15.09.2020 - 17:30 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Überlebenskampf an Teichen: Landkreis Tirschenreuth installiert nun Kameras

Die Sorgen und Nöte der Oberpfälzer Teichwirte nehmen weiter zu. Vielerorts gibt es mittlerweile eine existenzbedrohliche Situation. Bei einem Krisengipfel im Landratsamt wurden Gegenmaßnahmen besprochen.

Das große Abfischen läuft. Doch vielerorts fehlen in den Teichen jede Menge Fische. Das kann nach Meinung der Teichwirte so nicht weitergehen.
von Externer BeitragProfil

Bei einem Krisengipfel im Landratsamt ging es um die Teichwirtschaft. Der Bärnauer Teichwirt Alfred Stier erklärte, dass er drei Teichanlagen im Landkreis Tirschenreuth wegen der Fischotterproblematik bereits aufgegeben habe: "Für die Teichwirte ist die Lage mehr als existenzbedrohend, für einige macht der Erhalt der Teichanlagen, auch trotz der bereitgestellten finanziellen Entschädigungen, keinen Sinn mehr", schimpfte der stellvertretende Präsident des Landesfischereiverbands.

Die ersten Schritte, um die Situation der Teichwirte zu verbessern, sind, wie die Regierung in einer Pressemitteilung schreibt, zwar längst gemacht, aber das Ergebnis lasse zu wünschen übrig. Damit gemeint ist der Landtagsbeschluss zur Eindämmung fischereiwirtschaftlicher Schäden vom April 2018, bei dem ein Pilotprojekt zur Entnahme einzelner Fischotter zum Schutz der Teichwirtschaft beschlossen worden ist. Die Regierung der Oberpfalz hat als zuständige Behörde auch artenschutzrechtliche Ausnahmegenehmigungen erteilt. Doch Bund Naturschutz und die Aktion Fischotterschutz e.V. haben im April bzw. Juni 2020 beim Verwaltungsgericht Regensburg dagegen Klage eingereicht. Mit der aufschiebenden Wirkung der Klagen ist eine weitere Umsetzung des Pilotprojekts bis zum Urteil des Gerichts nicht möglich.

Landkreisweite Überwachung

Beim 6. Runden Tisch zum Thema Teichwirtschaft, der auf Initiative von Regierungspräsident Axel Bartelt und Landrat Roland Grillmeier im Großen Sitzungssaal des Landratsamts stattfand, wurde diskutiert, wie man die verfahrene Situation trotzdem verbessern könne. Ein Ergebnis war, dass begleitend zum Kamera-Monitoring, welches die Landesanstalt für Landwirtschaft im Rahmen des Pilotprojekts an drei ausgewählten Teichanlagen seit diesem Sommer durchführt, der Landkreis Tirschenreuth landkreisweit Teichanlagen mit Kameras überwachen lassen will. Ziel ist neben der Beobachtung der weiteren Entwicklung der Fischotterverbreitung ein genereller Überblick über alle Tierarten, die sich an und in den Teichen tummeln.

Neben dem Fischotter breiten sich nach Beobachtung von Jägern und Teichwirten insbesondere Mink, Marderhund und Waschbär zunehmend aus, was sich negativ auf Amphibien und die Vogelwelt auswirke, schreibt die Regierung in einer Pressemitteilung. Die Teilnehmer am Runden Tisches begrüßten dieses Vorhaben des Landkreises ausdrücklich. Landrat Roland Grillmeier führte dazu aus: "Wir sind bereit zu handeln und einen Beitrag zu leisten, das Monitoring voranzubringen, aber es müssen auch die Fachstellen und das Ministerium handeln."

Eine, wie der Runde Tisch feststellte, für die Oberpfälzer Teichwirtschaft und deren Fischbestände vorsichtig positive Entwicklung verzeichnet sich beim Kormoran-Management, in dessen Rahmen unter Beachtung bestimmter Voraussetzungen der Abschuss von Kormoranen unter anderem per Allgemeinverfügung der Regierung bereits seit 2010 möglich ist. 2018 wurde die Geltungsdauer der Allgemeinverfügung, die insbesondere auch die Neugründung von Brutkolonien verhindern soll, bis 2027 verlängert. Starke Einschränkungen für den Abschuss bestehen davon abgesehen jedoch in Vogelschutzgebieten wie der Waldnaabaue westlich von Tirschenreuth. Wie in der Waldnaabaue im Hinblick auf das ökologische Gleichgewicht, insbesondere in Bezug auf invasive Arten wie Mink oder Waschbär, gehandelt werden könne, soll - so der Beschluss des Runden Tisches - bei einem Ortstermins erörtert werden, zu dem auch die Naturschutzverbände eingeladen werden.

Regierungspräsident Axel Bartelt dankte den Teilnehmern für das gute, fast dreistündige Gespräch: "Die Teichwirtschaft ist ein Herzstück der nördlichen Oberpfalz, die die Region seit Jahrhunderten geprägt hat und die für den Freistaat Bayern insgesamt als Kulturgut unverzichtbar ist. Ich werde mich auch künftig mit aller Kraft für deren Erhalt einsetzen." Landrat Grillmeier war es wichtig, die Situation in und um die Waldnaabaue im Blick zu behalten, dafür seien die Treffen wichtig. Er befürwortete auch eine Evaluation der Situation im Umfeld der Aue.

Mit der Frage, wie Teichwirte in der schwierigen Situation unterstützt werden können, beschäftigen sich auch unter anderem MdL Tobias Reiß, Ely Eibisch, stellvertretender Präsident und Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbands, Alexander Horn, Fischotterberater für die nördliche Oberpfalz, Tobias Küblböck, Kormoranbeauftragter, Thomas Kurzeck, Projektleiter der Waldnaabaue, Jacob Keller, Ranger des Landkreises, sowie betroffene Teichwirte.

Mit aller Kraft für den Erhalt

HIer erfahren Sie mehr über die Otterentnahme

Deutschland & Welt
Zwei männliche Fischotter dürfen bis Ende des Jahres im Landkreis Tirschenreuth entnommen werden.
Jäger und Naturschützer sehen Waschbären als Gefahr für heimische Tierarten.
Kormorane bedrohen die Ernte der Teichwirte.
Hintergrund:

Viele Teichwirte in Existenz bedroht

Viele Nordoberpfälzer Teichwirte sind in ihrer Existenz bedroht: Rund 4 700 Teiche gibt es allein im Landkreis Tirschenreuth. Sie prägen das Bild der Kulturlandschaft, tragen maßgeblich zum Erhalt der Artenvielfalt bei und sind ein wichtiger Teil der regionalen Identität, was die Aufnahme der traditionellen Karpfenteichwirtschaft in die Liste der Immateriellen Kulturgüter des Freistaats Bayern im April 2020 belegt. Und doch herrscht unter den Teichwirten immer mehr ein Gefühl der Ohnmacht. Auslöser dafür: der Fischotter und andere Fischräuber.

Vor allem der streng geschützte Fischotter breitet sich in Bayern, und insbesondere in der Oberpfalz, weiter aus und zwingt durch Schäden in den Fischbeständen mehr und mehr Teichwirte dazu aufzugeben.Ein Blick auf die Höhe der Entschädigungszahlungen zeigt für den Regierungsbezirk Oberpfalz im Vergleich zum Rest des Freistaats eine überproportionale Entwicklung: Lag die gemeldete Schadenssumme 2016 in der Oberpfalz noch bei gut 200 000 Euro (Bayern: 280 000 Euro), war sie 2018 bereits auf 570 000 Euro angestiegen (Bayern: rund 1 Million Euro). Das ist eine Steigerung um mehr als 185 Prozent. (exb)

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.