21.11.2019 - 15:44 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Totentanz gestern und heute

Der erstaunlich kreative Umgang mit dem Tod steht im Mittelpunkt einer neuen Reihe der Volkshochschule. Dabei spielt natürlich auch der Wondreber Totentanz eine Rolle.

Friedrich Wölfl beschäftigt sich in einer neuen Volkshochschul-Reihe mit dem Thema Totentanz.
von Externer BeitragProfil

„Seit jeher setzen sich die Menschen mit ihrer eigenen Endlichkeit auseinander. Der Umgang mit dem Tod ist wohl eine der stärksten Antriebskräfte für Religionen, Alltagskultur, Medizin, Philosophie, Volksglauben und Wissenschaften. Vor allem in den Künsten hat das Thema über Jahrhunderte hinweg unglaubliche, kreative Kräfte freigesetzt. Das will unsere kleine Reihe zeigen.“ So startete Referent Friedrich Wölfl die vhs-Reihe zu Totentänzen in Bayern und der Schweiz. Selten gesehen werde das Totentanzmotiv als gesamteuropäisches Kulturgut. Dabei gebe es von Istrien bis Dänemark und von Spanien bis Polen über 400 Darstellungen, viele davon im süddeutsch-alemannischen Raum.

Ausgehend von den im Stiftland gut bekannten Deckenkassetten in der Wondreber Friedhofskapelle leitete der Referent zu bekannten Darstellungen in Bern, Basel und Luzern über. Pest, Kriege und Hungersnöte im Mittelalter waren die Hauptgründe für ein Bewusstsein vom Ausgeliefertsein an den Tod. Impulse gaben ebenso der christliche Glaube an Auferstehung und Jüngstes Gericht sowie der Volksglaube an die „Allerseelen“. Dabei sollte der „Memento Mori“-Gedanke jeden Menschen in jeder Sekunde auf den plötzlichen Tod vorbereiten. Nur dann könne er der ewigen Verdammnis entgehen.

Anfänglich bestimmten großflächige Reigentänze das Bild auf Kirchen- und Friedhofs-mauern. Es waren Orte, an denen jeder ständig vorbeikam und so diese bildliche Bußpredigt täglich aufnahm. Wegen neuer Drucktechniken gegen Ende des Mittelalters überwogen bald kleinere Formate, wie die aus Wondreb bekannten Paardarstellungen. Der Tod drängte die Lebenden mitzukommen, sie versuchten sich mit Worten oder Gesten zu weigern. Später umfasste der Begriff Totentanz jede Begegnung eines Menschen mit dem Tod. Belegen konnte der Referent dies mit einer Vielzahl von Malereien, Cartoons, Gedichten, tänzerischen Darbietungen, Kupferstichen, Comic-Strips oder Mosaiken.

Gemeinsam ist vielen traditionellen Totentänzen die „Stände-Revue“, auch wenn sie in Wondreb vor allem an den geistlichen und weltlichen Ständen erkennbar wird. In den reichen Kaufmannsstädten der Schweiz bezog diese Revue Papst wie König, Juristen wie Handwerker, Bettler wie Dirnen ein. Die Funktion ging dann über das „Memento mori“-Motiv hinaus, sie diente auch der Selbstinszenierung reicher Kaufmannsfamilien oder der Kirchenkritik.

Bei einem anderen Motiv fielen die häufig tröstenden Signale in den Bildern auf. „Kann noch nicht geh´n und muß schon tanzen“ heißt es zwar öfter in den Texten zu „Tod und Kind“, aber auch „Schlafe süß, du erwachst im Paradies.“ Das Motiv wurde aufgegriffen in berührenden Zeichnungen in einem Kinderbuch: Sie zeigen, wie behutsam sich der Tod mit einer Ente anfreundet und sie zärtlich in den Tod begleitet. Sicher eine Möglichkeit, Kinder sorgsam an den Gedanken der Endlichkeit heranzuführen.

Einer der zahlreichen Besucher zeigte sich überrascht: Vielfalt und Ideenreichtum der künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten und der oft selbstverständliche, mitunter auch freundlich-friedvolle Umgang zwischen Tod und Lebenden werde beim ihm sicher zu einem gelasseneren Umgang mit dem Thema beitragen.

Neben den Erläuterungen dazu aus dem religiösen Brauchtum bekamen die Teilnehmer auch Oberpfälzer „Spitzla“ und Graubündner „Totenbeinli“ mit. Auf Zustimmung traf die Idee, im Frühsommer bei einer Tagesfahrt die Totentänze in Wondreb, Roding, Haselbach und Straubing zu vergleichen. Die Reihe wird fortgesetzt am Freitag, 17. Januar 2020, um 18.30 Uhr. Dann werden Musik, Film und bildende Kunst einen Schwerpunkt bilden. Nachgehen will Friedrich Wölfl auch der Frage, wie das Motiv mit der Vorstellung „vonara schöina Leich“ zusammenhängt.

Zweimal Papst: Während der Wondreber Totentanz um 1720 deutlich auf der Würde und ewigen Macht der Geistlichkeit beharrt, nimmt 200 Jahre früher der Tod in Bern dem Papst keck und respektlos eines der Machtinsignien, die Tiara, vom Kopf. Die Unterschiede sind begründet in den lokalen und religionsgeschichtlichen Besonderheiten, so auch in den Umständen während der Reformation und der Gegenreformation.
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