demenzwoche wird vom Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit und Pflege veranstaltet. "Damit soll die Krankheit mehr in die Öffentlichkeit gerückt werden. Und wir können Angehörigen zeigen, wie sie mit kleinen Dingen dem Gedächtnis ihrer Kranken ein wenig auf die Sprünge helfen können", sagt Jasmin Polster vom Seniorenheim "Ziegelanger".

In den Demenzwochen, die noch bis 22. September laufen, kann jedes Senioren- und Pflegeheim selbst entscheiden, was es machen möchte. Im Seniorenheim "Ziegelanger" wurde am Dienstag im Rahmen der Demenzwoche gebastelt. Jasmin Polster und Anneliese Dombrowsky, Betreuungsleiterin und Seniorenheimleiterin, hatten ihre Mitarbeiter sowie Interessierte eingeladen, Fühlschnüre und Fühlzöpfe zu basteln. Im Aufenthaltsbereich des Foyers, dem "Café am Maximiliansplatz", waren Pflegedienstkräfte, Angehörige von Heimbewohnern und Auszubildende mit Feuereifer bei der Sache. Auf dem Tisch lagen Stoffreste, Knöpfe und andere kleine Erinnerungsstücke für die Bewohner.

Jeder bastelte für einen ganz bestimmten Heimbewohner. Denn die Schnüre und Zöpfe müssen individuell bestückt werden. Bei einer demenzkranken Verkäuferin kommen andere Gegenstände in die Schnüre und Zöpfe als bei einer früheren Schneiderin. Die Schnüre und Zöpfe werden später den Betroffenen in die Hand gegeben, damit sie sich beim Tasten an frühere Tätigkeiten und Zeiten erinnern können. "Die Zöpfe sind für Bettlägerige bestimmt. Sie sind sehr weich und sollen keine Verletzungen verursachen können", erläuterten die Organisatorinnen.

Die Mitarbeiter im zweiten Tirschenreuther Seniorenheim "Mühlbühl" hatten sich für einen Parcours mit Riech- und Tastgegenständen entschieden. Hier nahmen einige Senioren an der Aktion teil. Lachend meint der Sohn von Heimbewohnerin Romana Spada, der gerade zu Besuch war, ob wohl hier gerade eine "Jointparty" stattfinde. Tatsächlich rocht es stark nach Kräutern aller Art, natürlich sehr angenehm. Die Pflegedienstkräfte zupften Kräuter und Blumenblätter und steckten sie in kleine Dosen. "Wer daran riecht, erinnert sich an die Rose oder an das Gewürz, mit dem er früher einst gekocht hat", erklärte Pflegedienstleiterin, Kerstin Mois. Ein Heimbewohner machte einen Tastversuch an einem Säckchen mit Nudeln. Er freute sich darüber, dass heute was los ist im Haus.

Angeboten wurden auch unterschiedliche Speisen mit typischen Geschmacksmerkmalen von sauer über salzig bis hin zu bitter und süß. Das Pflegeteam berichtete, dass derartige Aktionen mittlerweile zum normalen Alltag im Heim gehörten. Heute habe man wegen der Demenzwoche die Aktion etwas größer im Foyer aufgezogen. Im Plößberger Heim gab es am Mittwoch einen Vortrag über Demenz, auch für Interessierte aus der Bevölkerung.

So entsteht ein Fühlzopf. Auch Gegenstände aus den vier Jahreszeiten können eingeflochten werden.
Pflegedienstleiterin Jasmin Polster im Haus "Ziegelanger" zeigt, wie es geht: Fertig ist die Fühlschnur.
Im Haus "Mühlbühl" lassen Rosita Reichl, stellvertretende Pflegedienstleiterin (2 v. li.) und die Pflegedienstleiterin Kerstin Mois (re.) die beiden seniorinnen Romana Spada (li.) und Theresia Mark (2 v. re.) an Kräutern riechen.
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