14.06.2019 - 13:49 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Seeadler mit Ring in der Oberpfalz

See- und Fischadler waren im westlichen Teil Deutschlands ausgestorben. 2001 brütete wieder ein Paar auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr. Um das Leben der Vögel nachzuvollziehen, werden sie beringt und mit Kameras überwacht.

von Norbert Grüner Kontakt Profil

Es beginnt zu nieseln, als sich die Gruppe an diesem Maimorgen durch den dichten Wald Richtung Seeadlerhorst kämpft. Es ist schwülwarm und bewölkt. Ideales Wetter für Mücken, die jeden einzelnen der Gruppe flächendeckend umschwirren. Julia Bischof, Anwärterin am Forstbetrieb Waldsassen im Revier Falkenberg bei Förster Matthias Gibhardt, hat ausreichend Anti-Mückenspray im Gepäck und versorgt damit sich selbst und die restliche Gruppe, die aus lauter Männern besteht.

Eingespieltes Team

Diese Maßnahme hält die Plagegeister lange genug in Schach, bis alles erledigt ist. Beringungsspezialist Martin Gabriel und Paul Baumann, Koordinator des Artenhilfsprojekts Fisch- und Seeadler in der Oberpfalz, sind heute im Auftrag der höheren Naturschutzbehörde an der Regierung der Oberpfalz als Beringer dabei. Auch der neue Forstbetriebsleiter Norbert Zintl ist angereist, da er noch nie so eine derartige Aktion miterlebt hat.

Baumkletterer Manfred Härtl, der zusammen mit dem Falkenberger Revierförster und Fisch- und Seeadler-Betreuer seitens des Forstbetriebs Waldsassen, Matthias Gibhardt, seit Jahren zusammenarbeitet, sind, ein eingespieltes Team, wenn es darum geht, die notwendigen Arbeiten in schwindelnder Höhe zu erledigen. Nachdem Härtl sein Klettergeschirr angelegt hat und alle Sicherungsmaßnahmen erledigt sind, arbeitet er sich beinahe Eichhörnchen gleich hinauf unter den Horst, der in gut 30 Metern Höhe thront. Das Gebilde entpuppt sich als unerwartetes Hindernis, weil die Adlereltern hier fleißig weitergebaut haben und so klettertechnisch eine Art Überhang entstanden ist.

Deshalb dauert es geraume Zeit, bis Härtl eine Stelle findet, wo er hoch genug kommt, um ins Nest hineinschauen zu können. "Wie schaut es aus?", ruft Gibhardt seinem Kollegen vom Boden aus zu. "Der Jungvogel hat noch Daunenfedern, ist noch sehr klein", hallt die Antwort von oben zurück. "Mach' ein Foto und schick' es uns aufs Handy", ruft der Förster in Richtung Baumwipfel. Zwei Minuten später kommt das Bild an.

Noch zu jung

Die Experten sind sich einig: Der Vogel ist eindeutig zu jung für eine Beringung. Das wäre viel zu riskant, erklären Martin Gabriel und Paul Baumann. "Würden wir jetzt beringen, könnten die Ringe sonst wo hinrutschen, wo sie nicht hinsollen (etwa über das Ellenbogengelenk) oder verloren gehen oder den Vogel sogar verletzen ", erklären die Experten.

Also Kommando zurück und in etwa zwei bis drei Wochen noch einmal vorbeikommen. Vergeblich war die Aktion dennoch nicht. An einem gegenüberliegenden Baum bringt der Baumkletterer eine Wildkamera an, die jeden Tag Punkt 12 Uhr ein Bild aus dem Horst auf den Laptop von Matthias Gibhardt sendet. Damit sind jetzt alle bekannten See- und Fischadlerhorste im Bereich des Forstbetriebs Waldsassen mit solchen Kameras ausgestattet - 15 Stück insgesamt. Diese Art der Überwachung findet seit vergangenem Jahr statt, da stattete Gibhardt sechs Horste mit diesen praktischen Hilfsmitteln aus.

So manches Kuriosum kam dabei zum Vorschein. Nilgänse, die einem Adlerhorst einen Besuch abstatteten oder junge Mäusebussarde, die ein Seeadlerpaar offensichtlich als lebende Nahrung für den Nachwuchs im Horst hielt. Heuer hat sich sogar ein Stockentenpaar häuslich in einem Fischadlerhost eingerichtet und brütet in schwindelnder Höhe. Bleibt spannend, wie das ausgeht und wie die frisch geschlüpften Enten auf den Boden gelangen ohne Hals- und Beinbruch.

Gabriel und Baumann erklären, dass es in der Oberpfalz aktuell etwa 15 Seeadlerhorste, von denen sieben mit Jungvögeln besetzt sind, gibt. Seeadler ziehen in der Regel ein bis zwei Junge auf. Ein Märzsturm habe die Erfolgsbilanz in diesem Jahr ziemlich geschmälert. Zwei Horste seien abgestürzt, zwei Paare hätten erst gar nicht gebrütet. "Alles in allem eher eine schlechte Bilanz." Nicht jeder Seeadlernachwuchs wird grundsätzlich beringt. Seeadler nehmen im Gegensatz zu Fischadlern, keine vorbereiteten Nistplattformen an. Die Altvögel bauen ihre Nester selbst, sehr heimlich und sehr versteckt im Wald. Wird ein neuer Horst entdeckt, werden die Jungvögel erst einmal nicht beringt. Das sei immer Abwägungssache und werde stets mit der Regierung abgesprochen.

Zwei Wochen später

Gut zwei Wochen später sind die Beringer wieder auf dem Weg zum Horst. Diesmal mit dem Wissen, dass der Jungvogel nun groß genug und wohlauf ist. Die Kamera, die Manfred Köstler das letzte Mal am gegenüberliegenden Baum installiert hat, sendete seither jeden Tag ein Bild in die Falkenberger Forstdienststelle. Das einzige, was sich wieder als einigermaßen schwierig erweist, ist der Überhang am Horst.

Da bei jeder Beringung die Sicherheit der Kletterer oberste Priorität hat, steigt diesmal zur Unterstützung auch Matthias Gibhardt mit auf den gut 30 Meter hohen Baum. Mit vereinten Kräften bringen die Kletterer den Jungvogel per Transportsack sicher auf den Boden. Während sie oben in der sengenden Sonne warten, geht unten alles recht schnell und professionell über die Bühne.

Zwei Ringe

Vinzenz Gibhardt, Sohn des Falkenberger Revierleiters, nimmt die wertvolle Fracht in Empfang und Martin Gabriel holt den Vogel aus dem Sack und hält ihn fest, während ihn Paul Baumann mit zwei Ringen, an jedem Fuß einen, schmückt. Der eine Ring stammt von der Vogelschutzwarte Radolfzell, der andere von der Vogelschutzwarte Hiddensee. Damit ist das Tier künftig zweifelsfrei identifizierbar.

Nach dieser Prozedur, die der junge Adler fast stoisch über sich ergehen lässt, kommt er rücklings in eine große Schüssel, die auf einer digitalen Präzisionswaage platziert ist. 4190 Gramm wiegt der etwa fünfeinhalb Wochen alte Seeadler zu dem Zeitpunkt.Gabriel überprüft Augen und Schnabel und schaut nach, ob der Kropf des Vogels leer ist. "Alles in Ordnung", befindet der Biologe, bevor er das Junge wieder im Transportsack verstaut. Der wird wieder am Seil befestigt und von den Kletterern nach oben gezogen und der Vogel wieder behutsam in den Horst gesetzt.

Ein paar Minuten später haben auch die Kletterer wieder festen Boden unter den Füßen. Jeder der Beteiligten packt seine Siebensachen zusammen und verlässt schnell den Ort des Geschehens. Während der ganzen Zeit kreisten die Altvögel über dem Nest, ohne zu erahnen, was da mit ihrem Nachwuchs passiert ist.

Etwa 50 Helfer

Bei der zweiten Aktion ist auch Horst Schmid, Leiter des Bereichs fünf, Umweltschutz, Gesundheit und Verbraucherschutz an der Regierung der Oberpfalz, zusammen mit seinem Biologen Wolfgang Nerb in die Region Tirschenreuth angereist. Horst Schmid erklärt, dass die Bezirksregierung als höhere Naturschutzbehörde das Artenschutzhilfsprogramm für den Fisch- und Seeadler betreut.

"Dabei arbeitet man sehr eng mit einem Netzwerk, das aus etwa 50 Personen besteht, die sich intensiv um die Sache bemühen, zusammen. Unter anderem sind die Bayerischen Staatsforsten mit involviert, die in der Region auch die Baumbesteigungen erledigt." Wolfgang Nerb erklärt, dass der Jungvogel noch etwa zwei bis drei Wochen im Horst von den Eltern aufgepeppelt wird. "Im Alter von etwa zwei Monaten wird er erstmals den Horst verlassen und dann noch mehrere Wochen und Monate in der Umgebung bleiben und gefüttert werden und hoffentlich in eine gute Oberpfälzer Seeadlerzukunft starten."

Hintergrund:

Geschichte der oberpfälzer Seeadler

Der Seeadler galt in Bayern schon lange als ausgestorben, bis 2001 in Grafenwöhr ein Brutpaar entdeckt wurde. Laut Wolfgang Nerb von der höheren Naturschutzbehörde an der Regierung der Oberpfalz, verantwortlicher Koordinator für die Oberpfälzer Adlerprojekte, habe man im Regierungsbezirk aktuell Kenntnis von 15 Revierpaaren der Seeadler, davon seien 10 genaue Horststandorte bekannt. In dieser Saison wurden neun Jungvögel beringt, die wohl in den kommenden drei Wochen ihre ersten Flugversuche starten werden. Nerb spricht von einem durchschnittliches Ergebnis.

Verluste, beispielsweise durch Wetterextreme wie Gewitterstürme, forderten jedes Jahr ihren Tribut, seien aber in der Natur „einkalkuliert“. Insgesamt erkennt Nerb einen leichten Aufwärtstrend, „das sieht alles nicht schlecht aus“. Seeadler seien sehr heimlich, wenn sie einen Brutplatz suchten. Die Elterntiere wählten Ecken aus, wo man nur sehr schwer hinkomme, oft in dichten Waldbeständen. Dort im Verborgenen bauen sie dann ihre Riesenhorste in die Wipfel von hohen Bäumen. Im Stiftland seien zwei sichere Standorte bekannt. Die Behörde werde bei ihren Bemühungen durch viele Horstbetreuer aus forstlichen wie auch ehrenamtlichen Naturschutzkreisen tatkräftig unterstützt. (tr)

Bald wird er hoffentlich in eine gute Seeadlerzukunft in der Oberpfalz starten.

Biologe Wolfgang Nerb

Biologe Wolfgang Nerb

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