18.04.2019 - 15:51 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Die Tirschenreuther Passion moderat modernisiert

Johannes Reitmeier, Intendant des Landestheaters Tirol in Innsbruck hat 1997 die Tirschenreuther Passion geschrieben und uraufgeführt. Im kommenden Jahr ist die Kreisstadt Europassions-Stadt. Für die sechste Staffel hat er modernisiert.

Der Autor der Tirschenreuther Passion, Johannes Reitmeier.
von Norbert Grüner Kontakt Profil

Der Autor und Regisseur der Tirschenreuther Passion, Johannes Reitmeier hat immer gesagt, "wenn die Europassion nach Tirschenreuth kommt, bin ich mit im Boot". 2020 ist es so weit und der Kapitän hat dafür seine Passion modernisiert. Wie erklärt er im Interview mit Oberpfalz-Medien.

ONETZ: Herr Reitmeier, die Verantwortlichen bei der Stadt haben sich für die sechste Auflage eine modernere Version gewünscht. Wie sind Sie an Änderungen herangegangen?

Reitmeier: Seit einem Jahr befasse ich mich mit der Frage, wie unsere Passion moderat „modernisiert“, an veränderte Sichtweisen angepasst und mit neuen Aspekten, Schwerpunktsetzungen innerhalb des bekannten biblischen Geschehens bereichert werden könnte. Gerade anlässlich der Europassion in Tirschenreuth will man ja die Chance nutzen, sich einerseits neu aufzustellen, andererseits aber bewusst die Alleinstellungsmerkmale der hiesigen Aufführung heraus zu stellen. Im Vergleich zu vielen bekannten Passionsspielorten hat Tirschenreuth ja eine eher junge Geschichte, die Tradition reicht nicht ins Mittelalter oder in die Barockzeit zurück.
Deshalb müssen wir uns nicht verstecken, aber - unter Betonung unserer Individualität - behaupten.

ONETZ: Wie wurde die Tirschenreuther Passion zu dem, was sie zuletzt war?

Reitmeier: Uns war von Anfang an klar, dass wir mit unseren Möglichkeiten vor Ort nicht in Konkurrenz treten wollen mit Großunternehmen wie Erl oder Oberammergau, die mit best ausgestatteten, riesig dimensionierten Bühnen aufwarten. Dort wird mit ungeheurem Aufwand großes Kino veranstaltet - das ist beeindruckend und hoch professionell gemacht, aber in dieser Form eben nichts für uns. Uns fehlen auch historische Spielstätten wie Festspielhäuser, große Kathedralen oder klösterliche Anlagen als spektakuläre Schauplätze. So müssen wir in einem intimen Rahmen mit alternativen Qualitäten punkten. Die Überwältigungs-Strategie können wir nicht fahren. Stattdessen spielen andere Kriterien eine Rolle. Die Alleinstellungsmerkmale der Tirschenreuther Version sind ihre Form als stille, kontemplative Andachts-Passion, Konzentration und Reduziertheit jenseits von Ausstattungs-Prunk und der Einsatz eines kleinen, engagieren Ensembles. Filmische Szenarien werden bewusst vermieden.

ONETZ: Worin liegt die authentische Kraft der Tirschenreuther Passion?

Ich bin der festen Überzeugung, dass der bewusste Einsatz des heimischen Dialekts die Authentizität der Darstellung massiv unterstützt und gleichzeitig zu einer regionalen Verortung mit einem hohen Grad an Identifikation beiträgt. Ich finde das angesichts einer globalisierten Welt durchaus bedeutsam und legitim. Die Tirschenreuther Passion in Oberpfälzer Mundart widersetzt sich jeder Austauschbarkeit. Ihre Szenenfolge, die mit beinahe holzschnittartigen Miniaturen einem Kreuzweg oder Stationen-Drama nicht unähnlich ist, wird eingebettet in eine strenge Erzählstruktur. Die vier Evangelisten sind als verbindendes Element ständig präsent. Auch das ist eine hiesige Besonderheit. Übrigens werden so durchaus auch die Unterschiede zwischen den einzelnen Evangelien evident. Es ist sehr spannend festzustellen, welchem der Autoren welcher Aspekt der Geschichte wichtig ist. Da gibt es sehr divergierende Sichtweisen.

ONETZ: Woher diese Erkenntnisse?

Ich habe seit Monaten eine Menge Literatur zum Thema Passion geradezu verschlungen und dabei einiges dazu gelernt. Die Forschung vertritt ja zwischenzeitlich völlig andere Standpunkte als noch vor Jahren. Man muss sich nicht jede Spekulation zu Eigen machen. Aber etliche Überlegungen sind doch sehr hilfreich.

ONETZ: Bleibt der Dialekt?

Wie gesagt, der Dialekt ist in meinen Augen eine wichtige und ernst zu nehmende Ausdrucksform und er wird bleiben. Der Tirschenreuther Passion den Dialekt zu entziehen, heißt, ihr die Seele nehmen. Natürlich ist es für einige Besucher eine Herausforderung, sich auf dieses Abenteuer einzulassen. Aber ein Hindernis sollte das für niemanden sein. Die Geschichte ist ja schließlich bekannt. Immerhin werden aber die Evangelisten, die ja die hauptsächlichen Informationen vermitteln, in Schriftdeutsch sprechen. Das ist neu.

ONETZ: Was hat zentrale Bedeutung in Ihrer neuen Version?

Da muss ich etwas ausholen. Liest man das neue Testament richtig, so erfährt man, dass Jesus keineswegs nur von einer auserwählten Schar von zwölf Aposteln begleitet wurde, sondern viele Jünger und Anhänger hatte. Vor allem aber befanden sich darunter zahlreiche - namentlich genannte - Frauen, die ihn ideell und finanziell unterstützten. Sie zählten zu den treusten Begleitern Jesu und verließen ihn offensichtlich auch nicht, als die Jünger in der Nacht der Gefangennahme flohen. Noch auf dem Weg nach Golgatha begleiten sie ihn. Und beim Tod am Kreuz sind sie ihrem Meister nahe. Diesen Jüngerinnen will ich deutlich größeren Raum im Text einräumen.

ONETZ: Gibt es mehr solcher Beispiele?

Ja, Josef von Arimathäa und Nikodemus tauchen bei mir bis dato erst am Ende der Passion auf. Als Mitglieder des Hohen Rates werden sie jetzt viel früher präsent sein und als Verteidiger Jesu auftreten. Das sorgt in den Szenen, die im Sanhedrin spielen, für mehr Dynamik, Kontroverse und Dramatik. Außerdem führt es etwas weg von einer zu einseitigen Schwarz-Weiß-Zeichnung. Da war auch ich als Autor im Urtext der Passion leider ein wenig unbedarft und habe das Oberste Gericht der Juden zu bereitwillig in die Rolle der Bösen gedrängt.

ONETZ: Auch die Rolle des Judas Iskariot soll eine ganz andere werden?

Das ist tatsächlich eine der markantesten Veränderungen im Stück.
Die Rolle des Judas Iskariot bedarf auf jeden Fall heute einer Neubewertung.
Ihn als simplen Verräter abzustempeln oder gar der Versuch, das personifizierte Böse auf diese Figur projizieren zu wollen, dürfte endgültig der Vergangenheit angehören. Es scheint vielmehr, dass Judas eine sehr enge, sehr persönliche Beziehung zu Jesus gehabt haben könnte. In jedem Fall deutet auch seine herausgehobene Stellung als Verwalter der gemeinsamen Kasse auf ein vertrauensvolles Verhältnis hin. Möglicherweise muss man davon ausgehen, dass er den Heilsplan seines Meisters in seiner Notwendigkeit eher erkannte als die anderen Jünger und sich bewusst zum Werkzeug seiner Vollendung machte. Natürlich bleibt Manches in dieser Hinsicht Theorie, aber Anderes stützt wiederum auf diese These.
In jedem Fall war Judas wohl ein komplexer Charakter mit durchaus tragischen Zügen. Das müssen wir so zeigen.

ONETZ: Was erwartet den Zuschauer noch?

Alle haben etwas mehr Text bekommen, weil Geschichte aus mehreren Blickwinkeln erzählt wird. Es gibt Szenen, die wichtiger geworden sind, als sie vorher waren. Der Judastext ist tatsächlich auf das Drei- bis Fünffache gewachsen.

ONETZ: Haben sie die Form der Passion verändert?

Nein, die generelle Form der Passion habe ich nicht angetastet. Sie orientiert sich nach wie vor an barocken Vorbildern und gestaltet sich als Dialog von Evangelisten-Text, originalen Bibel-Zitaten, reflektierenden Ensembles und sogenannten Arien in gereimter, poetisch gefasster Form und Choral-Zeilen.

ONETZ: Wenn die Form bleibt, wie sieht es mit der Inszenierung aus?

In jedem Fall wird die Passion eine neue Inszenierung bekommen, die mein Intendantenkollege Stefan Tilch und ich gemeinsam erarbeiten werden. Bühnenbild, Kostüme und Beleuchtung werden passgenau darauf zugeschnitten. Optisch erwartet die Zuschauer also durchaus eine Veränderung. Deutliche Verbesserungen für die Zuschauer werden der Aufbau einer ansteigenden Tribüne und die neue Tonanlage bringen.

Der Dialekt ist in meinen Augen eine wichtige und ernst zu nehmende Ausdrucksform und er wird bleiben. Der Tirschenreuther Passion den Dialekt zu entziehen, heißt, ihr die Seele nehmen.

Johannes Reitmeier

Zur Person:

Johannes Reitmeier wurde 1962 in Kötzting geboren. Der Autor, Regisseur und Intendant studierte an der Ludwig-Maximilians-Universität in München Kunstgeschichte und Bayerische Literaturwissenschaft. Er war dort zwei Jahre Volontär in der Pressestelle der Bayerischen Staatsoper und Lehrbeauftragter für Operndarstellung an der Hochschule für Musik und Theater. Danach arbeitete er als freiberuflicher Regisseur mit Inszenierungen an den verschiedensten Häusern. Mit den Tirschenreuther Laienschauspielern wird 1997 die Tirschenreuther Mundart-Passion, die aus seiner Feder stammt und für deren Inszenierung er verantwortlich ist, uraufgeführt. Aus diesem Zeitraum stammt auch die Geschichte von Winsheims Tod. 2014 erschien der Oberpfälzer Jedermann. Von 1996 bis 2002 war er Intendant des Südostbayerischen Städtetheaters. Anschließend übernahm er die Intendanz des Pfalztheaters Kaiserslautern. Von 2006 bis 2008 war er zusätzlich Intendant der Kreuzgangspiele Feuchtwangen und wirkte als Gastregisseur in anderen Häusern. Mit der Spielzeit 2012/2013 wechselte er als Nachfolger von Kammersängerin Brigitte Fassbaender als Intendant an das Tiroler Landestheater Innsbruck. Als Autor überarbeitete er zusammen mit Thomas Stammberger 1995 das Theaterstück für die Agnes-Bernauer-Festspiele in Straubing. 2011 schrieb er ein neues. 2003 erstellte er, ebenfalls mit Thomas Stammberger, für die Festspielgemeinschaft Kötzting eine Mundart-Bearbeitung des Faust. Aus dem Jahr 2000 stammt sein Musical Nostradamus (zusammen mit Roger Boggasch). Für die 975-Jahr-Feier der Stadt Amberg im Jahr 2009 schuf er das historische Stadtschauspiel „Amberger Welttheater − Der Herbst des Winterkönigs“, das vor der Wallfahrtskirche Maria Hilf als Freilichtaufführung gegeben wurde und im Mai 2014 erneut aufgeführt wurde.

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