Tirschenreuth
26.06.2018 - 14:13 Uhr

Schuhhaus Gienskey ist bald Geschichte

Mit der Aufgabe des Ladens nach fast 70 Jahren verabschiedet sich wieder ein Fachgeschäft aus dem Zentrum der Kreisstadt. Das Schuhgeschäft Gienskey schließt Ende des Monats für immer seine Pforten.

Jutta Hösl und Hannelore Schafferhans (von links) verkaufen die letzten Schuhe im Laden. tr
Jutta Hösl und Hannelore Schafferhans (von links) verkaufen die letzten Schuhe im Laden.

(tr) Wenn das Schuhhaus in der Vergangenheit geschlossen war, dann immer kurzfristig und stets vor dem Hintergrund, dass der Laden vergrößert oder verschönert wurde. Wenn Inhaberin Jutta Hösl und ihre Mitarbeiterinnen Hannelore Schafferhans und Christl Mandry am Abend des 30. Juni die Ladentür abschließen, ist das für immer.

Jutta Hösl hört nicht unbedingt mit großem Jubel auf. "Es steckt ja schließlich mein ganzes Leben im Geschäft. Die vergangenen 45 Jahre habe ich es selbstständig geleitet." Außerdem: "Was Schuhe betrifft, kann mir niemand etwas vormachen."

Im besten Rentenalter

Auch wenn der Laden während seiner 70-jährigen Existenz nicht immer am Marktplatz war, prägte er dort doch lange Zeit das Stadtbild mit. Jutta Hösl, die Tochter des Gründers Max Gienskey, begründet ihren Entschluss damit, dass sie mit 74 Jahren jetzt doch im besten Rentenalter sei. Vor zweieinhalb Jahren ist völlig unerwartet Tochter Mariella verstorben, die in Freiburg lebte und als Islamwissenschaftlerin arbeitete.

Sie hätte das Geschäft zwar nicht übernommen, aber immer beim Papierkram unterstützt. Ein Nachfolger für ein Geschäft dieser Größenordnung sei auch nicht mehr zu finden. Ständig neue Auflagen von staatlicher Seite, hätten den Entschluss letztendlich leicht gemacht. Die Geschichte des Traditionsladens beginnt mitten im Zweiten Weltkrieg. Firmengründer Max Gienskey wird bei der Schlacht um Stalingrad verwundet und ausgeflogen. Auf Umwegen landet der Berliner im Tirschenreuther Lazarett im Missionshaus St. Peter. Dort lernt er die Schreibkraft Annie Ullrich kennen. Am 26. Juli 1943 feiern die beiden Hochzeit. 1944 wird Tochter Jutta geboren. Am 15. November 1948 beginnen die Eheleute den Handel mit Schuhen. Geschäftsräume gibt es noch keine.

Die Schuhe werden in der Wohnung in der Parkstraße 475 (heute Franz-Heldmann-Straße 25), verkauft. Das "Schaufenster" ist ein auf Stelzen stehender Holzkasten vor dem Haus. Die erste Ware kommt von der Schuhfabrik Otto Tamm in Naila. Noch heute existiert die Originalrechnung vom 19. November 1948 über 344,35 D-Mark.

Wohnzimmergeschäft

Nach dem Krieg sind vor allem Pantoffel, Arbeitsschuhe und Gummistiefel gefragt. Der Firmengründer ist sommers wie winters auch mit dem Fahrrad unterwegs und bedient den Landkreis mit der begehrten Ware. Annie Gienskey betreibt währenddessen das "Wohnzimmergeschäft". Im Juli 1949 wird das erste Ladengeschäft in der Bahnhofstraße zwischen Eisen Bayreuther und dem Frisör Groß eröffnet.

Im Oktober 1950 erfolgt der Umzug auf den Marktplatz Nummer 8. Das Geschäft läuft von Anfang an gut. Auf den Märkten im Landkreis sind die Gienskeys fast immer mit einem Stand dabei. Das Fahrrad reicht jetzt nicht mehr für den Transport der Ware. Fuhrunternehmen transportieren sie von A nach B. Das geht so bis 1952. Im August 1955 folgt ein weiterer Umzug auf den unteren Marktplatz 29 in der Nachbarschaft zum damaligen Möbelhaus Gleißner.

Die Ladenfläche inklusive Büro und Lager ist jetzt mit 75 Quadratmetern deutlich größer. Werden bis dahin die Schuhlieferungen mit einem zweirädrigen Karren von der Post ins Geschäft erledigt, übernimmt ab 1964 ein VW-Käfer in Bahamablau diese Aufgabe. 4980 D-Mark investieren die Gienskeys in den Neuwagen. Das Geschäft läuft immer besser. Es werden eine Vollzeitverkäuferin und zwei Lehrlinge eingestellt. Mitte der 1970er Jahre übergibt Max Gienskey das Geschäft seiner Tochter Jutta. Er macht weiterhin die Buchführung, nach dem "Amerikanischen Journal". Alle Journale, fein säuberlich mit Feder und Tinte geschrieben, von 1949 bis zu seinem Tod 1991 sind erhalten.

Möbel von 1955

"Im Gegensatz zu heute war 1955 der Marktplatz das geschäftliche Zentrum in Tirschenreuth", erzählt Jutta Hösl. Es stehen noch Stühle der Firma Hugo Geiger, aus Steinheim-Murr in Württemberg, und anderes Mobiliar aus dieser Zeit im Geschäft. Damals wurde eine 5,6 Meter breite Markisenanlage über den Schaufenstern installiert, die 1104,60 D-Mark gekostet hat. Eine lohnende Investition, weil sie bis zum heutigen Tag ihren Zweck erfüllt.

1984 hat Jutta Hösl den Eingangsbereich und die Schaufensterfassade sowie den gesamten Ladenraum modernisiert. Die Eltern helfen zu der Zeit immer noch kräftig mit, wenn Not am Mann ist. Zehn Jahre später erfolgt eine umfassende Geschäftserweiterung. Als die Drogerie Schirmer, die direkt an das Schuhgeschäft angrenzte, schließt, wird die Wand, die beide Geschäfte trennte, abgebrochen und damit die Ladenfläche fast verdoppelt.

Das neue Geschäft wird am 21. November 1994 eingeweiht. Von da an gibt es zwei Eingänge, einer davon ist sogar barrierefrei. Der Ehemann von Jutta Hösl, Werner Hösl, war Schulleiter des Beruflichen Schulzentrums in Schwandorf. Aus dem Grund hatte er auch keine Zeit, seine Frau im Schuhgeschäft zu unterstützen. Erst als er nach seiner Pensionierung damit begann Bücher zu schreiben, nutzte er das Büro mit als Schreibstube.

Auch Jutta Hösl hat ein Faible für die schreibende Zunft und kann sich vorstellen, künftig selbst etwas beizutragen.. "Wir wollen mit unseren Schriften ein wenig zur Dokumentation der Heimatkunde beitragen." Aber in den Sommermonaten ist Jutta Hösls größtes Steckenpferd ihr großer Garten.

Vielleicht wird sie auch wieder mehr Klavier spielen, wenn sie jetzt mehr Zeit für sich hat. Die Hösls sind Liebhaber klassischer Musik und wollen künftig möglichst viele Konzerte besuchen. Neben dem reichhaltigen kulturellen Angebot in der Region, können auch Konzert- und Opernbesuche in anderen Städten das Ziel sein.



Mit der Geschäftsaufgabe endet nach fast 70 Jahren eine Ära im Tirschenreuther Einzelhandel. tr
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Jutta Hösl schwelgt in Erinnerungen. Ihr Vater und Firmengründer, Max Gienskey hat alle Geschäftsvorgänge akribisch aufgeschrieben. tr
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